Baden

Live-Hörspiel im Royal: Besucher erleben eine spannende Reise in der Zeit um 1900

Packten das Royal-Publikum mit ihrem Hörspiel.

Packten das Royal-Publikum mit ihrem Hörspiel.

Der Verein der Flaneure erzählt im Badener Royal die Geschichte einer jungen Frau, die von der Schweiz nach Algerien reist.

Sand, so weit das Auge reicht. Die Sonne brennt erbarmungslos. Endlos dehnen sich die ockerfarbenen Dünen der Sahara. Das ist die Landschaft, in die sich Isabelle Eberhardt sehnt. In ihrer Fantasie liegt die Wüste vor ihr, weit und leer, wie ein weisses Papier. Sie ist die Träumerin und diejenige, die den Stift in der Hand hält.

An diesem Ort «möchte ich mir ein Nest schaffen. Mir einen Willen, eine Existenz, eine Intelligenz schaffen», schreibt sie in ihr Tagebuch. Und es ist der Ort, an dem sie schreiben will. Es ist der 14. Juli 1900, wenige Tage vor ihrem Aufbruch nach Algerien.

Eindrücklich transportieren die Schauspielerinnen Anina Jendreyko und Faten Alabbas sowie der Musiker Daniel Steiner vom Verein der Flaneure die Tagebucheinträge der Schweizer Rebellin und Schriftstellerin Isabelle Eberhardt in die Gegenwart. Eberhardt wächst in Meyrin, unweit von Genf auf. Sie ist die Tochter eines russischen Adeligen und einer deutsch-baltischen Lutherianerin.

Mit zwölf Jahren spricht sie bereits fliessend russisch, französisch, deutsch, italienisch und englisch und bringt sich selber arabisch bei. Sie verschlingt Bücher und träumt sich in die Welt aus Tausendundeiner Nacht. Schon früh beginnt ihre Faszination mit dem Islam, zu dem sie und ihre Mutter bei ihrem ersten Aufenthalt in Algerien 1897 konvertieren.

In einem Anfall von Melancholie begeht der Bruder Selbstmord

Doch noch während ihres Kuraufenthaltes in Algerien stirbt ihre kranke Mutter und zwei Jahre später erliegt auch der Vater seiner Krankheit, worauf ihr Bruder Wladimir in einem Anfall von Melancholie Selbstmord begeht. Die Einsamkeit, die Isabelle Eberhardt in dieser Zeit durchspült, verbindet sich mit einem Gefühl der Wurzellosigkeit. Für immer begleitet sie von da an «eine Sehnsucht nach einem Woanders, das ich nicht näher beschreiben kann.»

Doch die Verluste brechen sie nicht, im Gegenteil: «Mein Herz ist gekräftigt», schreibt sie in ihr Tagebuch, «es kann nicht mehr brechen, so stark die Verluste auch sein mögen.»
Isabelle Eberhardt will weg von dieser Heimat der Trauer, hin zum Ort ihrer Träume: Algerien. Am 18. Juli 1900 endlich ist es soweit. Alleine steigt sie in das Dampfschiff. Dumpf vernehmen wir den Ton beim Ablegen des Schiffes, der sich über die euphorisch vorgetragenen Tagebucheinträge legt.

Die Nomadin Isabelle Eberhardt ist geboren. Um sich freier bewegen zu können, legt sie dort ihre europäische Kleidung ab, schneidet sich die Haare kurz und kleidet sich als arabischer Mann. Gegenüber Fremden nennt sie sich Si Mahmoud Saadi.

Weshalb sind Live-Hörspiele nicht längst etabliert?

Die Tagebucheinträge sind nun häufiger auf arabisch, Faten Alabbas liest sie und die melodische, fremdartige Sprache erfüllt den Raum. In El Oued schreibt sie vom abstossenden Benehmen der Europäer gegenüber den Arabern, denen sie sich innerlich so viel näher fühlt.

Sie schreibt von ihren Reisen durch die Sahara, von Sandstürmen und Wüstenhitze, die sie an den Rand ihrer Kräfte bringen, und ab 1901 immer wieder von Slimène Ehnni, einem Quartiermeister der französischen Garnison, in den sie sich verliebt und der ihr die zur Last gewordenen Einsamkeit endlich etwas erleichtert. Trotzdem, sesshaft wird sie nie.

Packend und mit viel dramaturgischem Feingefühl macht der Verein der Flaneure unter der Regie von Maja Bagat die Geschichte von Isabelle Eberhardt hör- und erfahrbar. So gut, dass man sich eigentlich fragt, weshalb Live-Hörspiele nicht längst etabliert sind.

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