Quartiere in Baden (7)

«Limmat rechts»: Auch auf Wettinger Seite schlägt der Badener Puls

«Limmat rechts» ist das wohl unbekannteste Badener Quartier – liegt es doch auf der «Wettinger Seite». Ein Rundgang zeigt: Zwar fehlt ein Quartierladen, dafür gibt es andere Trümpfe – etwa die beste Aussicht auf die Stadt.

Von einigen Badener Quartieren war in dieser Serie bereits die Rede. Die meisten dürfen den Lesern bekannt gewesen sein. Wer kennt nicht die «Altstadt», Dättwil, die Allmend und das Römerquartier? Würde man die Leser aber fragen, was ihnen der Namen «Limmat rechts» sagt, würde man bei nicht wenigen wohl fragende Blicke ernten.

«Limmat rechts» ist das wohl unbekannteste Badener Quartier. Kein Wunder es liegt ja quasi auf der Wettinger Seite ennet der Limmat. Wie sehr das Badener Quartier fast auch ein bisschen ein Wettinger Quartier ist, zeigt sich nicht zuletzt an der Tatsache, dass im Vorstand des Quartiervereins – den Verein gibt es seit 40 Jahren – sogar Wettinger dabei sind. Nicht zuletzt beweist das Vorhandensein eines Quartiervereins, dass es sich bei «Limmat rechts» nicht nur auf dem Papier um ein Quartier handelt. Zum Treffen bei der Sankt-Anna-Kapelle haben sich die Quartierbewohner Thomas Schild und Josef Tremp eingefunden.

Letzterer wird sich in den kommenden zwei Stunden als idealer Rundgangbegleiter erweisen, war er doch von 1964 bis 1996 Stadtarchitekt von Baden. Dass der 86-Jährige ein überzeugter Quartierbewohner und vor allem Badener ist, wird gleich zu Beginn des Gesprächs deutlich: «Vielen ist gar nicht bewusst, über welch bedeutende Gebäude und Institutionen wir hier verfügen.» Tremp zählt dabei die Kantonsschule, das Regionale Pflegezentrum Baden (RPB), das Historische Museum Baden, das Schwimmbad und die Sportanlage Aue auf.

Das mag zutreffen. Doch kann man hier auch (bezahlbar) wohnen? «Absolut», betonen sowohl Tremp wie Schild, die beide an der viel befahrenen Schartenstrasse wohnen. Ersterer seit bald 50 Jahren, Letzterer seit 14 Jahren. «Ja doch, ich würde schon sagen, dass wir eine Art Quartierleben haben», sagt Schild, dessen Frau im Quartiervorstand ist, heute aber arbeitet. «Doch ehrlicherweise muss man schon auch sagen, dass wir bei unseren Treffen eher Pragmatisches wie Verkehrsthemen oder neue Baupläne diskutieren.» Damit spricht Schild nicht zuletzt die Pläne des angrenzenden RPB an. Für 140 Millionen Franken soll hier bis ins Jahr 2023 ein zeitgemässes Pflegezentrum entstehen. In seinen drei Kernbereichen Wohnen, Pflegen und Sterben wird das RPB künftig unter anderem rund 300 Pflegebetten und zehn Betten in der Palliativpflege aufweisen. «Mir gefallen die Pläne an und für sich. Ich befürchte nur, dass die schöne Aussicht mit den Bäumen nachher nicht mehr die Gleiche sein wird», sagt Schild, und Josef Tremp fragt sich: «Müssen die Wohnhäuser an der Schartenstrasse tatsächlich fünfgeschossig sein?»

Wo genau die Grenze zwischen Baden und Wettingen jeweils verläuft, ist nicht immer wie hier an der Schartenstrasse sichtbar. An gewissen Stellen verläuft die Grenze quer durch Wohnhäuser.

Wo genau die Grenze zwischen Baden und Wettingen jeweils verläuft, ist nicht immer wie hier an der Schartenstrasse sichtbar. An gewissen Stellen verläuft die Grenze quer durch Wohnhäuser.

Auch wenn es viel Verkehr gibt an der Schartenstrasse, so sei es doch eine gute Wohnlage. Immerhin sorgt seit 1996 ein Fahrverbot am Abend und an den Feiertagen für etwas mehr Ruhe. «Seither hat sich die Situation merklich verbessert», sagt Tremp. Allen Institutionen und Angeboten zum Trotz, etwas fehlt im Quartier: ein Einkaufsladen. «Für die täglichen Besorgungen gehen viele Quartierbewohner nach Wettingen, dort hat es alles, was man braucht.» Trotzdem fühle man sich in keiner Weise als Wettinger, betonen beide, «sondern sind vielmehr voll und ganz nach Baden orientiert und fühlen uns als Teil dieser Stadt».

Wo genau verläuft die Grenze?

Über das RPB-Areal führt der Weg hinauf zum Lägernhang. Am Mühlbergweg sind in den letzten drei Jahrzehnten imposante Terrassenbauten entstanden. Zu bestaunen gibt es aber auch ältere Einfamilienhäuser, entworfen von namhaften Architekten wie René Weidmann, Otto Dorer oder Hans Loepfe. Wieder «unten» angekommen, zeigt Josef Tremp auf das markante rote Gebäude im Eck Scharten-/Schönaustrasse. «An und für sich gefällt mir die Architektur. Doch ich hätte mir gewünscht, die Stadt hätte diese Parzellen seinerzeit nicht verkauft.» Weshalb? «Dieser Standort würde sich ideal für ein zentrales Gemeindehaus eignen, sollten Baden und Wettingen dereinst fusionieren», sinniert Tremp.

Weiter gehts zum ehemaligen Restaurant Metropol, in dem heute Asylsuchende leben. Auch hier hat Tremp eine Anekdote bereit: «Das ‹Metropol› heisst ‹Metropol›, damit die Wettinger früher wussten, dass sie ab hier in der Metropole angekommen sind.» Über die Lägernstrasse, der ersten Wohnstrasse in Baden, gehts Richtung Landstrasse. Wo die Gemeindegrenze jeweils genau verläuft, ist gar nicht so einfach zu eruieren. «Es gibt Häuser, in denen die Gemeindegrenze mitten durch die Wohnung verläuft», weiss Tremp. An der Landstrasse gibt es dann gar einen kurzen Abschnitt, der als Niemandsland bezeichnet werden kann, da die Ortstafeln versetzt stehen. Entlang der Schönaustrasse gehts Richtung Schwimmbad. Erst passieren wir die Gebäude der Kantonsschule Baden. Diese hat Architekt Fritz Haller entworfen und wurden von 1962 bis 1964 gebaut. Heute stehen die Gebäude unter Denkmalschutz.

Josef Tremp, alt Stadtarchitekt (rechts), und Quartierbewohner Thomas Schild, auf dem Areal der Kantonsschule Baden: «Von hier aus hat man die schönste Aussicht auf Baden.»

Josef Tremp, alt Stadtarchitekt (rechts), und Quartierbewohner Thomas Schild, auf dem Areal der Kantonsschule Baden: «Von hier aus hat man die schönste Aussicht auf Baden.»

Weiter gehts durch das beschauliche Quartier, in dem an diesem Nachmittag aber nicht viel Leben zu entdecken ist. Dass der Grenzverlauf auch ganz konkrete politische Herausforderungen stellen kann, zeigte sich hier im Jahre 2014. Um den Schleichverkehr zu unterbinden, beschloss Badens Stadtrat damals, die Uto- und die Austrasse mit einem Fahrverbot zu belegen. Diese Ankündigung sorgte für Unruhe: Denn die Strassen liegen nicht nur auf Badener, sondern auch auf Wettinger Boden. Die Folge: Das Fahrverbot wurde bis heute nicht umgesetzt.

Auf dem Weg zurück zur Kantonsschule entlang der Seminarstrasse passieren wir an der Nägelistrasse 5 ein sowohl optisch wie auch inhaltlich spannendes Gebäude. Hier wohnte einst der «Badener Tagblatt»-Redaktor Werner Geissberger. Das wiederum ist speziell, als dessen Frau Helen die Schwägerin des deutschen Schriftstellers Günter Grass war, der im Frühling 2015 verstarb. Grass soll sogar einige Zeit bei Geissberger gewohnt haben und mit grosser Wahrscheinlichkeit hier für seinen Romanhelden in der «Blechtrommel» inspiriert worden sein.
Zurück auf dem Areal der Kantonsschule posieren Tremp und Schild oberhalb der Treppe für das Foto. Kein Zufall wählt der Fotograf diesen Ort aus. «Von hier hat man die beste Aussicht auf die Stadt», sind sich Tremp und Schild einig. Dem bleibt nichts zu entgegnen. Zwar auf der «Wettinger» Seite, schlägt hier der Badener Puls. Und sollten sich die beiden Gemeinden einst tatsächlich zusammenschliessen, dann würde das Quartier plötzlich nicht mehr an der Peripherie, sondern im Zentrum liegen.

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