Ennetbaden

Stararchitekt zeichnete 1964 eine grandiose Villa für BBC-Direktor – jetzt ist sie in Baden zu sehen

Ein Stück Hollywood am Hertenstein: Stararchitekt Richard Neutra zeichnete 1965 eine Villa für BBC-Direktor Rudolf Sontheim – ein Entwurf ist jetzt im Historischen Museum Baden ausgestellt.

Es hätte nicht viel gefehlt und Ennetbaden hätte vor 55 Jahren eine Ikone der modernen Architektur erhalten: Der damalige BBC-Direktor Rudolf Sontheim gab für sich und seine Familie beim österreichisch-amerikanischen Stararchitekten Richard Neutra eine Villa mit grandioser Aussicht in Auftrag. Sie wäre genau dort gebaut worden, wo das Restaurant Hertenstein steht. Eine farbige Originalzeichnung aus der Hand von Neutra hängt noch bis zum nächsten Wochenende im Historischen Museum in Baden in der Sonderausstellung zum 200-Jahr-Jubiläum von Ennetbaden.  

Wie kamen die Pläne am Hertenstein zustande – und wer war Rudolf Sontheim? Er war seit 1955 Direktor der neu gegründeten Reaktor AG in Würenlingen, dem Vorläufer des heutigen Paul-Scherrer-Instituts. Unter seiner Führung entstanden dort in kurzer Zeit völlig neue Laboratorien für Physik, Elektronik und Ingenieurwesen. Sontheim war von Walter Boveri junior angestellt worden, dem er bald zum engen Vertrauten wurde. 1960 wurde im Reaktor in Würenlingen erstmals Kernenergie erzeugt, und der Bund übernahm das Forschungszentrum in seine Obhut. Sontheims Auftrag in Würenlingen war damit beendet und Boveri machte ihn zum Delegierten des Verwaltungsrats der Brown, Boveri & Cie. in Baden.

Der Familie Boveri stets eng verbunden

In seiner neuen Funktion trug Rudolf Sontheim bis 1970 die oberste technische Verantwortung beim Weltkonzern BBC. Er war dafür prädestiniert: Sontheim war 1916 in Zürich geboren worden. Sein Vater war Ingenieur und Chef des Albiswerks in Zürich. Rudolf wuchs in einem grossbürgerlichen, gebildeten Umfeld auf. Nach einer Lehre, der Aktivdienstzeit, den Studien in Zürich und in Lausanne sowie einem USA-Aufenthalt bei General Electric heiratete er 1950 Nancy Mülli aus Aarau und gründete mit ihr eine Familie. Das Paar bekam vier Kinder.

Sontheim war lange Jahre treibende Kraft hinter dem Erfolg der BBC, der Reaktor AG und damit auch der Schweizer Elektrizitätswirtschaft. Er hatte 1936 nach der Matura die Lehre als Maschinenschlosser bei BBC in Baden begonnen und blieb der Firma und der Familie Boveri bis 1986, dem Jahr seiner Pensionierung als Verwaltungsrat, stets eng verbunden. Für die BBC war er nach 1960 oft in der halben Welt unterwegs, etwa in Indien, Kanada und in Deutschland. «Zurück von meinen Reisen traf ich in Baden auf eine unglaubliche Euphorie im Atomkraftwerkbau», schrieb Sontheim in seinen Memoiren, die er vier Jahre vor seinem Tod im Jahr 2007 für Freunde und Familie verfasste.

Er begleitete den Bau der Schweizer Atomkraftwerke mit Interesse und mit seinem Know-how. Seine jüngste Tochter, die Pädagogin Gabriella Sontheim, die ihre ersten Lebensjahre in Baden verbrachte und mit dem Fernseh- und Radiomacher Roger Schawinski verheiratet ist, erinnert sich gern an ihren Vater: «Er war ein liebevoller Familienvater und ein Industrieller von Format. Ein Pionier in jeder Hinsicht.» Er sei begeistert gewesen von Amerika.

Ein wunderschöner Ort, hoch über den Bädern

Nach Rudolf Sontheims Stellenantritt in Baden wurde ihm nahegelegt, Wohnsitz in Baden zu nehmen. Er konnte zusammen mit Gottfried Bütikofer, dem Liegenschaftsverwalter der BBC, das Restaurant Hertenstein über der Goldwand ersteigern, das damals baufällig war und zum Verkauf stand. Der Sonnenhang an der Goldwand war schon länger begehrtes Bauland für BBC-Kader. Nicht zuletzt, seit hier die Reblaus um 1920 weite Teile der Weinberge zerstört hatte.

Zum Gasthaus Hertenstein gehörten 10 000 Quadratmeter Umschwung und ein grosser Rebberg. Der Kaufpreis lag bei 150 000 Franken. 1964 liess Sontheim für seine Pläne kurzerhand Richard Neutra aus Los Angeles einfliegen und quartierte ihn im Grand Hotel Dolder in Zürich ein. Neutra war begeistert vom Hertenstein, oder wie er es selbst sagte: «of this beautiful natural site, close to one of Europe’s noted spas».

Umzug an den Zürichberg statt auf den Hertenstein

Richard Neutra, mit der Schweizer Cellistin Dione Niedermann verheiratet, war da längst weltberühmt für seine modernistischen Häuser, die fast alle in der Metropole Los Angeles und in den Hügeln rund um Hollywood stehen. Er war 1923 aus Österreich in die USA ausgewandert.

Nach (allzu) langen Diskussionen über sein geplantes Haus sagte Sontheim einmal zu Neutra halb im Scherz und auf Deutsch, er solle weniger quatschen. Der Architekt, der damals schon 72 Jahre alt und über 40 Jahre in Kalifornien war, antwortete in perfektem Deutsch, dass er ja aus Europa stamme und sich besonders darauf freue, dass sein vielleicht letzter Entwurf ein so schönes Haus in der Schweiz sein werde, wo er schon lange bauen wollte.

Eines war klar: Es sollte eine Villa im kalifornischen Stil werden, mit Swimmingpool, Bibliothek, Innenhöfen, raumhohen Fenstern, einem «Trinkstübli» im Keller und Platz für einen Konzertflügel. Neutras Büro in Los Angeles arbeitete die Wünsche von Nancy und Rudolf Sontheim bis ins Detail aus. Die Familie Sontheim besitzt bis heute ein Album mit den Plänen Neutras. Aber die Entwürfe überzeugten das Ehepaar nicht.

Warum das Haus nie gebaut wurde, ist nicht ganz klar. «Es hiess, Neutra wollte keine Küche einbauen, weil eine Dame wie meine Mutter doch nicht selbst koche», erinnert sich Gabriella Sontheim und schmunzelt. «Das Essen hätte uns geliefert werden sollen.» Vermutlich lag es auch daran, dass Nancy Sontheim lieber in Zürich als im kleinen Baden wohnen wollte.

Rudolf Sontheim selbst schrieb zu Neutras Plänen: «Mit der Zeit merkte ich, dass sich sein Baustil eben doch besser für Californien eignete als für die Schweiz.» Die Familie bezog ein elegantes Haus am Zürichberg. Neutra baute doch noch hierzulande, in Wengen und im Tessin. In Ennetbaden eröffnete 1985 nach einigen Zwischennutzungen und einem Brand das Panoramarestaurant Hertenstein – an der Stelle, wo fast die mondäne Villa Sontheim gebaut worden wäre.

Ausstellung: Der Rebberg von Baden. Noch bis zum 8. September im Historischen Museum Baden.

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