Wer das gemütliche Theater in der ehemaligen Scheune der Gastgeberin Margrit Meier kennt, wird zum Stammgast. Und wer zum ersten Mal da ist, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Umgebung rund um die Remise in Baden-Rütihof bildet mit der kleinen Kapelle, den bunten Lichtern im Innenhof, dem Biergarten und der urigen Bar einen idyllischen Rahmen. Zum Apéro werden immer wieder neue Häppchen aufgetischt – wie im Paradies. Und als Neuling fühlt man sich sofort aufgehoben.
Zwei Ehepaare aus Mellingen rühmen die Vorteile von Rütihof: Kinderreich, verkehrsgünstig gelegen, viele Vereine, einfach schön. Besonders gefallen hat Heidi Renold 2005 das Programm «Messerscharf». Trix Lehr, die damalige Regisseurin, ist auch heute wieder da, mit einem Stück von Hansjörg Schneider, das sie in Mundart übersetzt und mit viel Musik umrahmt hat. Sie setzt sich zu uns und erzählt: «Rütihof hat einen positiven Theatervirus.»
Die Geschichte: Zwei Frauen aus dem Dorf, Monika Peter als «Capitano» und Ruth Rohr als «Dottore», spielen mit anderen Amateur-Darstellerinnen aus der Gegend, wie etwa Kerstin Jenzen als «Pantalone». Dieses Trio repräsentiert die Macht im Dorf und trifft sich regelmässig bei Lina (Katja Röthlin) in der Dorfbeiz. Sozusagen als fremde Fötzel platzen da plötzlich Colombina (Bea Künzi) und Arlecchino (Alma Jongerius) als schillerndes Duo in die Gaststube. Das Geschehen rund um Angst und Abwehr vor dem Fremden ist stark überzeichnet und verwandelt so die eigentliche Tragödie in eine wechselvolle Komödie.


Groteske Szenen sorgen für Betroffenheit – und Heiterkeit


Die rund 100 Plätze an der Premiere sind besetzt, die beiden Kristall-Leuchter erloschen, und das Akkordeon von Irene Bhend verzaubert das Publikum ein erstes Mal. Immer wieder leiten vertraute Handorgelklänge – gespickt mit bösen bis bissigen Worten – zum nächsten Spannungsbogen auf der Bühne über, wo bald alles drunter und drüber geht. Die Grenzen zwischen Heimat und Befremden, Mensch und Tier, Macht und Ohnmacht prallen aufeinander, vermischen sich oder verkehren sich gar ins Gegenteil.
Das Groteske einiger Szenen und die Sanftheit der Musik lassen das begeisterte Publikum trotz aller Betroffenheit auch immer wieder lachen und geniessen. Beim abschliessenden Umtrunk bestätigen alle Befragten, wie treffend doch auch die krassen Aussagen im Stück noch immer seien.
Vor der einzigen Toilette meint eine ältere Dame etwa: «War es nicht üblich, dass Gastarbeiter ausgenützt wurden, und ist es nicht auch heute noch so?» So habe sich in Rütihof vor einem halben Jahr jeder vierte Einwohner dagegen gewehrt, dass hier ein Asylzentrum gebaut werde.
Das neue Stück des Remise-Theaters in dieser einzigartigen Atmosphäre zeigt einmal mehr, wie optimal sich Kultur und Kunst in ländlicher Idylle ergänzen. Die Leidenschaft und Freude am Theaterspiel von Laien und Profis überzeugte das Publikum und wirkte ansteckend, was sich in spannenden Gesprächen bis in den späten Abend zeigte.