Baden

Vom Starpianisten zum Klavierlehrer an der Kanti

Er gab Hunderte Konzerte in den Kulturmetropolen der Welt und förderte Künstlerinnen wie Praxedis Hug: Der Badener Pianist Franz Martin Küng.

Er gab Hunderte Konzerte in den Kulturmetropolen der Welt und förderte Künstlerinnen wie Praxedis Hug: Der Badener Pianist Franz Martin Küng.

Franz Martin Küng hat Musikgeschichte geschrieben und fördert bis heute junge Künstler. Jedes Jahr organisiert er zusammen mit Praxedis Hug zwei Klavierrezitals in der Villa Boveri.

Franz Martin Küng hat hierzulande Musikgeschichte geschrieben. Nachdem er seine Weltkarriere als Pianist an den Nagel gehängt hatte, gab er 31 Jahre lang Klavierunterricht an der Kanti Baden. Und er förderte Künstlerinnen wie Praxedis Hug, die am Sonntag ein Klavierrezital in der Villa Boveri darbietet.

Franz Martin Küng war Fachexperte als Praxedis Hug beim Schweizerischen Musikpädagogischen Verband SMPV ihr Solistendiplom machte. «Sie zählte erst 17 Jahre und spielte die schwierige ‹Polonaise brillante› von Chopin mit einer Leichtigkeit, die mich umhaute», berichtet der Tastenvirtuose. Weil er von ihrem Können begeistert ist, organisiert Küng mit der Musikerin aus Zürich seit 2003 jedes Jahr zwei Klavierrezitals in der Villa Boveri. Ihren Bekanntheitsgrad hat Hug zu einem grossen Teil Küng zu verdanken. Der kahlköpfige Mann mit den dunkelbraunen, durchdringend blickenden Augen hat schon viele begabte Menschen auf ihre musikalische Laufbahn gebracht. 31 Jahre lang war er Klavierlehrer an der Kantonsschule Baden. Und noch heute gibt der 70-Jährige bei sich zu Hause Privatschülern Unterricht.

Oft sind die Fenster seines Hauses an der Bäderstrasse in Baden geöffnet und die Klänge seines Bösendorfer-Flügels zu hören. Dann bleiben viele Passanten stehen. Sie lauschen und lächeln. Die jüngste Schülerin ist eine 6-jährige Schweiz-Kubanerin. Hochbegabt. Das will gemäss Küng aber nichts heissen: «Das wirkliche Talent eines Pianisten ist sein Durchhaltevermögen. Wer etwas erreichen will, muss täglich einige Stunden üben.»

Wie ein Hochleistungssportler

Küng bereitete sich zu seinen Zeiten als Konzertpianist jeden Tag wie ein Hochleistungssportler auf einen Zehnkampf vor. «Für mich gab es nur das Klavier. Nichts anderes. Und ich war eine Rampensau.» Er zeigt ein Foto aus seinen Jugendjahren. Dunkler Haarschopf, feuriger Blick. Man kann sich gut vorstellen, dass der Künstler so manches Herz eroberte.

Die Haare sind seit einer schweren Lungenentzündung weg. Eine Reaktion auf Medikamente. «Für mich war das schlimm», gesteht er. Früher sei er eitel gewesen, doch das habe sich mit dem Alter verflüchtigt. «Ich fühle mich viel freier, seit ich nicht mehr gefallen muss.» Denn seine Virtuosität an den Tasten in Kombination mit seiner Ausstrahlung gefiel ungemein.

Hunderte von Konzerten gab er in allen Kulturmetropolen der Welt. Morgens Orchesterprobe in London, abends Auftritt in Stockholm, am nächsten Tag Solokonzert in Athen. «So ging es jahraus, jahrein. Irgendwann war ich ausgebrannt.» Dann kam der grosse Plattendeal. «Um das Album zu promoten, hätte ich 385 Konzerte weltweit geben sollen. Ich wusste: Das schaffe ich nicht.» Und so wurde aus dem Starpianisten der charismatische Klavierlehrer an der Kanti Baden.

Einer, von dem man auch fünf Jahre nach seiner Pension noch spricht. Er hatte die absolute Fähigkeit, Jugendlichen die Türen zu einem neuen unbekannten Universum zu öffnen: der Musik. «Ich war ein strenger Lehrer. Besonders wenn jemand Talent hatte und vorwärtskommen wollte», behauptet Küng. Unterrichten will er zuhause noch bis ins hohe Alter, nimmt sich aber mittlerweile etwas mehr Zeit, um Russisch zu lernen und Online-Bridge zu spielen. Seine einstigen Klavierlehrerinnen Magda Tagliaferro und Irma Schaichet hatten mit weit über 90 noch ihre Schüler. «Sie sind meine Vorbilder», erzählt Küng und lacht.

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