Montagsporträt

Wie aus einem passionierten Koch ein gläubiger Tätowierer wurde

Der 50-jährige Dan Tschanz tätowiert seit 20 Jahren in Wettingen. Für den gelernten Koch ist Tätowieren mehr als eine berufliche Beschäftigung. Hier tätowiert jemand, für den der Glaube mehr als nur der sonntägliche Kirchenbesuch ist.

Daniel Tschanz, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, verkörpert zwar äusserlich das, was sich der Durchschnittsbürger unter einem Tätowierer vorstellt: kräftig, Haare zum Rossschwanz zusammengebunden, Harleyfahrer; er hört Rockmusik und ist selbstredend an beiden Armen tätowiert. Wer – wie der Schreibende selbst – insgesamt zehn Stunden für ein Tattoo im Studio von Dan verbracht hat, lernt den Menschen hinter dem Klischee kennen.

Kochtipps vom Tätowierer

Aufgewachsen ist der bald 50-jährige gebürtige Berner Oberländer in Bellikon. Der Vater war Spitaldirektor in der dortigen Suva-Klinik. «Mein Vater hat zwar ein Spital geführt, doch abends war er stets für die Familie da.» Nach der Schule machte Dan Tschanz im Casino Baden eine Kochlehre und begab sich nach dem Abschluss auf die Wanderjahre: «Ich habe in verschiedenen Hotels in Graubünden und im Tessin gearbeitet.» Einen derart häufigen Stellenwechsel sieht man bei anderen Berufen zwar ungern: «Im Gastrogewerbe ist es aber Pflicht, weil man so viele Erfahrungen machen kann.»

Als knapp 20-Jähriger hat er in einem Delikatessenladen in Zürich gearbeitet, wo er auch seine Frau kennen gelernt hat. Mit ihr ist er bald 25 Jahre verheiratet. «In jungen Jahren in einem so noblen Geschäft zu arbeiten, war schon eine Ehre.» Dass er heute auch noch passionierter Koch ist, merkt man schnell. Wer sich in Dans Tattoo-Studio eine Tätowierung stechen lässt, bekommt auch Kochtipps. Mit Zitronensaft kann man etwa Fisch zum Garen bringen, erklärt Dan.

Die Gastrobranche war ihm irgendwann zu wenig. Mitte der Neunzigerjahre zog es Dan in die ehemalige DDR. Dort erlernte er das Handwerk des Tätowierers. Ein knappes Jahr lebte er in einem kleinen deutschen Dorf und absolvierte bei einem Tätowierer eine Art Lehre. Zunächst kümmerte er sich um die Instandsetzung der Tätowiergeräte. «Ich habe tagelang Nadeln gelötet.» Typische Lehrlingsarbeit eben. Gleichzeitig widmete er sich der Tätowierkunst. Zuerst auf Schweinehäuten, versteht sich. Irgendwann kam es aber zur eigentlichen Bewährungsprobe, seiner ersten richtigen Tätowierung.

Dan erinnert sich noch gut daran: «Mein erstes Tattoo habe ich glücklicherweise auf dem Rücken des Kunden gemacht. So sah dieser nicht, wie nervös ich war.» Aber Dan bestand seine Feuertaufe: Der Kunde war mit seinem kostenlosen Tattoo sehr zufrieden. Nach seinem erfolgreichen Gesellenstück ging er wieder zurück in die Schweiz, nach Wettingen.

Entweder richtig oder gar nicht

1997 eröffnete er in einem ehemaligen Kleiderladen in der Nähe des Wettinger Gemeindehauses sein Studio. Das Ladenlokal zu bekommen, war aber nicht so einfach, weil die damalige Vermieterin eine negative Vorstellung von einem Tattoo-Studio hatte. «Ich habe ihr aber gesagt, dass ich sie gerne treffen würde.» So kam es, dass sich die ältere Frau und der Tätowierer in einem Café trafen.

Es dauerte 15 Minuten, und Tschanz hatte die Frau überzeugt. «Wahrscheinlich haben mir meine blauen Augen dabei geholfen», meint er mit einem Lachen. Als er das Tattoo-Studio eröffnet hatte, schaltete er zunächst in der Lokalzeitung Inserate. Aber Kunden finde man vor allem über Mundpropaganda. Zu Beginn lief das Geschäft noch nicht so gut. «Ich bin sehr froh, dass mich meine Frau immer unterstützt hat.» Er überlegte sich, eine Nebenbeschäftigung zu suchen, doch seine Frau meinte, er solle es entweder richtig oder gar nicht machen.

Christliche Botschaft

Für Dan ist Tätowieren mehr als eine berufliche Beschäftigung. Die vielen christlichen, selbst gemalten Bilder in seinem Tattoo-Studio zeigen: Hier tätowiert jemand, für den der Glaube mehr als nur der sonntägliche Kirchenbesuch ist. «Ich möchte die gute Nachricht des Evangeliums weitergeben. Wenn die Kunden aber nicht über Gott reden wollen, dränge ich mich nicht auf.»

Der Glaube spielt in Dans Leben dennoch eine grosse Rolle. Momentan sind zwar Maori-Motive gross in Mode, doch Dan tätowiert auch immer wieder christliche Motive. «Kürzlich habe ich einen Dornenkranz und ein Zitat aus der Bibel tätowiert.» Dans Tattoo-Studio feiert demnächst sein 20-jähriges Bestehen. Dies beweist: Dan hat sich längst etabliert. Der Christ, wie er sich selbst immer wieder nennt, entspricht wahrlich nicht der landläufigen Meinung eines Tätowierers.

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