Untersiggenthal
Wie aus der Judo-Trainerin eine Alzheimer-Pflegefachfrau wurde

Doris Knecht lebt seit einem Jahr in Thailand und lehrt dort einheimischen Pflegefachleuten, wie sie mit demenzkranken Menschen umgehen können. Es ist ihr persönliches Schicksal, das sie auf diesen Weg brachte.

Erna Jonsdottir
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In Thailand werden Demenzkranke aus der ganzen Welt behandelt. Die Bedingungen sind ideal – für «Stress» gibt es beispielsweise nicht einmal ein Wort.

In Thailand werden Demenzkranke aus der ganzen Welt behandelt. Die Bedingungen sind ideal – für «Stress» gibt es beispielsweise nicht einmal ein Wort.

Zur Verfügung gestellt

«Das Alter bringt bei vielen Menschen die Krise mit sich», sagt Doris Knecht, streicht sich durch ihr weisses Haar, faltet ihre Hände zusammen und legt sie in den Schoss. Knecht, die in ihrem thailändischen Kleid und mit ihren klaren blauen Augen viel jünger wirkt, als sie ist, weiss, wovon sie spricht. Als psychosoziale Begleiterin ist sie mit vielen Schicksalen in Berührung gekommen. Doch auch sie hat eine Geschichte.

Die ehemalige Judo-Trainerin war 44, als ihr Mann an Leukämie erkrankte. «Die Diagnose kam 1996 aus dem Nichts. Wir waren geschockt», erinnert sich die zweifache Mutter. «Wir waren ein Dream-Team und mit unserer asiatischen Kampfsportschule weit über die Region hinaus bekannt.»

In ihren vier Filialen in Nussbaumen, Untersiggenthal, Ehrendingen und Bremgarten unterrichteten sie auch Kinder mit Verhaltensschwierigkeiten. «Wir waren die Ersten in der Schweiz, die auf solche Kinder spezialisiert waren. Vermittelt wurden sie vom Schulpsychologischen Dienst.» Es gebe bei den Kampfsportarten Judo, Aikido und Karate auch einen therapeutischen Ansatz.

«Für ‹Stress› gibt es nicht einmal ein Wort. Thailänder leben im Jetzt. Es gibt auch keinen Neid. Die Menschen sind genügsam.» Doris Knecht, Sozialbegleiterin.

«Für ‹Stress› gibt es nicht einmal ein Wort. Thailänder leben im Jetzt. Es gibt auch keinen Neid. Die Menschen sind genügsam.» Doris Knecht, Sozialbegleiterin.

Zur Verfügung gestellt

Ihr Mann liess nur für die Familie drei Mal eine Chemo-Therapie über sich ergehen. Als die Krankheit sechs Jahre später wieder ausbrach, wollte er lieber sterben, als sich nochmals einer Therapie auszusetzen. «Beim zweiten Mal sass der Schock nicht so tief zu wie beim ersten Mal. Trotzdem war es eine sehr schwierige Zeit.»

Im Gegensatz zu vielen anderen Familien hätten sie jedoch gemeinsam für die Trauerarbeit Zeit gehabt. 2002 verstarb ihr Mann mit 67 Jahren. Die damals 50-Jährige nahm ihre Krise als Chance wahr. «Ich wollte etwas aus meinen Erfahrungen machen, die ich durch die Pflege und Begleitung meines todkranken Mannes gesammelt hatte.»

Knecht bewarb sich für ein Praktikum als psychosoziale Begleiterin beim Regionalen Pflegezentrum Baden (RPB). 2007 verkaufte sie die Budo Schule Randokan und erlangte an einer Zürcher Schule den Fachausweis für Sozialbegleitung. Fünf Jahre arbeitete sie beim RPB mit dementen Menschen und half, das Tages- und Nachtzentrum aufzubauen.

Durch ein SMS nach Thailand

Es war ein unerwartetes SMS, das ihr Leben veränderte. «Ich war auf einer Fahrrad-Reise in Spanien, als mein Sohn schrieb, dass der Vater seines Freundes Personal für ein Alzheimer-Resort in Thailand sucht.» Knecht, die 37 Jahre Lehrerin für asiatische Kampfsportarten war, hatte noch in ihrem Leben einen Fuss in ein asiatisches Land gesetzt. «Für mich war aber sofort klar, dass ich dieses Angebot annehmen muss.»

Im Mai 2013 kündigte Knecht ihre Stelle beim RPB. Ihre Chefin habe sich zwar nicht darüber gefreut, sei aber der Meinung gewesen, dass diese Herausforderung auf sie zugeschnitten sei. «Ich hätte mich sowieso von niemandem abbringen lassen, nach Thailand zu gehen.» Erwartungen hatte Knecht keine. «Ich habe an nichts und niemanden Erwartungen. Das lernt man im Umgang mit dementen Menschen.» Denn wer Erwartungen habe, könne nur enttäuscht werden.

Im Oktober 2013 reiste sie mit einem Koffer und ihrem Fahrrad nach Chiang Mai, eine Provinz im Norden Thailands. Gemeinsam mit ihrem Lebenspartner lebt die 63-Jährige in der Nähe des Vivo bene Village, wo sie Pflegefachpersonal für Alzheimer ausbildet. Im Village werden demente, schwer demente und psychisch beeinträchtigte Menschen aus der ganzen Welt betreut.

Die Frau mit den weissen Haaren

«In Thailand denken viele Menschen, Alzheimer sei ansteckend.» Gegenüber Thailändern spreche man deshalb nicht von einer Krankheit, sondern davon, dass das Hirn nicht mehr richtig funktioniert. «Demenz widerspiegelt das, was man gelebt hat.»

In Europa seien die meisten Menschen gestresst und immer auf Draht, das sei in Thailand völlig anders. «Erstens gibt es weniger demente Menschen, sie fallen aber auch nicht auf, weil sie einen ganz anderen Lebensstil haben.» Auch Knecht hat in Thailand einen anderen Lebensstil, einen friedlichen und ruhigen. «Für ‹Stress› gibt es nicht einmal ein Wort. Thailänder leben im Jetzt. Es gibt auch keinen Neid. Die Menschen sind genügsam.»

Durch ihre weissen Haare geniesst Knecht noch andere Privilegien als in der Schweiz. «Mit meinen Haaren bin ich in Thailand ein Exot.» Alle Frauen würden ihre Haare färben. «Die müssen denken, dass ich 100 Jahre alt bin. Polizisten stoppen den Verkehr, damit ich über die Strasse gehen kann. Neulich hat mir eine uralte Frau geholfen, eine Treppe herunterzukommen», sagt Knecht und lacht. Die menschlichen Probleme seien aber auf der ganzen Welt dieselben. Knecht, die derweil in der Schweiz im Urlaub ist, freut sich, wieder nach Thailand zu reisen. Ob sie jemals wieder in der Schweiz leben wird, lässt sie offen.