Baden

Zweite Kindheit, völliges Vergessen - ein Theaterstück über Alzheimer

Jaap Achterberg als Vater August und Sohn Arno Geiger. Bild: Simon Egli

Jaap Achterberg als Vater August und Sohn Arno Geiger. Bild: Simon Egli

Ein eindrücklicher Abend mit «Der alte König und sein Exil» im ThiK – auf gefühlvolle Weise wird dem Publikum die Welt der Alzheimerkranken und ihrer Angehöriger näher gebracht. Bei aller Tragik gibt es auch lustige Momente.

Lange wurde sie verdrängt oder höchstens unter vorgehaltener Hand über sie gesprochen: Alzheimer – die Krankheit, die erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom deutschen Psychiater und Neuropathologen Alois Alzheimer beschrieben worden war.

Heute wird die Krankheit breit thematisiert, wurde das Wissen über sie letztes Jahr durch den deutschen Kinokassenschlager «Honig im Kopf» und die Oscar-gekrönten amerikanische Verfilmung «Still Alice» sozusagen Allgemeingut.

In seinem 2011 erschienenen Buch «Der alte König in seinem Exil» hat der österreichische Autor Arno Geiger seine ganz persönlichen, hautnah erlebten Erfahrungen mit der Krankheit niedergeschrieben. 15 Jahre lang hatten er und seine Geschwister ihren Vater August, der kurz nach seiner Pensionierung an Alzheimer erkrankt war, durch die unaufhaltsam fortschreitende Krankheit begleitet. «Der letzte Akt, mit dem die seltsam wechselnde Geschichte schliesst, ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen . . .», heisst es in William Shakespeares Komödie «Wie es Euch gefällt».

Zusammen mit Regisseur Klaus Henner Russius hat der Schauspieler Jaap Achterberg Arno Geigers Erzählung für die Bühne umgesetzt. Eine weisse Bank, Achterberg und ein Notizbuch – mehr ist da, rein äusserlich – nicht. Aber es genügt, um das Publikum während 70 Minuten in schier atemloser Beklemmung zuhören zu lassen.

Nur manchmal, zwischendurch, wird gelacht, wenn Schalk die dunkle Welt des Vergessens für einen kurzen Moment erhellt; wenn Arno auf eine Frage von seinem Vater unverhofft eine letztendlich logische, aber gleichwohl köstliche Antwort bekommt.

Ein berührendes Stück

Achterberg zeichnet als Arno Geiger ebenso klar und distanziert den Lebenslauf seines Vaters auf, wie er hingebungsvoll und ergreifend den Kampf des Sohnes vermittelt, in die Welt des Kranken vorzudringen.

Dazwischen schlüpft der Schauspieler auch immer wieder in die Rolle von August – gibt ihn mal polternd, mal zweifelnd, mal suchend. So erleben die Zuschauer gleichsam die Not des Nicht-fassen-Wollen des Sohnes, wie sie auf berührende Weise Einblicke bekommen in die Verlorenheit und Abgeschiedenheit des Alzheimer-Kranken.

Regisseur und Schauspieler bescheren dem Zuschauer einen Theaterabend, der zwar beklemmt und leise Ängste weckt, aber dennoch – oder gerade deswegen – einen tiefen und nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

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