Baden

Sie räumt den Güsel weg, den andere achtlos liegen lassen

Mit Handschuhen aus dem Baumarkt hebt Annemarie Martin den Abfall auf, den andere an der Limmatpromenade achtlos liegen gelassen haben.

Mit Handschuhen aus dem Baumarkt hebt Annemarie Martin den Abfall auf, den andere an der Limmatpromenade achtlos liegen gelassen haben.

Annemarie Martin aus Nussbaumen erträgt den Dreck auf der Strasse nicht. Sie sammelt deshalb regelmässig Abfall an der Limmatpromenade. «Ich tue das immer, auch in den Ferien.» Jetzt will sie mit der Stadt Baden zusammenarbeiten.

Annemarie Martin zieht sich einen weissen Plastikhandschuh über ihre rechte Hand, die Fingernägel hat sie rot lackiert.

In ihrem weissen T-Shirt und mit den weissen Hosen kriecht sie fast unter die Sitzbank an der Limmatpromenade, wo kurz zuvor Leute ihr Plastikbesteck vom Mittagessen auf dem Boden liegengelassen haben. Sie hebt es mit der geschützten Hand auf und geht in gemütlichem Spaziergängertempo weiter.

Mit Handschuhen aus dem Baumarkt hebt Annemarie Martin den Abfall auf.

Mit Handschuhen aus dem Baumarkt hebt Annemarie Martin den Abfall auf.

Eigentlich arbeitet die Nussbaumerin als Physiotherapeutin in der Rehaklinik Freihof an der Limmatpromenade. Doch sobald sie Mittagspause oder Feierabend hat, wird sie zur Müllsammlerin.

Fast täglich spaziert sie entlang der Limmatpromenade. Sieht sie unter den Bänken liegengelassenes Plastikbesteck, Plastikverpackungen oder Zigarettenkippen, zückt sie ihre Handschuhe aus dem Baumarkt aus ihrer Handtasche und sammelt alles auf, was andere liegengelassen haben.

Dass die Leute sie dabei oft schief anschauen und manchmal tuscheln, daran hat sie sich längst gewöhnt. «Ich sehe es manchmal an den Blicken der Leute, dass sie mich ein bisschen für verrückt halten. Aber das macht mir nichts aus», sagt sie selbstbewusst. «Man muss ein Vorbild sein, wenn man etwas verbessern will», lautet ihr Motto.

Zumindest bei ihren Enkelkindern funktioniert diese Taktik sehr gut. «Die beiden sind jetzt drei und fünf Jahre alt und immer wenn ich mit ihnen nach draussen gehe, fragen sie, ob ich auch die Handschuhe dabei habe».

Wieder bückt sich Annemarie Martin unter eine Bank. Kurz darauf hält sie eine Fünf-Cent-Münze in der Hand. «Eine spanische, die kommt in die Schatzkiste», sagt sie, sichtlich erfreut über den Fund. «Solche Münzen reinige ich mit meinen Enkeln. Wir polieren sie, bis sie glänzen.»

Wenn die 61-Jährige sammelt, hört sie nicht einfach vor ihrer Haustür auf. «Ich tue das immer, auch in den Ferien.» Ihr spielt es keine Rolle, ob sie in Nussbaumen an der Bushaltestelle steht, im Schwarzwald am Wandern oder zum Segeln am Mittelmeer ist.

Unterwegs zieht sie auch schon mal ihre eleganten Absatzschuhe aus, um über ein Bord zu klettern, wenn sie dort Abfall entdeckt. Noch nie sei etwas passiert oder habe sie sich an einer Glasscherbe geschnitten. Ihre Handschuhe hat sie auf all ihre Taschen verteilt.

Umweltverschmutzung stoppen

Ob sie eine Vorstellung habe, warum Leute ihren Müll manchmal achtlos liegenlassen. «Das habe ich mich schon oft gefragt. Zu Hause macht das schliesslich keiner.» Sie habe Dutzende Gespräche über Littering geführt.

«Ich vermute, die Menschen, die das tun, schieben ihre Verantwortung ab auf die Stadt und die Müllmänner.» Diese würden zwar einen guten Job machen, aber deswegen müsse man ja nicht alles liegen lassen.

«Zudem verstehen viele nicht, dass eine Plastikflasche, die man in die Limmat wirft, irgendwann ins Meer geschwemmt werden kann, sich dort zersetzt und die Fische letztlich daran zugrunde gehen.»

Es ist die Natur, die Martin schützen will, aber weil sie weiss, dass ihre Arbeit kaum ein Tropfen auf den heissen Stein ist, arbeitet sie an einem Konzept, das sie mit den Verantwortlichen der Stadt Baden besprechen will. Den Kontakt zum Werkhof hat sie bereits hergestellt. «Mein Ziel ist es, die Menschen zu motivieren, sodass sie sich für eine saubere Stadt einsetzen.»

Es sei nicht getan, wenn man einfach Handschuhe verteile. Für die unzähligen Kippen hat sie auch schon eine Idee: «Man sollte bei den Sitzbänken an der Limmatpromenade Aschenbecher anbringen. «Sicher besteht die Gefahr von Diebstahl und Vandalismus und es braucht Zeit, sie zu leeren.» Aber wenn man jede Kippe mühsam vom Boden klauben müsse, brauche man dafür viel mehr Zeit.

Lesen Sie hier auch den Kommentar zu diesem Thema.

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