Die Sportwissenschafterin Irene Härdi drückt den Turnern in der Turnhalle der Schule Ennetbaden drei Wäscheklammern in die Hand. Sie müssen sie an ihren Kleidungsstücken befestigen und dann versuchen, den anderen Teilnehmern möglichst viele Klammern wegzunehmen. Derjenige, der die meisten erobert, gewinnt das Spiel.

Wer die Regionalgruppe «Bewegung & Sport Aargau» beobachtet, sieht auf den ersten Blick nicht, dass es sich hier um kranke Menschen handelt. Aber: Alle Teilnehmer leiden an multipler Sklerose (MS). Die chronische neurologische Krankheit betrifft das zentrale Nervensystem und beeinflusst verschiedene Körperfunktionen. Rund 15'000 Menschen sind in der Schweiz von der unheilbaren Krankheit betroffen.

Irene Härdi ist Kursleiterin der Gruppe, die Markus Eisele vor fünf Jahren ins Leben rief, und sich inzwischen jeden zweiten Mittwoch trifft. Der Ennetbadener erhielt vor gut zehn Jahren selbst die Diagnose multiple Sklerose. Damals brach für den ambitionierten Sportler eine Welt zusammen, dachte er doch, dass er nun keinen Sport mehr treiben könne. Mit professioneller Unterstützung stellte Eisele dennoch sein individuelles Bewegungsprogramm zusammen. Heute ist er davon überzeugt, dass sein konsequentes Training einen grossen Teil dazu beiträgt, die Symptome der Erkrankung positiv zu beeinflussen.

Jeder nach seinen Fähigkeiten

Er wollte auch andere MS-Betroffene inspirieren und sie aus ihrer Isolation holen. Mit der Gründung der Regionalgruppe motivierte er sie zu mehr Bewegung und Sport. Eine kompetente Kursleiterin fand er in der ausgebildeten Sportwissenschaftlerin Irene Härdi; und mit der Turnhalle in Ennetbaden den idealen Trainingsort. Ziel ist, mit den Übungen aus den Bereichen Sensomotorik, Stabilität, Koordination, Kraft und Ausdauer mehr Sicherheit im Alltag zu erlangen. Ob sitzend auf dem Gymnastikball oder balancierend auf der umgekehrten Langbank, die Betroffenen üben nach Anleitung der Kursleiterin und lösen die Aufgaben ihren Fähigkeiten entsprechend. Die Bewegungsstunden leben zudem vom Gemeinschaftserlebnis und sind eine Ergänzung zu Physio- oder Ergotherapie.

«Die Anzahl der Teilnehmer hat stetig zugenommen», freut sich Gründer Markus Eisele, der ebenfalls mitturnt. «Das zeigt uns, dass das Bedürfnis für unser Angebot da ist und wir auf dem richtigen Weg sind.»

Wenn die Turnhalle in den Schulferien geschlossen bleibt, wird die Zeit genutzt, um «Special Events» zu organisieren. So erhalten die Teilnehmer auch Einblick in andere Sportarten: «Wir sammelten unter anderem bei Dance&Box, Klettern, GiGong, Badminton oder Yoga, schöne Erinnerungen», erzählt Eisele.

Überzeugte Teilnehmer

Für Verena aus Nussbaumen sind diese Spezialevents ein besonderes Highlight: «Ich lerne so für mich neue Aktivitäten kennen, die spannend für Körper und Geist sind.» Ganz allgemein freue sie sich immer auf die Turnstunden: «Hier kann ich unter Gleichgesinnten sportlich aktiv sein.» Alle würden aufeinander Rücksicht nehmen und es gäbe immer viel zu lachen. Neben der Bewegung ist denn auch der soziale Kontakt ein wichtiger Faktor. Nach dem Sport würden sie in gemütlicher Runde etwas trinken gehen.

Silvia aus Würenlos brauchte erst etwas Zeit bis sie sich traute, sich für die Sportgruppe anzumelden: «Mein Vorurteil war, dass viel über MS geredet wird und es mir danach nur schlechter geht.» Es sei aber das Gegenteil der Fall: «Nach dem Training bin ich ein ganz anderer Mensch und glücklich.»

«Bewegung & Sport Aargau»

jeden 2. Mittwoch, 18.30 - 19.45 Uhr, Anmeldung  bei Markus Eisele: 079 354 46 00.