Rieden

Vom Cüpli-Leben zum Ziehbrunnen: Diese Badenerin setzt sich für ein indigenes Volk ein

Katherine Klemenz führte ein Wohlstands-Leben, bevor sie die Non-Profit-Organisation «Mama Tierra» gründete. Auf dem Oederlin-Areal hat die Badenerin ein Atelier eröffnet.

«Ich hatte einen Traum», erzählt Katherine Klemenz und hört einen Moment mit dem Einräumen der aufwendig gearbeiteten, farbigen Taschen, Kissenbezügen und Etuis in ihrem neuen «Mama Tierra»-Atelier im Oederlin-Areal auf. «Ich gehe mit zwei Wayuu-Frauen auf einem verschlungenen Pfad in die Zukunft. Wir tragen alle ein Licht in der Hand.» Die Wayuu sind ein indigenes Volk und leben im Wüstengebiet La Guajira, das in den Grenzregionen von Kolumbien und Venezuela liegt. Die Gegend ist unwirtlich. Keine Strassen, kein Strom, kein fliessendes Wasser.

Den Menschen fehlt es an allem. Warum träumt die knapp 40-jährige Frau, die im Martinsberg-Quartier Baden lebt und glücklich mit einem Wirtschaftsinformatiker verheiratet ist, ausgerechnet von dieser bitterarmen Ethnie? «Meine Mutter stammt von den Wayuu ab, wurde aber von spanischen Einwanderern adoptiert. Sie heiratete den Agraringenieur Robert Portmann aus Brugg und bekam zwei Kinder. Eines davon war ich.» Klemenz ist Doppelbürgerin. Sie wurde in der Hafenstadt Maracaibo in Venezuela geboren. Ihr Studium absolvierte sie jedoch in der Schweiz und machte einen Masterabschluss in Kommunikation und Marketing.

Die Eltern pendelten aus beruflichen Gründen jahrelang hin und her. «Zudem verwirklichte sich Papa seinen Lebenstraum und kaufte in Venezuela eine Farm mit Kühen und Pferden», erinnert sie sich. Doch die wirtschaftliche Lage unter dem damals amtierenden Präsidenten Hugo Chávez wurde derart prekär, dass die Familie schlussendlich ganz in die Schweiz zog und sich im Aargau niederliess.

Gefährliches Grenzgebiet

Zurück zum Traum. Denn er änderte Klemenz’ Leben von Grund auf. Während sie tagsüber bei einer Pensionskasse arbeitete und sich unterfordert fühlte, fing sie in ihrer Freizeit an, Kontakte zu ihrer südamerikanischen Heimat zu knüpfen. Sie machte zuerst Fundraising für ein Kinderdorf in Venezuela. Dann entdeckte sie auf Reisen in ihr Geburtsland die wertvollen Handarbeiten der Wayuu und brachte sie in die Schweiz. 2014 gründete sie die Non-Profit Organisation «Mama Tierra». Ihr Ziel: die Existenz dieses indigenen Volks zu stärken, indem sie die Kunst der Frauen fördert und in der ganzen Welt bekannt macht. «Mama Tierra» – zu Deutsch Mutter Erde – bietet mittlerweile 120 Wayuu-Frauen Arbeitsplätze, die ihre Erzeugnisse teilweise noch mit präkolonialen Arbeitstechniken herstellen.

Und ist zudem aktiv in ein Naturschutzprojekt im Lagunen-Gebiet Los Olivitos (Venezuela) involviert, um die Umgebung der vollkommen naturbezogenen Wayuu zu schützen. Mehrere Mitarbeitende sind vor Ort für die Organisation tätig. Wegen der Armut ist die Mortalitätsrate hoch. «Viele Kinder sterben an vermeidbaren Krankheiten wie Durchfall. Wir zeigen der Bevölkerung, wie sie mit einfachsten Mitteln (zum Beispiel Filtern) zu sauberem Trinkwasser kommt. Und bauen ihren Zugang zu Bildung auf», erzählt Klemenz. Andere Hilfsorganisationen seien nur ganz wenige zu sehen. «Vor allem das Grenzgebiet in Venezuela ist sehr gefährlich und korrupt. Immer wieder finden dort Entführungen statt.»

«Hätte ich mir nie träumen lassen»

Die NGO-Gründerin präsentiert sich fürs Foto im Badener Tagblatt mit einer Tasche, die Magdalena Gonzales aus Paraguaipoa gefertigt hat. In jedem Erzeugnis ist der Name der Herstellerin angegeben und der Erlös aus dem Verkauf kommt direkt ihr zugute. «Ziel ist es nicht, Mitleid für Armut zu erwecken», betont Klemenz, «sondern die ganze Welt staunen zu lassen. Denn eine derart feine Handarbeit ist heute äusserst rar.» Dank der sozialen Medien wurden auch asiatische Länder aufmerksam auf die Mama Tierra-Bags. Hierzulande sind sie unter anderem im Warenhaus Loeb in Bern, verschiedenen Boutiquen in Baden und Aarau sowie im Museum der Kulturen in Basel erhältlich. Klemenz zeigt ein Handyfoto von einem ihrer alljährlichen Aufenthalte im Wayuu-Gebiet. Sie fährt mit einer Karette und ihrem Kanister zum Ziehbrunnen für die tägliche Wasserbeschaffung. Ihr Gesicht ist mit Schlamm bedeckt, als Schutz gegen die sengende Sonne. «Das hätte ich mir nach dem Studium nie träumen lassen. Damals fand ich einen Job in einer bekannten PR-Agentur in Genf und führte ein Cüpli-Leben.»

Die Kosmopolitin, die fünf Sprachen fliessend spricht, fährt sich durch ihre schönen dunklen Haare und lacht. Sie hat ein Studium in Ethnologie angefangen und will die Kultur und das immaterielle Erbe der Wayuu weiter erforschen. Katherine Klemenz war punkto Berufswahl lange Zeit orientierungslos. Die erste Wayuu-Tasche, die sie in Venezuela erstand, veränderte ihr Leben. Jetzt ist sie Feuer und Flamme für ihr Herzensprojekt «Mama Tierra», das laufend weiterwächst.

Am 22. Juni 2019 veranstaltet die Gründerin, die seit Beginn unentgeltlich arbeitet, im neuen Atelier im Oederlin-Areal einen Tag der offenen Tür. Was wünscht sie sich für die Zukunft? «Dass ich mir in der Schweiz bald zwei bezahlte Vollzeitstellen für ‹Mama Tierra› leisten kann», sagt Klemenz und fügt hinzu: «Im Moment bin ich das Herz und der Kopf dieser Organisation. Deshalb habe ich bisher alles andere zurückgestellt. Auch meine Kinderwünsche. Doch das soll sich jetzt ändern.»

22. Juni 2019, 11 Uhr bis open end: Tag der offenen Tür im neuen Atelier von «Mama Tierra», Oederlin-Areal, Landstrasse 1, Atelier 7, 5415 Rieden. Weitere Infos auf www.mama-tierra.com

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