Vom Verding-Kind zum Blech-Pionier

Vor 200 Jahren wurde Kastor Egloff geboren. Am Rohrdorferberg sorgte er für Arbeitsplätze, seiner Firma Egro verdanken wir die Bircherraffel.

David Rutschmann
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Ölgemälde von Kastor Egloff auf Weissblech.

Ölgemälde von Kastor Egloff auf Weissblech.

Bild: zVg

Am 28. November 2020 jährt sich die Geburt von Kastor Egloff zum zweihundertsten Mal. Der Niederrohrdorfer kann mit gutem Recht als Pionier der Blechindustrie bezeichnet werden: Er gründete die heutige Firma Egro. «Auf Initiative von Kastor und seinem Sohn Wilhelm Egloff entstanden im Aargau weit mehr als tausend sehr wertvolle Arbeitsplätze. Diese Pioniere hätten sehr wohl das Ehrenbürgerrecht verdient», sagt Josef Monn. Er leitet das Ortsmuseum Bellikon, das sich derzeit mit einer Sonderausstellung im Rahmen des kantonalen Projekts «Zeitsprung Industrie» der Industriegeschichte am Rohrdorferberg widmet. Er findet, dass Kastor Egloff zumindest eine Gedenkstätte verdient hätte.

Kastor Egloff wurde in einer harten Zeit geboren: Die Schweiz erholte sich um 1820 gerade von ihrer letzten Hungersnot. Egloff selbst wuchs als sechstes von zehn Kindern in einer armen Kleinbauernfamilie in Niederrohrdorf auf. Entsprechend erleichtert waren die Eltern, als sie den Knaben im Alter von gerade einmal sechs Jahren in fremde Obhut geben konnten. Kastor Egloff teilte jedoch nicht das grausame Schicksal anderer Verdingkinder, sondern wurde im Kinderheim Neuhof von Johann Heinrich Pestalozzi in Birr aufgenommen. Pestalozzi selbst war zu dieser Zeit bereits ein alter, schwer kranker Mann, sein Enkel Gottlieb führte das Kinderheim.

Dessen Gattin wird früh auf den geschickten Knaben aufmerksam. Das Paar fördert seine handwerklichen Fähigkeiten und ermöglichen ihm Schulbildung, was damals noch ein Privileg war. Als Kastor 16 wurde, verschafften ihm die Pestalozzis eine Lehrstelle als Spengler in Zürich. Dort blieb er nach erfolgreich abgeschlossener Lehre, bis er seine Kenntnisse bei einem anderen Betrieb in Küsnacht ZH erweitern wollte. Seine künftige Gattin Barbara lernt er ebenfalls dort kennen.

Auch Sohn Wilhelm wird erfolgreicher Fabrikant

Mit ihr kehrt er später nach Niederrohrdorf zurück. Im strohbedeckten Haus der Eltern, die ihn als Kind verdingten, gründete er im Alter von 29 Jahren die spätere Egloff & Co. Er stellte − im nationalen Vergleich sehr früh − in seiner primitiven Werkstatt fabrikmässig Blechwaren für den Haushalt wie Schopflöffel und Schaumkellen her. «Das macht ihn zum Pionier und trieb massgeblich die Wandlung des Aargaus vom Bauern- zum Industriekanton voran», sagt Josef Monn. Nach ersten mühevollen Jahren konnten Kastor und Barbara Egloff den Betrieb entwickeln und vielen Einwohnern der Region einen Verdienst ermöglichen.

Der Ehe des Paars wurden neun Kinder geschenkt, jedoch starben drei Kinder, bevor sie das zweite Lebensjahr erreichten. Nicht nur die hohe Anzahl der Kinder war typisch für die Zeit, sondern auch deren frühe Mithilfe in Haushalt und Betrieb. «Learning-on-the-Job war wichtiger als der Schulbesuch», so Monn. Kastors ältester Sohn Wilhelm machte sich bereits mit 20 Jahren neben dem väterlichen Betrieb selbstständig. Nach dem frühen Verlust seiner Gattin gründete er mit seinem Schwiegervater in Künten eine Blechwarenfirma, aus welcher der heutige Sprühtechniker Birchmeier hervorging. Zudem leitete er eine Manufaktur in Zürich und gründete eine weitere Metallwarenfabrik in Turgi, die spätere BAG Turgi.

Eine Tiefziehpresse kostet Egloff eine Hand

Der Vater wollte derweil seine Produktpalette um Bettflaschen und Gamellen erweitern. Am wirtschaftlichen Erfolg gemessen eine gute Idee: Seine Firma durfte ab 1898 Gamellen für die Schweizer Armee herstellen. Die Entscheidung hatte jedoch einschneidende Folgen für Kastor Egloff: 1877 kaufte er für die neuen Produkte eine Tiefziehpresse an. Als er diese in Betrieb nehmen wollte, klemmte er sich aufgrund einer Fehlbedienung eine Hand ab. Er musste die Firma, die mittlerweile auf 50 Mitarbeitende angewachsen war, an zwei seiner Söhne abgeben. Ein darauffolgender Hirnschlag und die Folgen des Nationalbahn-Konkurses, der viele Gemeinden und Unternehmen mitriss, stürzten ihn in eine schwere Krise. 1905 starb er mit für die damalige Zeit bemerkenswerten 84 Jahren. «Es war ein Leben mit vielen Tiefschlägen, aber auch grossen Erfolgen», sagt Josef Monn.

Seine Firma entwickelte sich munter weiter, zu Höchstzeiten waren 345 Mitarbeitende beschäftigt − heute kennen wir sie als Egro (der Name weist noch auf «Egloff & Co. Rohrdorf» hin). Die Badener Firma Merker übernahm im neuen Jahrhundert die Firma. Gemeinsam mit dem Erfinder des Birchermüeslis Max Bircher-Benner, ebenfalls ein Aargauer, entwickelte man 1926 die Bircherraffel, die in der ganzen Welt Anwendung findet. Mit ihr lassen sich Nüsse und Obst nach belieben in Birchermüesli raffeln. Die Egro beginnt in den 30ern mit der Herstellung von Kaffeemaschinen, diese wird von einer Tochtergesellschaft noch heute weitergeführt. Die Mutterfirma arbeitet wie schon Kastor Egloff noch immer mit Blech.