Bürgerkrieg

«Konsum gehört für mich zur Menschenwürde»

Konsum gehöre zur Menschenwürde, sagt der Deutsche Kilian Kleinschmidt. Unter seiner Regie wurde dieser Supermarkt im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari eröffnet.

Konsum gehöre zur Menschenwürde, sagt der Deutsche Kilian Kleinschmidt. Unter seiner Regie wurde dieser Supermarkt im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari eröffnet.

Kilian Kleinschmidt leitete das grösste Flüchtlingslager des Nahen Ostens. Am Donnerstagabend fesselt er im Rahmen des «Talk im Trafo» in Baden 800 Gäste mit Erkenntnissen zum Umgang mit Flüchtlingen – und kritisiert den Westen.

Zaatari liegt im Norden Jordaniens und ist etwa so gross wie Luzern. Über 80 000 Syrer leben in der vom UNHCR gebauten Flüchtlingsstadt, die ab Juli 2012 mitten in der Wüste entstand. Der Berliner Kilian Kleinschmidt war über zwei Jahre lang «Senior Field Coordinator» von Zaatari, sozusagen der Bürgermeister dieser provisorischen Stadt, die wohl für immer Bestand haben wird. Die Einwohner nannten ihn den «Boss».

Am Donnerstagabend trat er in Baden auf im Rahmen des «Talk im Trafo». Auf Einladung des AZ-Medien-Verlegers Peter Wanner und des Badener Anwalts Andreas Binder sprach Kleinschmidt über seine Erfahrungen im zweitgrössten Flüchtlingslager der Welt (Lesen Sie mehr dazu hier).

Die Bewohner der Wüstenstadt haben sich dauerhaft eingerichtet. Es sind meist syrische Flüchtlinge, die nicht die Mittel dazu haben, nach Europa zu reisen. Gut drei Viertel der Einwohner von Zaatari sind Frauen und Kinder. Täglich werden bis zu 80 neue Kinder geboren, täglich kommen neue Flüchtlinge hinzu. Nur zehn Kilometer sind es bis zur syrischen Grenze. Dahinter beginnt der Einflussbereich syrischer Rebellen.

Kilian Kleinschmidt hat die Art und Weise verändert, wie die Flüchtlingsstadt funktioniert. Dafür geniesst er viel internationale Anerkennung: Im Januar trifft er Jean-Claude Juncker, um die EU in Sachen Flüchtlingspolitik zu beraten. Die klassische Flüchtlingshilfe, wie sie seit Jahrzehnten überall in der Welt betrieben wird, ist für ihn nicht der richtige Ansatz. Sein Ziel ist es, den Flüchtlingen zu mehr Menschenwürde zu verhelfen. Das Mittel dazu: Selbstbestimmung.

Bevor Kleinschmidt nach Zaatari gerufen wurde, kam es dort immer wieder zu Ausschreitungen; ein jordanischer Polizist wurde dabei getötet. Es herrschte ein Klima von Angst und Misstrauen zwischen Polizei, Entwicklungshelfern und den Flüchtlingen.

Die UNO ist auch ein Detailhändler

Kleinschmidt eröffnete den Bewohnern Zaataris neue Möglichkeiten: Unter seiner Ägide haben die Syrer über 3000 Läden in Betrieb genommen. Die Wirtschaft in der viertgrössten Stadt Jordaniens floriert. Manche Läden bestehen nur aus einigen Holzbrettern, auf denen Konservendosen oder Kartons mit Süssigkeiten stehen. Auch Kleiderläden und Bäckereien säumen die Strassen. Velos sind das Hauptverkehrsmittel.

Das Welternährungsprogramm der UNO betreibt zusammen mit dem amerikanischen Einzelhändler Safeway und Firmen aus Jordanien eigene Supermärkte und hat dafür die klassischen Lebensmittelpakete weitgehend abgeschafft. Kleinschmidt ist begeistert: «Seitdem es diese Supermärkte gibt, beschweren sich die Flüchtlinge nicht mehr über das Essen.»

Stattdessen geniessen sie es, selbst einzukaufen: Dank Debitkarten, auf die regelmässig Geld geladen wird. Vorher galten für die Flüchtlinge die Standards des Welternährungsprogramms, das den Menüplan vorbestimmte: Ein Flüchtling hat pro Tag Anrecht auf 2100 Kalorien. «Zahlen, Statistik und Logistik sind ganz grosse Instrumente der Entmenschlichung», kritisiert Kleinschmidt.

In seiner Biografie, die er vergangenen September veröffentlichte, schrieb er: «Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, zu konsumieren und dafür zu bezahlen, das gehört für mich zur Menschenwürde.»

Almosen seien hingegen entwürdigend: Flüchtlinge stehen stundenlang für etwas an, das sie womöglich nicht brauchen können. Kleinschmidt nennt es eine «Massenhaltung», die jegliche Individualität verunmöglicht.

In Zaatari haben die Syrer nun vieles selber in der Hand: Allein die Geschäfte in der wichtigsten Strasse machen pro Monat über 15 Millionen Euro Umsatz.

Kleinschmidt hat eine ungewöhnliche Karriere hinter sich: Nach dem Abitur arbeitete er als Ziegenhirte und Dachdecker, ehe er 1988, damals 26-jährig, auf dem Motorrad durch die Sahara nach Mali fuhr. Dort wurde er Entwicklungshelfer. Später war er unter anderem in Somalia, Pakistan und dem Sudan tätig.

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