Dieter Martin (FDP) tritt per Ende Jahr als Gemeindeammann von Obersiggenthal ab. Am 19. Mai findet deshalb der mit Spannung erwartet erste Wahlgang um seine Nachfolge statt. Martins eigene Partei, die FDP, schickt keinen Kandidaten ins Rennen. So duellieren sich diesen Sonntag Bettina Lutz Güttler (CVP) und Gemeinderat Peter Stucki (SP). Entweder wird zum ersten Mal eine Frau zum Gemeindeammann gewählt oder erst zum zweiten Mal wird ein Sozialdemokrat Gemeindeammann im 8500-Seelen-Dorf.

Spannend ist die Ausgangslage auch deshalb, weil sich mit Bettina Lutz Güttler und Peter Stucki zwei unterschiedliche Persönlichkeiten zur Wahl stellen. Hier die seriöse Juristin, die sich vor allem einen Namen als umsichtige Einwohnerratspräsidentin gemacht hat. Die 51-Jährige sagt über sich selber: «Ich kann mit verschiedenen Auffassungen umgehen und Lösungen finden, die tragfähig und nachhaltig sind.» Da der zuweilen polarisierende Peter Stucki, der letzten Herbst den SVP-Sitz erobert hat. Er sagt über sich selber: «Ich bin ein pragmatischer Problemlöser, der Nehmerqualitäten hat und mit Widerstand umgehen kann.» 

Die Gemeinde braucht eine Realistin und keinen Idealisten – Pirmin Kramer, stv. Ressortleiter Badener Tagblatt zu Bettina Lutz Güttler

In einer Dekade des ideologischen Tauziehens wäre die besonnene Bettina Lutz Güttler die Richtige, um die politischen Lager zu einen.

Sie ist keine Frau der grossen Worte. Kernige Zitate? Polemik? Dafür sind andere zuständig. Bettina Lutz Güttler lässt Taten für sich sprechen. Und ihr Leistungsausweis für die Gemeinde Obersiggenthal ist beachtlich. Sie war Mitbegründerin und Präsidentin des Kinderhauses Goldiland, amtet als Stiftungsrätin im Alterszentrum Gässliacker und sass acht Jahre lang im Einwohnerrat. Zwei Jahre lang präsidierte sie das Gemeindeparlament, wobei sie dieses Amt sachlich und unaufgeregt ausübte – mit diesen Tugenden könnte sie der Gemeinde auch in der aktuellen Situation weiterhelfen. Denn Obersiggenthal befindet sich aufgrund der finanziellen Engpässe in einer Dekade des ideologischen Tauziehens und benötigt nun eine Person an der Spitze, die es schafft, die verschiedenen politischen Lager zu einen und nicht weiter zu spalten.

Für Bettina Lutz Güttler spricht, dass sie die Herausforderungen Obersiggenthals erkannt und Ideen hat, wie sie diese angehen will: In der Finanzdebatte will sie weder mit einer blindwütigen Spar- noch mit einer naiven Ausgabenpolitik reagieren. Sie strebt den einzig vernünftigen Weg an: Der Finanzhaushalt soll ausgeglichen gestaltet werden, wobei Sparen allein nicht die Lösung sein könne. Zweitens musste die Gemeindeverwaltung zuletzt viele Wechsel verkraften; sie will die Kommunikation verbessern und ein Klima des Respekts und Vertrauens schaffen, was der besonnenen Juristin zuzutrauen ist.

Ihr Konkurrent um das Amt, Peter Stucki, sagte letzte Woche, er lehne den Kapitalismus in der heutigen Form eigentlich ab; früher sagte er, er sei bei Grundsatzdiskussionen «sehr links». Die Gemeinde braucht in der momentanen Situation eine Realistin und keinen Idealisten an der Spitze. Das sehen ausser SP und Grünen alle Ortsparteien so: SVP, FDP, CVP, EVP und BDP empfehlen Bettina Lutz Güttler zur neuen Frau Gemeindeammann.

Er denkt unternehmerisch und ist zudem fit wie ein Turnschuh – Martin Rupf, Ressortleiter Badener Tagblatt zu Peter Stucki

Weshalb die Obersiggenthaler am Sonntag Gemeinderat Peter Stucki zum neuen Gemeindeammann wählen sollten.

Zugegeben: Peter Stucki weist nur ein halbes Jahr Exekutiverfahrung auf und will jetzt schon Gemeindeammann werden. Doch immerhin verfügt er im Gegensatz zu seiner Kontrahentin Bettina Lutz Güttler (CVP) über Gemeinderatserfahrung. Sprich, er hat bereits einen wertvollen Einblick in das Innenleben der Regierung und erste wichtige Erkenntnisse gewonnen, wo der Schuh drückt und wo innerhalb des Kollegiums, aber auch der Verwaltung anzusetzen ist. Doch hat der SP-Mann überhaupt eine Chance in einer Gemeinde, deren Einwohner eher bürgerlich wählen?

Die Gemeinderatswahlen von letztem Herbst dürften ihm Mut machen. Damals griff die SP den Sitz der SVP an – mit Erfolg. Stucki setzte sich gegen SVP-Kandidatin Ursula Haag durch. Gewiss: Die Juristin und ehemalige Einwohnerratspräsidentin Bettina Lutz Güttler ist ein anderes Kaliber. Und doch darf sich Stucki Chancen ausrechnen, als Sieger aus dem Rennen zu gehen. Denn auch wenn Sozialdemokrat, so bringt er sehr viel «bürgerliche» KMU-Erfahrung mit. Der gelernte internationale Speditionskaufmann hat in seiner beruflichen Karriere in mehreren KMU und Grossunternehmen gearbeitet und diese wieder auf Vordermann gebracht. In Zeiten knapper finanzieller Mittel ist diese Berufserfahrung von nicht zu unterschätzendem Vorteil. Stucki eckt zwar da und dort an und polarisiert gerne einmal.

Doch genau das ist es, was Obersiggenthal jetzt braucht. Denn die Gemeinde befindet sich seit geraumer Zeit in einer Art Lethargie. Peter Stucki wäre es als Gemeindeammann zuzutrauen, der Gemeinde wieder neues Leben einzuhauchen. Dass der 64-Jährige hierzu mental und physisch in der Lage ist, beweist er nicht nur in persönlichen Gesprächen. Der ehemalige Eishockeygoalie schwimmt jede Woche rund zehn Kilometer. Dieser Mann hat Kondition sowie Ausdauer.