Wie so oft zur Winterzeit befand sich die heute 44-jährige Andrea (Name geändert) mit ihrem Partner auch im Dezember 2017 bei der Feuerschale auf dem Bahnhofplatz in Baden. Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie regelmässig beim Badener «Winterzauber» anzutreffen. Doch seit dem Vorfall, für den sich Andrea nun vor dem Bezirksgericht verantworten muss, würden sie nicht mehr hingehen, erklärt die dreifache Mutter.

Ihr wird vorgeworfen, am späteren Abend den Kläger Abdi (Name geändert) «hinterhältig und fies» in die dortige Feuerschale gestossen und ihn danach noch einige Sekunden in die Glut gedrückt zu haben. Abdi musste sich deshalb mit der linken Hand in der Mitte der Feuerschale abstützen und griff direkt in die Glut. Da die Angeklagte nicht von ihm abgelassen habe, als er sich wieder aufrichten wollte, musste er noch einmal in die heisse Glut fassen, ist der Anklageschrift von Staatsanwalt Marc Dellsperger zu entnehmen. Dabei erlitt Abdi in der Handinnenfläche eine Verbrennung zweiten Grades und war einen Monat arbeitsunfähig. Er musste seine Hand in mehreren Spitälern behandeln lassen. Heute geht es ihm wieder gut.

Für Andreas Vergehen fordert Staatsanwalt Dellsperger eine Freiheitsstrafe von 4 1/2 Jahren. Sie habe mit Vorsatz gehandelt: «Die Angeklagte hat gewusst, dass ihr Verhalten einen Menschen lebensbedrohlich verletzen und er bleibende Schäden davon tragen könnte.» Was wenn er mit dem Gesicht in die Feuerschale gestürzt wäre oder seine Kleider gebrannt hätten? fragt Dellsperger. Es sei nur dem Zufall zu verdanken, dass Abdi mit einer so leichten Verletzung davonkam. Strafmildernd sei aber, dass Andrea mit 2,1 Promille stark alkoholisiert gewesen sei.

«Ich weiss nicht mehr»

Die Angeklagte weiss denn auch nicht mehr viel von besagtem Abend. Und so beginnen ihre Antworten auf die Fragen von Gerichtspräsidentin Gabriella Fehr oft mit: «Ich weiss nicht mehr.» Sie erinnert sich aber noch daran, dass sie mit Kollegen bei der Feuerschale gestanden seien als sich zwischen ihrem Lebenspartner und Abdi ein Disput entwickelte, indem sich beide gegenseitig beleidigten.

Als Andrea sah, dass sie «schlägelten», sei sie dazwischen gegangen. Dabei habe sie einen «Box» kassiert, wie sie es nennt. Sie sei weit geflogen, erzählt sie – wohl leicht übertreibend – und landete auf dem Boden. Dort blieb sie einige Zeit liegen, denn bis sie wieder habe aufstehen können, dauerte es etwas: «Ich hatte durch einen Sturz mit dem Velo kurz zuvor einige Rippchen gebrochen.» Als sie wieder stand, habe sie einfach jemanden «geschupft» und nicht gesehen, dass dort die Feuerschale sei.

Warum sie denn überhaupt gestossen habe, fragt Gerichtspräsidentin Fehr. «Das weiss ich nicht mehr. Ich habe mir gar nichts dabei überlegt. Ich weiss nur noch, dass ich danach in Handschellen abgeführt worden bin.» Es sei alles so schnell gegangen, aber runtergedrückt habe sie Abdi sicher nicht.

Als dieser sich offiziell zum Vorfall äussern darf, nachdem er während der Verhandlung hin und wieder seine Sicht der Dinge dazwischen ruft, schildert er, wie er mit Andreas Partner diskutiert habe, obwohl er ihn gar nicht kannte, so wie auch Andrea nicht, die sich aber eingemischt und ihn festgehalten habe, als er, Abdi, und ihr Freund aufeinander losgegangen seien. Während Andrea auf dem Boden lag, habe sich die Situation aber wieder beruhigt und Abdi sei danach mit einem anderen Mann bei der Feuerschale gestanden. Als Andreas Schlag von hinten kam, sei auch dieser in Richtung Feuer gefallen. Abdi habe ihn aber nach hinten geschoben; und um nicht mit dem Gesicht im Feuer zu landen, habe er seine linke Hand geopfert. Trotzdem habe sie weiter auf seinen Rücken gedrückt.

Als sich Andrea im Gerichtssaal bei Abdi für den Vorfall entschuldigt, verwirft er die Hände: «Wie kann ein Mensch so etwas machen?» Auch wenn er die Entschuldigung nicht annehmen kann, wirkt sich diese für die Entscheidung des Gerichts als strafmildernd aus. Andrea wird der einfachen Körperverletzung schuldig gesprochen und zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Zudem muss sie dem Kläger eine Genugtuung von 1000 Franken bezahlen. Die übernimmt der Staat, lebt Andrea doch vom Sozialamt und hat Schulden in unbekannter Höhe.