Baden

Studienreise statt Politik: Stadträtin Sandra Kohler tritt zurück – diese Parteien bringen sich in Stellung

Sandra Kohler: «Die Klarheit in mir, diesen neuen Weg zu gehen, könnte nicht grösser sein.»

Sandra Kohler: «Die Klarheit in mir, diesen neuen Weg zu gehen, könnte nicht grösser sein.»

Die parteilose Badener Stadträtin hört nach zweieinhalb Jahren im Amt auf – einige Parteien bringen sich für die Nachfolge in Stellung.

Gestern, eine Minute vor 9 Uhr, gab Sandra Kohler per Mail ihren Rücktritt als Stadträtin von Baden per Ende Mai bekannt. Sie überraschte damit alle – wie schon 2017, als sie als Quereinsteigerin und parteilose Kandidatin die Wahl schaffte und den Badener Parteien eine krachende Niederlage zufügte.

Ihren Rücktritt begründet sie mit den «aktuellen Entwicklungen auf der Welt»: Die 38-Jährige geht nun auf eine Studienreise, die unter anderem der Frage gewidmet ist, «was es für ein gutes Zusammenleben braucht». Später fügte sie auf ihrer Website hinzu: «Diese Fragen brennen regelrecht in mir. Ich brauche Antworten, um handeln zu können. Genau jetzt!»

Die Studienreise sei wichtig für ihre persönliche Entwicklung sowie ihre hauptberufliche Zukunft und lasse sich nicht mit dem Milizamt als Stadträtin vereinbaren. «Deshalb mein Entscheid, vor Legislaturende zu demissionieren», so Sandra Kohler. Der Entscheid sei ihr schwergefallen, dennoch sei «deutlich der richtige Zeitpunkt» gekommen, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. «Die Klarheit in mir, diesen neuen Weg zu gehen, könnte nicht grösser sein.»

Kurzfristiger Rücktritt bringt Parteien in Zugzwang

Manchen Badener Parteien bietet sich damit früher als erwartet – noch vor den Gesamterneuerungswahlen im Herbst 2021 – die Möglichkeit, zuletzt verlorengegangene Sitze zurückzuerobern. FDP, SP und Team Baden stellten vor nicht langer Zeit zwei Stadträte, mussten in den letzten Jahren aber Federn lassen. Darum war der gestrige Mittwoch dank Sandra Kohlers Rücktritt für viele Fraktionen ein Freudentag, was aber offiziell niemand so verlauten lassen wollte.

Gleichzeitig bringt der kurzfristige Rücktritt die Parteien aber auch in Zugzwang. Denn die Ersatzwahl findet bereits am 28. Juni statt. SP-Präsidentin Selena Rhinisperger: «Ich frage mich schon, ob es nicht möglich gewesen wäre, per Ende Legislatur oder zumindest per Ende Jahr aufzuhören.» Der Rücktritt sei insofern eine Enttäuschung, als das Amt mit Verantwortung verbunden sei und eine Verpflichtung gegenüber den Wählerinnen und Wählern darstelle.

Die SP werde mit grosser Wahrscheinlichkeit einen Kandidaten oder eine Kandidatin ins Rennen schicken: «Wir sind im Stadtrat unterrepräsentiert und haben Anspruch auf einen zweiten Sitz.» Auf den Termin für eine Vorstandssitzung hat sich die SP bereits geeinigt, die Basis werde wie immer mitentscheiden.

Iva Marelli, Präsidentin des Teams Baden, blickt ihrerseits bereits nach vorne: «Wir müssen diesmal die Hausaufgaben machen». Kohler habe als Quereinsteigerin während des Wahlkampfs 2017 die Bevölkerung sehr gut abgeholt, habe ein offenes Ohr für Anliegen der Einwohnerinnen und Einwohner gehabt. «Daraus müssen wir die richtigen Lehren ziehen.» Das Team prüfe eine Kandidatur. «Wir haben mehrere valable Kandidatinnen und Kandidaten in unseren Reihen.»

Einen Anspruch auf einen Sitz habe aber keine Partei – viel wichtiger sei, dass eine Person gewählt werde, die ins Amt passt. «Das führt der heutige Tag deutlich vor Augen.» Die FDP verschickte wenige Minuten nach dem Rücktrittsschreiben Kohlers eine Medienmitteilung: «Die FDP nimmt den vorzeitigen Rücktritt von Stadträtin Sandra Kohler zur Kenntnis und wird die Situation im Vorstand analysieren. Allfällige Massnahmen und das weitere Vorgehen werden zu gegebener Zeit kommuniziert.» Auf Nachfrage ergänzt Co-Präsident Tobi Auer, die FDP als wählerstärkste Partei sei im Stadtrat mit nur einem Sitz untervertreten.

Der Stadtrat teilte mit, er nehme den Rücktritt zur Kenntnis. Stadtammann Markus Schneider (CVP) übernimmt als offizieller Stellvertreter per 1. Juni die Ressortleitung Planung und Bau, die er vor seiner Wahl an die Spitze der Stadtregierung bereits innehatte.

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