Nussbaumen

«Von wegen störrische Vierbeiner» – Alois Feltrin beschäftigt seit über 70 Jahren mit Eseln

Alois Feltrin auf der Baldegg mit seinen Eselinnen Salome und Lady.

Alois Feltrin auf der Baldegg mit seinen Eselinnen Salome und Lady.

Anfangs war er noch begeisterter Esel-Fan, nun ist er ausgewiesener Fachmann. Der diplomierte Eselführer Alois Feltrin erzählt von den Anfängen und weiss warum die Tiere nicht störrisch sind.

Fünf Tage in der Woche machen sich Alois Feltrin und seine Frau Heidi vormittags auf den Weg von Nussbaumen auf die Baldegg oberhalb. Dort werden sie im Stall vom Hof der Familie Rymann, sehnsüchtig vom «Salome» und «Lady» erwartet. «Equus asinus asinus» – zu Deutsch Hausesel werden die beiden Damen gemeinhin genannt. Im Leben von Feltrin spielen sie seit dessen Jugend eine grosse Rolle. Seit acht Jahren ist der 81-Jährige gar diplomierter Eselführer.

Als Sohn eines Italieners und einer Katalanin in Untersiggenthal aufgewachsen, hatte Feltrin in St. Gallen und Zürich Ökonomie studiert und später an der Kanti Baden 28 Jahre Wirtschaft und Recht unterrichtet Mehr als 30 Jahre hatte er sich fürs Kurtheater Baden engagiert, die Hälfte davon als Präsident der Theaterstiftung. Auf eine Legislatur als FDP-Vertreter im Einwohnerrat Obersiggenthal war Feltrin 1989 als Richter ans Bezirksgericht Baden gewählt worden – ein Amt, das er 20 Jahre ausübte.

Es geschah in Organyà

Ob er sich in seinem Berufsleben auch mit der einen oder anderen Eselei hatte herumschlagen müssen, bleibt geheim. Sicher ist, dass er als Achtjähriger erstmals auf einem Esel sass. «Do het’s mer dr Ärmel inegno». Es war in Organyà, einem katalanischen Bergdorf, dem Geburtsort von Feltrins Mutter. Dort verbrachte die Familie ihre sämtlichen Ferien und noch heute zieht es Alois und seine Familie mehrmals jährlich dorthin.

«In meiner Kindheit hatte der Ort 1000 Einwohner und mindestens 100 katalanische Riesenesel. Heute leben noch etwa 800 Menschen in Organyà und der Eselbestand ist noch stärker zurückgegangen. Als ich 1947 zum ersten Mal auf ein solches Tier geklettert und einfach losgeritten bin, war es um mich geschehen.» Was heute vorwiegend Maschinen erledigen, taten damals die Esel: In grossen, an ihren Flanken hängenden Körben, trugen sie die Ernte vom Feld in die Scheunen.

Aus den Anfängen: Alois Feltrin (v.) in der katalanischen Heimat.

Aus den Anfängen: Alois Feltrin (v.) in der katalanischen Heimat.

Als die Familie Feltrin wuchs, sprang der «Equus asinus asinus»- Funke auf Töchter und Enkel über. Mit Esel-Exkursionen auf den Santa Fé, den Hausberg von Organyà fing es an, mit Eseltrekking und Eselwanderungen hierzulande und auf der Schwäbischen Alp ging es weiter. Und eines Tages traten, auf acht Hufen, «Salome» und «Lady» in Feltrins Leben.

«Seit wir Enkel haben, kommen wir jeweils am 6. Dezember als Samichlaus und Schmutzli zu ihnen. 2011 machte ein Schwiegersohn uns darauf aufmerksam, dass auf dem Hof Rymann auf der Baldegg Esel zuhause sind», erinnert sich Feltrin schmunzelnd. So kamen nicht nur Schmutzli und Samichlaus zu einem Esel, sondern auch Heidi und Alois.

Nach dem Unfalltod des Landwirts übernahmen die Feltrins 2012 die Hege und Pflege der zunächst noch vier Rymann-Esel. Inzwischen sind Bethli und Nova im biblischen Alter von 31, respektive 34 Jahren verstorben, die Feltrins ihrerseits unentwegt an fünf Vormittagen die Woche im Stall: «Pro 100 Kilo Körpergewicht frisst ein Esel täglich zwei Kilo Heu und Stroh. ‚Lady’ und ‚Salome’ bringen je 200 Kilo auf die Waage.»

Sind Esel tatsächlich stur und störrisch?

Während der Stall ausgemistet und das Futter in je zwei Rationen vorbereitet wird, tummeln sich die zwei Eseldamen auf der Koppel. «Sie sollten aber ja nicht zu viel Gras fressen, könnte dies doch die Hufrehe auslösen, eine schlimme Erkrankung der Hufe.»

Längst ist Alois Feltrin nicht mehr «nur» begeisterter Esel-Fan, sondern ausgewiesener Esel-Fachmann mit einem Diplom als Eselführer in der Tasche. Den entsprechenden Ausweis hat er zusammen mit Enkelin Melina vor acht Jahren erworben – er war damals der älteste Kursteilnehmer, sie die jüngste Teilnehmerin. Vier ganze Samstage dauerte die Ausbildung bei «Eselmüller» im bernischen Grasswil, an einem weiteren Samstag fanden die Prüfungen statt. Die Ausbildung steht unter dem Patronat der Schweizerischen IG für Eselfreunde. Als deren Mitglied ist Feltrin seit Jahren redaktioneller Mitarbeiter der vierteljährlich erscheinenden «Eselpost», spezialisiert auf, für die Grautiere essbare und giftige Pflanzen.

Höchste Zeit für die Frage aller Fragen: Sind Esel tatsächlich stur und störrisch? «Überhaupt nicht. Esel sind gutmütig, treuherzig, intelligent, genügsam aber – im Gegensatz zu den Pferden – keine Fluchttiere. Darum bleibt ein Esel, wenn ihm etwas suspekt ist, stehen und überlegt, was zu tun das Beste für ihn ist. Totale Verweigerung zeigt ein Esel zum Beispiel vor einer Brücke, die über fliessendes Gewässer führt.»

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