Ehrendingen

Tiefenlager - Entsorgung dauert eine Million Jahre

Gegner wie auch Befürworter fanden den Weg nach Ehrendingen.

Atommüll-Tiefenlager

Gegner wie auch Befürworter fanden den Weg nach Ehrendingen.

Schon in 20 bis 30 Jahren könnte in Ehrendingen eine Empfangsanlage stehen, von der aus radioaktiver Abfall in ein Tiefenlager geführt wird. Die Region um Nördlich Lägern ist eine von sechs möglichen Standorten für ein Tiefenlager.

Dass diese Vorstellung beim einen oder anderen Einwohner Ehrendingens – aber auch umliegender Gemeinden – ein mulmiges Gefühl auslöst, war nicht zu übersehen.

So strömten knapp 200 Besucher an die Informationsveranstaltung Tiefenlager, zu der die Gemeinde eingeladen hatte. «Ehrendingen ist von den Plänen auch betroffen, weshalb es wichtig ist, dass sich die Menschen informieren können», sagte Gemeindeammann Renato Sinelli. Er zeigte sich deshalb hocherfreut, dass sowohl Gegner wie auch Befürworter eines Tiefenlagers den Weg nach Ehrendingen gefunden hatten.

Abfälle hier und heute entsorgen

Zum Auftakt erläuterte Micheal Aebersold vom Bundesamt für Energie (BFE), nach welchen Kriterien der Bund die Tiefenlager-Standorte bestimmen will. «Wir sind uns einig, dass der Abfall dort entsorgt werden muss, wo er produziert wird – also in der Schweiz», sagte Aebersold. Und: «Die Probleme müssen heute gelöst werden und dürfen nicht künftigen Generationen überlassen werden.»

Piet Zuidema von der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) ging weiter ins Detail: «Wir wollen die Abfälle dort lagern, wo es langfristig stabil ist.» Untersuchungen hätten gezeigt, dass sich die Geologie in der Nordschweiz besonders dazu eigne. «Wir sind in dieser Region auf 180 Millionen Jahre alten Opalinuston gestossen», so Zuidema. Dieses Gestein eigne sich für die Endlagerung, weil es undurchlässig sei und sich nicht bewege. «Nach der Lagerung werden die Abfälle maximal 200 Jahre beobachtet. Danach wird das Tiefenlager dauerhaft geschlossen», führte Zuidema weiter aus.

«Abfälle müssen rückholbar sein»

Doch genau daran stört sich die Schweizerische Energie-Stiftung (SES). «Es dauert eine Million Jahre, bis die Abfälle nicht mehr radioaktiv sind», sagte Sabine von Stockar. Es sei deshalb unverantwortlich, die Abfälle nach 200 Jahren unkontrolliert ihrem Schicksal zu überlassen.

«Es ist unbestritten, dass eine Lösung für die radioaktiven Abfälle gefunden werden muss», sagt von Stockar. Doch bei den jetzt geplanten Tiefenlagern seien einfach noch zu viele Fragen offen: Wie verändert sich das Gestein durch die Abwärme der Abfälle oder bei der Bildung von Gasen? Überhaupt nicht vorhersehbar seien zudem Naturereignisse wie zum Beispiel Gletschergänge. «Das haben wir untersucht», entgegnete Felix Altdorfer vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi). «Gletscher ziehen immer durch die gleichen Gebiete.»

Geri Müller geht es zu schnell

SES-Präsident und Vizeammann von Baden, Geri Müller, stört sich am eingeschlagenen Tempo: «Wir könnten noch bis 50 Jahre für ein Tiefenlager forschen; nutzen wir doch diese Zeit.» Auch für Müller ist klar: «Die Abfälle muss man jederzeit zurückholen können.» Überhaupt habe er Mühe mit dem Begriff «Entsorgung», weil die Abfälle nicht entsorgt, sondern lediglich gelagert würden.

Michael Aebersold (BFE): «Es ist schlicht nicht möglich, diese Abfälle auf Zehntausende Jahre rückholbar zu machen – das wäre unbezahlbar.»

Lager auch für künftigen Abfall

Die zentrale Frage eines Besuchers bei der abschliessenden Fragerunde lautete: «Das tönt für mich alles nach einem abgeschlossenen System. Aber wir produzieren doch immer mehr Abfall?» Das treffe zu, so Aebersold. «Die geplanten Tiefenlager seien jedoch auf die Abfallmengen ausgelegt, die in den nächsten Jahren noch produziert werden.» Für die Lengnauer Grossrätin Astrid Andermatt ist klar: «Wir wollen hier kein Tiefenlager, weil noch viele Fragen offen sind.» Zudem würden unabhängige Studien zur Verträglichkeit eines Tiefenlagers mit dem Standort Nördlich Lägern fehlen.

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