Region Baden

Sie wollen für ihre Kinder da sein – deshalb machen sich diese Mütter beruflich selbstständig

Sandra Moser bietet in ihrem Geschäft «My Day My Party» alles, was es für den Kindergeburtstag braucht. Sandra Ardizzone

Sandra Moser bietet in ihrem Geschäft «My Day My Party» alles, was es für den Kindergeburtstag braucht. Sandra Ardizzone

Mit einer eigenen Geschäftsidee können Mütter sich besser um ihre Kinder kümmern. Nun tauschen sie sich aus und bauen ein eigenes Netzwerk auf.

Einkaufstourismus, Frankenstärke, Onlinehandel und Konkurrenz von den Detailhandelsriesen: Unter diesen Voraussetzungen ein eigenes kleines Geschäft zu führen, ist kein Zuckerschlecken, insbesondere nicht für Mütter. Ohne ein zweites Einkommen vom Lebenspartner oder den Alimenten für die Kinder würde der Traum vom eigenen «Lädeli» wohl nicht funktionieren. Denn oft ist das Geschäft zwar selbsttragend, aber wirft (noch) kaum Gewinn ab.

Die drei Frauen Sandra Moser, Sandra Bucher und Adriana Furrer haben sich ihren Traum vom eigenen Geschäft dennoch verwirklicht. Insbesondere, weil sie so für Familie, Haushalt und Arbeit flexibel sein können. Dadurch haben ihre Geschäfte aber auch ungewöhnliche Öffnungszeiten – und alle drei Mütter verkaufen Produkte für Kinder. Das Besondere: Statt sich zu konkurrenzieren, unterstützen sie sich gegenseitig und bauen in der Region ihr eigenes Netzwerk auf.

Sandra Moser hat im November ihr Geschäft «My Day My Party» im Neugrüen an der Lenzburgerstrasse in Mellingen eröffnet. «Danach hatte ich kein Geld mehr, um Werbung zu machen.» Um trotzdem mehr Produkte verkaufen zu können, hat sie getan, was auch Detailriesen seit je tun: Sie hat das Sortiment erweitert. Neben ihren Partyartikeln stehen im Schaufenster «Windeltorten» und «Windeltöffs». Kreiert hat sie Adriana Furrer, auch bekannt als «Windelmuse». «Die Produkte anderer Frauen aus der Region in mein Geschäft zu integrieren, ist eine Möglichkeit, mehr Kunden anzusprechen», sagt Moser. Verkauft sie ein Produkt von Furrers Label «Windelmuse», bekommt sie dafür eine kleine Provision. Und weil kein Kindergeburtstag ohne echte Torte auskommt, kann man die ausgefallensten Kreationen bei «My Day My Party» direkt bestellten. Das Handwerk überlässt Moser aber einer professionellen Bäckerin aus ihrem Netzwerk.

Mehr Zeit für die Kinder

Den grossen Aufwand für wenig Lohn nimmt Moser in Kauf. Der Hauptgrund sind die beiden Kinder. Sie blieben nach der elterlichen Scheidung bei der Mutter. «Weil mein Sohn und meine Tochter bei mir leben, will ich auch für sie da sein», sagt Moser. Die beiden Kids sind bereits im Teenager-Alter und könnten sich ihr Essen selber kochen. «Doch ich möchte Zeit mit ihnen verbringen, solange sie noch zu Hause sind.» Dazu gehört für die 45-Jährige eben auch, morgens Frühstückmachen, mittags kochen und gemeinsam Abendessen. «Als gelernte Verkäuferin eine Stelle finden, die mir diese Flexibilität lässt, war praktisch unmöglich», fasst Moser ihre Jobsuche zusammen.

Auch Sandra Bucher mit ihrem Kinderkleidergeschäft «Tamariki Kids» in Fislisbach und Adriana Furrer mit dem «Windelmuse»-Lädeli in Spreitenbach wollen flexibel sein, um für ihre Kinder sorgen zu können. «Dank meinem eigenen Geschäft kann ich meine Kinder beizeiten vom Kindergarten abholen oder mal ein zwei Stunden bei mir im Geschäft haben», sagt Furrer.

Die 33-jährige zweifache Mutter bietet in ihrem neu eröffneten Geschäft an der Grabäckerstrasse 56 in Spreitenbach nebst den selbstkreierten «Windeltorten» auch handgemachte Produkte anderer Frauen aus der Region an. Und in Fislisbach ist die 41-jährige Sandra Bucher gerade daran, sich in der Region mit anderen Geschäftsfrauen, die Kinderprodukte verkaufen, zu vernetzen. «Das ist sinnvoller, als alleine zu kämpfen», sagt sie. Nebst den Kinderkleidern für alle Alterskategorien will sie im «Tamariki Kids» im Zentrum Gugger ein saisonspezifisches Sortiment aufbauen. So hat sie im Januar Fasnachtskostüme und -schminke verkauft. «Das kam bei den Leuten sehr gut an», sagt Bucher.

Im Nachbarsdorf Mellingen überlegt sich Moser, in ihrem Partyladen kommendes Jahr ein kleines Sortiment von Buchers Fasnachtskostümen zu verkaufen.

Facebook und Vertrauen

«Wir helfen uns alle gegenseitig mit diesem Netzwerk», sagt Moser. Denn dadurch steigt die Reichweite ihrer Produkte in der ganzen Region, ohne dass sie dafür tief in die Tasche greifen müssten. «Dieses Konzept beruht vor allem auf Vertrauen», fügt «Windelmuse» Furrer an. Von den Babyartikeln einer Geschäftspartnerin habe sie beispielsweise keine Liste. «Ich schreibe auf, was ich von ihr verkaufe und dann wird abgerechnet.»

Ihre «Lieferantinnen» hat sie bei Koffermärkten oder auf Facebook kennen gelernt. «Daneben suche ich im Internet nach möglichen Geschäftspartnerinnen», sagt die zweifache Mutter. Facebook ist nebst der eigenen Internetseite eine der wenigen Werbemöglichkeiten, die kaum Kosten verursachen. Überhaupt wäre ein eigenes Geschäft mit mütterlichen Pflichten ohne Internet kaum machbar.

Der Grund: Die Mütter schliessen ihre Geschäfte nicht selten bereits um 17 Uhr oder haben an Wochentagen geschlossen, um bei den Kids zu sein. «Die Kunden können dann auch via Internet bestellen», sagt Moser. Liegt die Lieferadresse in der Region, bringt Moser die Partyhüte, Girlanden und Luftballons gleich selber vorbei. Ungeachtet dessen bleibt das eigene Geschäft ein grosses Risiko mit geringem Einkommen.

Moser erinnert sich: «Als ich mich dazu entschloss, musste ich meinen ganzen Mut zusammennehmen. Auch jetzt zerrt das manchmal ganz schön an den Nerven, doch meine beiden Kinder unterstützen mich und stehen hinter mir», sagt Moser. Und die Zeit, die sie mit ihnen verbringen kann, sei es allemal Wert.

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