Bezirksgericht Baden

Lampenschirme statt Matratzen gescannt – Ikea-Kundin musste vor den Richter

Die Täterin stand wegen Urkundenfälschung und betrügerischem Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage vor dem Bezirksgericht in Baden.

Die Täterin stand wegen Urkundenfälschung und betrügerischem Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage vor dem Bezirksgericht in Baden.

Eine Ikea-Kundin stand wegen Urkundenfälschung und betrügerischem Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage vor Gericht. Gerichtspräsident Peter Rüegg sprach sie schliesslich von Schuld und Strafe frei.

Ivanka (Name geändert) hatte ein Bettgestell und zwei Matratzen gekauft, obendrein – wie das halt so geht, wenn man durch das schwedische Möbelhaus streift – ein paar Kleinigkeiten für den Haushalt.

Da sie mit der Kreditkarte bezahlen wollte, benutzte sie die Self-Scanning-Kasse. Nachdem ein Bekannter zunächst das Bettgestell ab Lager und dann beim Ausgang den Rest aufgeladen hatte, sah sich Ivanka unvermittelt Sicherheitsleuten gegenüber.

Nach Kontrolle von Ivankas Kassenbon war die Polizei gerufen worden, drei Monate später der 34-Jährigen ein Strafbefehl ins Haus geflattert: «Wegen Urkundenfälschung und betrügerischem Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage» wurde sie zu einer bedingten Geldstrafe von 4000 Franken und 800 Franken Busse verurteilt.

Ivanka, verheiratet, Mutter von zwei Kindern, teure Klamotten, ist momentan arbeitslos. Mit abgeschlossener Lehre im Laborbereich hat sie vor einem halben Jahr ihre Stelle wegen Auslagerung des Betriebs ins Ausland verloren. Sie sei, verrät sie im Gespräch auf dem Korridor, total kribbelig, weil sie jetzt daheim rumsitzen müsse. Ihr Beruf sei ihr enorm wichtig.

Lampenschirme statt Matratzen

Nach ihrer Einsprache gegen den Strafbefehl sass sie in Baden vor Einzelrichter Peter Rüegg. Sie habe die Welt nicht mehr verstanden, könne sich das Ganze überhaupt nicht erklären. «Als ich die Ware einscannte, gab es offenbar Probleme.

Jedenfalls hatte die Kassierin, die daneben stand, den Vorgang abgebrochen und am Lesegerät herummanipuliert, mir schliesslich aber grünes Licht gegeben, worauf ich die Sachen ganz normal mit der Karte bezahlt habe.»

Tatsache war nun aber, dass auf dem Kassenbon kein Posten «Matratzen» gestanden hatte, wohl aber viermal «Lampenschirm», obwohl Ivanka keinen einzigen solchen gekauft hatte. Auf dem Bon hatte das Lampenschirm-Quartett mit knapp 100 Stutz zu Buche geschlagen – die Matratzen hingegen hatten einen Wert von je 400 Franken. Ergo hatte Ivanka rund 700 Franken zu wenig bezahlt gehabt.

Nachdem festgestellt worden war, dass in der entsprechenden Abteilung des Möbelhauses an zwei Lampenschirmen die Etiketten fehlten, war Ivanka beschuldigt worden, diese abgenommen, über jene der Matratzen geklebt und sie je zweimal eingescannt zu haben.

Bewiesen werden konnte solches insofern nicht, dass Ivanka die Matratzen vor dem Verlad ausgepackt und die Folien samt Preisetikett entsorgt hatte. Allerdings konnten diese in dem von ihr bezeichneten Abfallcontainer nicht gefunden werden, was Ivanka sich absolut nicht erklären konnte.

Im Zweifel für die Angeklagte

Das Möbelhaus hatte Ivanka nicht nur angezeigt, sondern als Schadenersatz und Genugtuung auch 700 Franken von ihr gefordert. Wie Richter Rüegg erfuhr, hat die Beschuldigte inzwischen 868 Franken ans Möbelhaus überwiesen. «Als die Forderungen vom Inkassobüro immer grösser wurden, habe ich schlussendlich eben bezahlt.»

Gerichtspräsident Peter Rüegg sprach Ivanka von Schuld und Strafe frei: «Allerdings sehr knapp», wie er ausführte. Dass ausgerechnet an zwei Lampenschirmen die Etiketten fehlten, dass Ivanka ausgerechnet den Preis von solchen viermal eingescannt hatte, und dass das Verpackungsmaterial unauffindbar war, spreche zwar gegen sie.

«Andererseits liegt ein Video von der Kasse vor. Darauf greift die Aufsichtsperson tatsächlich in einer ersten Phase manipulierend in den Einlese-Vorgang ein, was gewisse Zweifel an der Darstellung des Staatsanwaltes ergibt. Deshalb muss nach dem Grundsatz ‹im Zweifel für den Angeklagten› ein Freispruch erfolgen.»

Meistgesehen

Artboard 1