Turgi-Gebenstorf

Livestream in der Kirche: Nur ein Vorwand für Überwachung?

Die Kamera, welche die Gemüter erhitzt, ist nun in der Kirche Gebenstorf fest installiert.

Die Kamera, welche die Gemüter erhitzt, ist nun in der Kirche Gebenstorf fest installiert.

In der Kirchgemeinde Turgi-Gebenstorf schwelt seit längerem ein Streit um die Kirchenleitung – jetzt gibt es neue Vorwürfe.

Seit zwei Jahren streiten sich Kirchenpflegepräsident Daniel Ric und Pater Adam Serafin mit einer inzwischen auf über 70 Personen angewachsenen Initiativgruppe der Kirchgemeinde Gebenstorf-Turgi. Diese wehrt sich gegen Pater Adam. Hauptkritikpunkt: Er sei äusserst konservativ, wogegen sie nichts einzuwenden hätten, aber es gäbe keinen Dialog, kein Miteinander mehr. So gäbe es jetzt zum Beispiel nur noch Eucharistiefeiern, freie Formen von Familien- und Jugendgottesdiensten, die früher mitgestaltet werden konnten, seien Vergangenheit.

Immer wieder geraten Kirchenpflege und Initiativgruppe aneinander. Der aktuelle Vorwurf: Auf der Website des Seelsorgeverbands Birmenstorf-Gebenstorf-Turgi war eine Videoübertragung aus dem Pfarreisekretariat Gebenstorf aufgeschaltet – ausgerichtet auf den Arbeitsplatz der Pfarreisekretärin, versehen mit ihrem Namen. Das sei nur dank einem Missgeschick überhaupt ans Tageslicht gekommen und einen Tag später wieder gelöscht worden. «Ein skandalöses, skrupelloses Vorgehen – zumal in einem Raum, der Menschen Vertraulichkeit suggeriert und in dem sie sich entsprechend öffnen und verhalten», schreiben die fünf Delegierten der Initiativgruppe in einem Papier, das auch Bischof Felix Gmür und Gunhilt Kersten, der Aargauer Beauftragten für Öffentlichkeit und Datenschutz, zugestellt wurde.

Dabei sei das Sekretariat nicht der einzige überwachte Raum: Auch in der Kirche selbst sei eine Kamera fest installiert worden – «vordergründig, um die vielen Eucharistiefeiern in der Nach-Coronazeit aufzunehmen und auf die Website zu stellen», schreibt die Gruppe weiter. Das Misstrauen ist gross: «Die bisherige Kamera konnte jederzeit von den privaten PCs der Kirchenpflege und Pater Adam und einem externen Gehilfen eingeschaltet werden – Menschen beobachten, abhören ...» Die Gruppe will keine fest installierte Kamera in der Kirche, eine mobile, die wieder abgebaut werden könnte, würde reichen.

Kirchenpflegepräsident prüft Anzeige

Kirchenpflegepräsident Daniel Ric weist die Vorwürfe zurück: «Es ist traurig, wie Personen, von denen nicht einmal alle der Kirchgemeinde angehören, versuchen, die Anstrengungen des pfarrverantwortlichen Priesters schlechtzumachen und vorsätzlich falsche Behauptungen in die Welt setzen.» Sie könnten doch stolz darauf sein, wie die Kirchgemeinde die digitale Herausforderung in dieser Zeit gemeistert habe. «Wir waren die ersten in der Region, die während dem Lockdown digital aktiv wurden. Pater Adam hat kurzerhand diverse Angebote aus dem Boden gestampft, die in der Region ihresgleichen suchten.» Darunter die Liveübertragungen der Gottesdienste.

Weil diese so erfolgreich waren – innerhalb zweier Monate seien die Livestreams rund 18 000 Mal angeklickt worden – und auch, um Risikogruppen zu bedienen, will man sie weiterführen. Am Eingang der Kirche wird darauf hingewiesen, dass der Gottesdienst gefilmt werde. «Die Kamera ist aber nur auf den Priester ausgerichtet und aktuell gar nicht in Betrieb.» Noch immer benutze Pater Adam für die Livestreams sein eigenes Smartphone, doch schon bald soll die Kamera diesen Dienst übernehmen: «Deshalb haben wir die Kamera an einem Abend zwischen 21 Uhr und Mitternacht vom Webmaster im Sekretariat testen lassen», so Ric. Das wurde live auf der Website übertragen, wie auch alle Gottesdienste im Livestream zuvor: «Und wenn sie enden, verschwinden sie wieder von der Website.»

Zu dieser Zeit dürfe sowieso niemand im Büro sein, ausser den Sekretärinnen und dem Webmaster. «Und die Seelsorgegespräche müssen ohnehin in der Kirche stattfinden, da nur dort die Abstandsregeln eingehalten werden können.» Als Präsident müsse er nun eine Anzeige wegen vorsätzlich falscher Behauptungen prüfen.

Die Initiativgruppe ihrerseits hat gegen die Kirchenpflege bereits vor einigen Wochen eine Anzeige beim Kirchenrat der Römisch-Katholischen Kirche Aargau eingereicht.

Pater Adam will auf Anfrage seine Energie lieber in die Pfarreiarbeit stecken und nimmt daher zu den Vorwürfen keine Stellung.

Meistgesehen

Artboard 1