«Der Begatter» statt «der Bestatter»: «Alle Menschen sollten so sein wie Mike Müller, auch wenn wir dann weniger Platz hätten auf der Welt.» Mit Sätzen wie diesen läutete Moderator Kilian Ziegler, der amtierende Schweizermeister in Slam Poetry, den Abend im Nordportal ein.

Und auch wenn Mike Müller nicht anwesend war, war der Platz dort tatsächlich knapp: Die grosse Halle war bis auf die letzten Sitze gefüllt. Schön geschriebene, mit Witz und Scharfsinn bestückte Texte ziehen offenbar auch heutzutage ein grosses Publikum an.

Acht Slam-Poeten traten im Wettkampf gegeneinander an unter dem Motto «I slam therefore I am». Als erste verarbeitete die Bielerin Olga Lakritz in ihrem Text die Tatsache, beide «Mamma Mia»-Filme gesehen zu haben: «Auf eine winzige Insel in Griechenland reisen, schwanger werden, das Kind dann an der Grenze zum Existenzminimum alleine aufziehen, sich mit Service-Jobs durch die kaputte Wirtschaft schlagen, in eine tiefe Depression stürzen, dadurch ein gestörtes Verhältnis zum Kind entwickeln – aber all das wäre nicht so schlimm, denn immer Mittwochs um 14 Uhr singt das ganze Dorf ‹money, money, money› und dann tut die Armut gar nicht mehr so weh?», stellte sie ihre Gedanken zu dem Musical-Film dar.

Das Publikum lachte herzhaft, gab dann aber doch ihrem Kontrahenten den Vorzug: Fehmi Taner aus Aarwangen – oder «Arschwangen», wie er zu sagen pflege, wo neben der Fasnacht und dem Fondueautomat sonst nichts los sei. «Ich bin einmal fast aus Versehen Vater geworden, oder aus Versehen fast Vater geworden», sagte er in seinem Text. Beim positiven Schwangerschaftstest habe er sich aus lauter Gewohnheit zuerst gefreut. «Ich meine, ein positiver Test, da frage ich auch nicht nach, was ich für eine Note habe.»

Slam-Poetry im Nordportal in Baden

Marco Gurtner, einer der beiden Sieger

  

«Pr-inzest-in» Meghan Markle

Die Zürcherin Rahel Fink präsentierte einen sehr ausgeklügelten, schön geschriebenen Text voller Reimen, verlor aber knapp gegen Phibi Reichling aus Stäfa mit seinem «absurden Text», wie er sagte. Technisch stark mit ebenfalls vielen Reimen und auch lautmalerisch gut umgesetzt, als er etwa ein springendes Känguru nachbildete, kam er eine Runde weiter.

Sein zweiter Text war zwar inhaltlich lustiger – «‹Lebe deine Träume›: Das ist doch eine Aufforderung zum schlafen» –, für den Finaleinzug reichte es ihm aber nicht. Auch Nina Horbaty aus Biglen musste sich geschlagen geben trotz ihrem protestreichen Text über «Pr-inzest-in» Meghan Markle, die Sexualarbeiterinnen «inspirierende Botschaften» auf Bananen schreibt.

Slam-Poetry im Nordportal in Baden

Remo Rickenbacher, der andere Sieger

Töfflitour durchs Siggenthal

Slam-Poet Micha de Roo aus Basel versuchte dann mit etwas Lokalbezug das Publikum für sich zu gewinnen. In seinem Text organisieren Freunde einen Polterabend und kommen auf die Idee, eine Töfflitour «vollkommen abseits der zivilisierten Welt» auf der Landstrasse von Ober- nach Untersiggenthal zu machen. Da könne man auch so lange um die Kreisel herumfahren, bis sich die Autos kilometerweise stauen.

«Das ist doch der Aargau, der Kanton der gelebten Toleranz», sagte er mit einem Augenzwinkern. Beim Zweikampf unterlag er aber knapp dem Thuner Remo Rickenbacher, eines der beiden späteren Sieger des Abends. Gemeinsam mit dem ebenfalls Thuner Marco Gurtner zog er nach zwei gewonnenen Runden ins Final. Besonders stark war bei ihm seine unterhaltsame Erzählweise: Seine Stimme hat er am besten von allen eingesetzt und das Publikum auch intelligent miteinbezogen.

Der zweite Sieger, Marco Gurtner, überzeugte mit seinem sehr eigenen Humor. Er ist einer dieser Menschen, die lustige Dinge sagen und dabei keine Miene verziehen. «Man kann nicht alles werden, was man will. Aber man kann es sein für einen Moment», sagte er in seinem dritten Text und erzählte, wie er seinen kindlichen Berufswunsch «Pirat» immerhin im Alltag umgesetzt habe: «Jedes Mal, wenn ich mit dem Velo an einer roten Ampel vorbei fahre, fühle ich mich wie ein Pirat.»

Mit genügend Vorstellungskraft sei man also gewappnet gegen die Enttäuschung, dass etwa «Bankfachmann» auf der Visitenkarte steht statt «Drogenbaron» auf dem Strafregisterauszug. Das Publikum applaudierte beide Thuner Finalisten gleichermassen, Moderator Kilian Ziegler entschied auf ein friedliches Unentschieden.