Killwangen/Spreitenbach

Zwei Gemeinden im Umbruch: ein Rundgang über die Baustellen der Limmattalbahn

Seit mehr als sechs Monaten laufen die Bauarbeiten für die Limmattalbahn in Killwangen und Spreitenbach auf Hochtouren. Chefbauleiter Michele Carrer nahm das Badener Tagblatt mit auf einen Rundgang zu den verschiedenen Baustellen.

Wer heute mit dem Auto von Baden aus zum Bahnhof Killwangen fahren will, muss einige Minuten mehr einberechnen. Statt wie früher nach der Ampel bei der Zürcherstrasse links weg, wird man durch das Dorf geleitet und kurz vor der Grenze zu Spreitenbach über die Kreuzung geführt. Dabei sticht auf der linken Seite eine riesige Baustelle ins Auge, eine einst viel befahrene Strasse dem Erdboden gleichgemacht. Hier wird der Limmattalbahn der Boden bereitet. Die Bauarbeiten sind in Killwangen und in Spreitenbach im September gestartet. Kostenpunkt: 180 Millionen Franken.

Beim Bahnhof Killwangen befindet sich Bauabschnitt 7. Hier ist die grösste der sieben Baustellen, die auf einer Strecke von vier Kilometern zu finden sind. Wenn alles nach Plan läuft, soll die Limmattalbahn ab Dezember 2022 von Altstetten ZH bis zum Bahnhof Killwangen fahren. Dort trifft das BT auf Michele Carrer, den Chefbauleiter von der zuständigen Ingenieurgemeinschaft IG SGA Limmattal. Er kennt sich mit Grossbaustellen bestens aus: Er hat bereits den Umbau des Badener Schulhausplatzes geleitet. Seit einem Jahr ist er nun Tätschmeister bei den Bauarbeiten der Limmattalbahn.

Als Chefbauleiter ist er sich viel gewohnt: Er ist Hauptansprechpartner für alle, die ihren Frust loswerden wollen oder Fragen haben. Seine Telefonnummer steht auf den 4800 Broschüren, die alle drei Monate an die Einwohner verteilt werden, um über die nächsten Schritte zu informieren. «Bei jedem Phasenwechsel habe ich am Anfang immer etwas mehr Anrufe von verärgerten Menschen», sagt er. Dabei gehe es zum Beispiel um die Signalisation. Nachdem er beim Umbau des Schulhausplatzes auch schon mitten in der Nacht geweckt worden war, schaltet er inzwischen bei seinem Handy nachts aber den Flugmodus ein. Er hat natürlich Verständnis für die Menschen: «Die erste Umstellung ist immer die schwierigste, mit der Zeit gewöhnen sich die Menschen aber daran und die Anrufe nehmen ab.»

Carrer führt uns zu den fünf der sieben Abschnitte, die aktuell in Bau sind. Abschnitt 1 beim Recycling Paradies in Spreitenbach an der Grenze zum Kanton Zürich ruht noch: «Dort wird erst gegen Ende Jahr gebaut», so Carrer. Auch bei Abschnitt 6 an der Grenze zu Killwangen läuft gerade nichts: «Da haben wir die Werkleitungen verlegt, im November geht es dann weiter.»

Gesperrtes Gässli sorgte für Aufregung

Viel mehr tut sich hingegen bei den Bauabschnitten 2 bis 5. Diese befinden sich zwischen «Hilton»-Hotel und «Shoppi Tivoli», sozusagen in Neu-Spreitenbach. Hier wurden in den vergangenen Jahren zwei neue Quartiere aus dem Boden gestampft, einerseits der «Limmatspot» im Sandäcker – Bauabschnitt 4 –, andererseits der Kreuzäcker mit dem 2019 eröffneten Hotel – Bauabschnitt 2. Letzteres erhält gleich davor eine eigene Limmattalbahn-Haltestelle. Andere Stopps entstehen bei der Ikea und bei der Umweltarena – und beim «Tivoli Garten», dem nächsten Grossprojekt in Spreitenbach: Auf der Fläche zwischen Ikea und Tivoli wird schon bald mit dem Aushub für einen Obi-Baumarkt, 438 Wohnungen und einen Kindergarten begonnen. «Wir bauen hier aber lediglich die Haltestelle», ergänzt Carrer.

Der Limmattalbahn mussten auch viele Bäume weichen, so unter anderem beim «Shoppi»-Parkplatz: «Die Anwohner haben jedem Baum nachgetrauert», so Carrer, er habe einige erboste Anrufe erhalten. Kurz nachdem die Bäume weg waren, nahmen das rund 600 «Shoppi»-Besucher hingegen zum Anlass, über die nun leere Wiese zu fahren – um sich das Ausfahrtticket zu sparen. Carrer zeigt auf weitere Spuren in einer schmalen Wiese beim Parkplatz, die darauf hindeuten, wie einige mit ihren Autos einen anderen Weg als den ausgeschilderten suchten, um die Parkgebühr nicht zahlen zu müssen. Die Ausfahrt geht unter der alten Brücke durch, bei der ein sogenannter Höchstdruckwasserstrahl-Roboter gerade den Betondeckel abträgt. Der Lärm ist ohrenbetäubend, Rauch steigt auf, Wasser tropft auf die durchfahrenden Autos.

Das Ortsbild der beiden Gemeinden wird sich durch die Limmattalbahn nachhaltig verändern. Die grösste Veränderung erfährt aber wohl die Umgebung rund um den Bahnhof Killwangen. Vis-à–vis dem Bahnhofsgebäude befindet sich am einst grünen Hang das Ankegässli, dessen Sperrung in der vergangenen Woche für Aufregung sorgte. Manche fühlten sich schlecht informiert. Denn: Der schnellste Fussweg zum Bahnhof fällt bis spätestens im August aus. Der ganze Hang wurde abgetragen, die Treppe ist zwar noch zu sehen, aber nicht mehr begehbar. Es gäbe einen Schleichweg, den normalerweise viele Schüler nehmen, doch den haben die dortigen Anwohner nun eigenhändig gesperrt – um zu viele ungebetene Gäste zu vermeiden. Auch das habe in den letzten beiden Wochen einige unangenehme Anrufe mit Aussagen unter der Gürtellinie ausgelöst, so Carrer.

Mit solchen Anrufen wird er sich demnächst wieder häufiger herumschlagen müssen: Anfang Juni gehen die Arbeiten in eine neue Phase und die Verkehrsführung ändert sich erneut.

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