Welches ist die ultimative sportliche Herausforderung? Der eine oder andere denkt vielleicht an die Velorennfahrer an der Tour de France, an die Triathleten am Ironman auf Hawaii. Oder ist es ein Marathon über 42 Kilometer, gar ein Ultra-Marathon über 84 Kilometer?

Wettkämpfe, an die sich nur ambitionierte Ausdauerathleten wagen, Herausforderungen, wie sie der 44-jährige Simon Schmid aus Mönthal sucht – und meistert, wohlgemerkt.

Er hat unglaubliche Distanzen auf zwei Beinen zurückgelegt, ist in seiner Alterskategorie Weltrekordhalter im 48-Stunden-Lauf, lief im tschechischen Kladno im Juli 2012 die Distanz von 321,475 Kilometern – mehr als jeder andere zuvor.

Damit nicht genug: Schmid ist Schweizer Meister im 12-Stunden-Lauf, rannte im Mai 2013 in Basel 130,814 Kilometer. Ein Jahr zuvor wurde er Schweizer Meister im 24-Stunden-Lauf, legte 232,546 Kilometer zurück.

Unter dem Titel «Ultra-Running Switzerland» strebt der Mönthaler jetzt nach noch Grösserem: Als erster Ultraläufer will er die Strecke zwischen Bodensee und Genfersee nonstop zurücklegen.

Die Rede ist von einer Distanz von sage und schreibe 370 Kilometern – was fast neun Marathonläufen am Stück entspricht. Der Start erfolgt am 22. August in Romanshorn, Ankunft ist zwei Tage später in Lausanne. Insgesamt führt der Lauf durch acht Kantone.

Zweite Nacht als Knacknuss

Das Ziel ist klar: «Ich will gesund und aufrecht ankommen», sagt Schmid. Er spricht von einem Abenteuer, bei dem er nicht genau wisse, was ihn alles erwarte. Als zusätzliche Schwierigkeit bezeichnet er die 1600 Höhenmeter sowie den Umstand, dass 80 Kilometer des Weges nicht asphaltiert sind. «Das ist sehr kräfteraubend.»

Die eigenen Grenzen spüren: Mit diesen Worten bezeichnet Schmid seine Motivation. Er glaube nur an die Grenzen, die er selber ausgetestet habe. Sein Vorhaben «Ultra-Running Switzerland» mag verrückt klingen. Verrückt ist Schmid nicht. Im Gegenteil: Er spricht ruhig und überlegt, bereitet sich minutiös vor.

Er weiss: Je länger ein Lauf dauert, desto schwieriger wird es. Eine Knacknuss sei die zweite Nacht. «Die Müdigkeit macht sich bemerkbar, die Schmerzen nehmen zu – und trotzdem muss ich konzentriert bleiben.»

Seine Strategie: Er schaut nicht auf die Uhr. «Ich orientiere mich nicht an der Zeit, sondern laufe mit der Natur, versuche mein Umfeld ganz bewusst wahrzunehmen», sagt der Sportler.

«Ich freue mich in den Morgenstunden auf den Mittag, später auf die einkehrende Ruhe gegen Abend, auf die Stille und die Schwere in der Nacht, auf das Zwitschern der ersten Vögel in der Früh. Ich lenke mich nicht mit Musik ab, schaue immer nach vorne und nie zurück.»

Schmid ist klar: «Ich muss meine Energie gut einteilen.» Denn steige man zu schnell in ein Rennen, könne man sang- und klanglos untergehen.

Von grosser Bedeutung sei das Betreuerteam. Dieses besteht am «Ultra-Running Switzerland» aus 16 Personen – «alle kennen mich seit Jahren sehr gut. Das gibt mir Sicherheit.»

Sowieso: Ohne professionelle Unterstützung sei ein solches Vorhaben nicht umsetzbar. Es handle sich, so Schmid, um einen logistischen Riesenaufwand. Bei seinem Lauf wird er begleitet von einem Fahrzeug, ständig an seiner Seite sind überdies zwei Velofahrer.

«Es ist machbar»

Auf die Idee für das Projekt «Ultra-Running Switzerland» kam Schmid, der beruflich als stellvertretender Leiter Pflege im Bereich Unfall-Rehabilitation arbeitet, durch eine Ausbildung am Bodensee.

Er habe regelmässig trainiert und sich im Zug sitzend überlegt, ob es nicht möglich sei, die Strecke zwischen Boden- und Genfersee laufend zu verbinden.

Der Mönthaler legte einzelne Etappen mit dem Velo zurück, spielte mit dem Gedanken, das Vorhaben zu verwerfen – «zu anstrengend». Aber der Gedanke liess ihm keine Ruhe und er kam zum Schluss: «Es ist machbar.»

Seine Tätigkeit in der Rehaklinik Bellikon kommt dem Sportler im Aufbau entgegen. «Ich kann vom sportmedizinischen Wissen und der modernen Infrastruktur profitieren.»

Grundsätzlich sei es wichtig, dem Körper neue Impulse zu geben, nicht monoton, sondern gezielt und abwechslungsreich zu trainieren.

«Seit drei Jahren laufe ich regelmässig den Frauenfelder Waffenlauf», nennt Schmid ein Beispiel. «Seither trainiere ich wöchentlich einmal mit Volltenü inklusive Gewehr. Der Effekt ist nach meinem Empfinden besser als bei einem klassischen Intervalltraining.»

Seinen Arbeitsweg oder die Mittagspausen nutzt Schmid für seine sportlichen Aktivitäten, pro Woche kommt er auf ein Laufpensum von rund 120 Kilometern.

Durch seine langjährige Erfahrung kenne er die Signale des Körpers und wisse bei der Ernährung genau, was er brauche. Ultraläufe, ist sich der Mönthaler bewusst, seien eine riesige Belastung für den Körper: Gelenke, Muskeln, Sehnen. Besonderes Augenmerk gelte der Regeneration.

Als Vorbereitung auf das Projekt «Ultra-Running Switzerland» wird Schmid deshalb bis August keine 24- oder 48-Stunden-Läufe mehr bestreiten.

Ein nächstes Mal testen wird er seine Form am 18. Mai am 12-Stunden-Lauf in Basel. Bereits teilgenommen hat er an einem 12-Stunden-Lauf in Belgrad.

In einem hart umkämpften Rennen und einem internationalen Starterfeld belegte er mit 119,5 zurückgelegten Kilometern den 2. Platz.

Kein Ausnahmetalent

Der Laufsport führe zu einer inneren Ruhe, sagt der Sportler. «Training, Ernährung und das Zusammenspiel zwischen Körper und Geist bieten eine unglaubliche Faszination, sich selber kennen zu lernen. Das kommt mir im normalen Alltag zugute.»

Ein Ausnahmetalent müsse niemand sein, um körperliche Höchstleistungen zu erbringen, stellt Schmid fest. Entscheidend seien vielmehr die mentale Stärke und der Wille – sowie Selbstdisziplin und Ausdauer, an den gesteckten Zielen zu arbeiten.