Baden

«Wer hat Angst vorm Tod?» – Das Krematorium wird zur Theaterbühne

Annina Sonnenwald: «Im Krematorium ist das Thema Tod fassbarer.»

Annina Sonnenwald: «Im Krematorium ist das Thema Tod fassbarer.»

Annina Sonnenwalds neustes Stück «Wer hat Angst vorm Tod» handelt von einer Beerdigung einer jungen Frau. Im Interview mit der Aargauer Zeitung spricht sie über Todesangst und die Idee, den Tod zu inszenieren.

Die Badener Regisseurin Annina Sonnenwald (31) hat eine Vorliebe für aussergewöhnliche Schauplätze: Letztes Jahr inszenierten sie und die Bewegungsschauspielerin Simona Hofmann mit Sträflingen ein Theater im Gefängnis in Lenzburg. Am Mittwoch ist die Premiere von ihrem nächsten Stück «Wer hat Angst vorm Tod?» – im Badener Krematorium.

Frau Sonnenwald, haben Sie selbst Angst vor dem Tod?

Annina Sonnenwald: Das kann ich nicht sagen. Ich habe mich noch nicht übermässig mit meinem Tod auseinandergesetzt. Haben Sie sich schon überlegt, ob Sie kremiert oder beerdigt werden möchten?

Nein. Und Sie?

Mir ist es egal. Ein Bestatter erzählte mir bei meinen Recherchen für das Stück, dass es eigentlich nicht darauf ankommt, was der Verstorbene will. Bei der Beerdigung geht es schliesslich nur darum, was die Hinterbliebenen brauchen, um Abschied nehmen und den Tod verarbeiten zu können.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den Tod zu inszenieren?

Beim letzten Stück «1005 – das Experiment» spielten Senioren mit, darunter auch die 90-jährige Maja. Sie erzählte mir, dass sie sich einmal selber umbringen werde, wenn sie merkt, dass sie abhängig wird. Wie sie das anstellen möchte, wird sie im Stück erzählen, in dem es um die fiktive Beerdigung einer jungen Frau geht – es ist eine romantische, aber auch grausame Art.

Ist es nicht etwas brutal, jemanden von seinem geplanten Suizid erzählen zu lassen?

Mag sein, aber Suizide im Alter sind eine Realität. Maja ist eine 90-jährige Frau, die sich dazu entschieden hat, selber zu gehen, bevor sie zu einem Pflegefall werden würde – und sie steht dazu.

Deshalb die Altersfreigabe ab 18 Jahren?

Ja. Zudem sind das Thema Tod im Allgemeinen und das Krematorium als Aufführungsort nicht geeignet für jüngere Leute. Das ist wie mit gewissen Filmen – es gibt Bilder, die erzeugt werden, die nicht ins Jugendalter gehören. Das gibt schlechte Träume.

Wie haben Sie über den Tod recherchiert?

Ich besuchte Beerdigungen, begleitete einen Bestatter und schaute mir das Krematorium an. Es war total spannend: Das Krematorium funktioniert wie eine Bäckerei oder eine Produktionsfirma – alles passiert ganz emotionslos nach einem festgelegten Ablauf. Die computergesteuerte Verbrennungsanlage sieht aus wie aus Raumschiff Enterprise.

Das hört sich fast schon absurd an.

In den ganzen Ritualen, die mit dem Tod und Beerdigungen zu tun haben, hat es Absurditäten. Beim Bestatter, den ich besucht habe, kann man beispielsweise zwischen 15 verschiedenen Särgen und 80 Urnen auswählen – und das ist noch ein kleines Angebot. Man kann das Sargmodell Florenz aussuchen und entscheiden, ob die Innenausstattung lachsrosa oder doch lieber blau sein soll.

Dieses Angebot ist derart übertrieben, dass es komisch wirkt. Ist «Wer hat Angst vorm Tod?» ein komisches Stück?

Es hat ein bisschen von allem. Das Stück ist ein Spiegel der traditionellen und modernen Umgangsformen, die wir praktizieren, wenn jemand stirbt. Dazu gehören die praktischen Elemente wie die Arbeit des Bestatters, das Krematorium oder Karten schreiben. Oder Rituale wie Abdankungsreden, wie sie auch im Stück vorkommen. Als Parodie auf diese rituellen Handlungen werden Sprüche eingeflochten wie ‹der letzte Schrei ist der schönste Tod› oder ‹in der Asche liegt die Würze›.

Bei solchen Floskeln muss man schmunzeln. Macht dies den Umgang mit dem Tod einfacher?

Ja, das glaube ich. Wenn etwas Absurdes passiert oder etwas Komisches gesagt wird, muss man lachen – und lachen ist etwas sehr lebhaftes, es zieht einen wieder zurück in das Leben. Bei einer Beerdigung ist es wohl eher ein schamhaftes Lachen.

Das Stück spielt in der Abdankungshalle und im Krematorium. Ist das nicht zu viel Tod auf einmal?

Das gehört zum Leben dazu – jeder geht einmal diesen Weg. Würde das Stück auf einer Bühne spielen, wäre es nur eine halbe Sache. In der Abdankungshalle und im Krematorium ist das Thema Tod fassbarer.

Am Schluss wird auch noch ein Sarg verbrannt.

Ja, auch das gehört dazu, dass passiert jeden Tag. Durch ein Fenster hindurch kann man zusehen, wie der Sarg verbrennt. Das gibt ein wahnsinnig schönes Bild mit den roten, gelben und orangen Farben. Das Feuer im Ofen ist riesig – man sieht direkt in die Hölle.

Könnte dies nicht auf einige Leute pietätlos wirken?

Ein anderes Wort für Pietät ist Ehrfurcht. Die habe ich durchaus vor dem Thema. Ausserdem liegt ja keine richtige Leiche im Sarg.

Dennoch: Besonders die religiösen Kreise könnten sich provoziert fühlen.

Das werden wir sehen. Der Tod ist ein allgegenwärtiges, brennendes Thema. Es ist jedermanns Sache, jeder wird einmal diesen Weg gehen. Aber niemand spricht darüber. Der Tod ist immer einschneidend für die Hinterbliebenen und eine Herausforderung, damit umzugehen. Auch wenn man es verdrängt – der Tod findet trotzdem statt. Deshalb will ich eine Auseinandersetzung mit diesem Thema. Wie das Publikum reagieren wird, kann ich nicht abschätzen.

Ostern ist die Zeit des Todes und der Auferstehung. Ist das der Grund, wieso das Stück kurz nach Ostern aufgeführt wird?

(lacht): Nein. Es es ist ein rein organisatorischer Grund: Eigentlich wollte ich das Stück später aufführen, Simona hat dann aber bereits ein anderes Engagement. Sie spielt die Hauptrolle – die Leiche.

«Wer hat Angst vorm Tod?»: Mi bis Fr, 23. bis 25. April, Di bis Fr, 29. April bis 2. Mai, Di bis Fr, 6. bis 9. Mai, jeweils um 20 Uhr, Krematorium, Friedhof Liebenfels, Baden. Tickets bei Info Baden, Tel. 056 200 84 84.

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