Zürich/Baden

Klassisches Konzert am Hauptbahnhof: «Das Ambiente hätte Mozart gefallen»

Leyla Siegen, die im Chor der Kanti Baden mitsingt, vor der grossen Bühne, die speziell für das Platzkonzert im Hauptbahnhof aufgebaut wurde.

Leyla Siegen, die im Chor der Kanti Baden mitsingt, vor der grossen Bühne, die speziell für das Platzkonzert im Hauptbahnhof aufgebaut wurde.

Orchester und Chor der Kantonsschule Baden haben zusammen mit anderen Gymnasien am Zürcher Hauptbahnhof konzertiert.

Tausende von Leuten hasten hektisch durch die Halle des Zürich Hauptbahnhofs. Doch etwas ist anders als sonst. Eine wohlbekannte Melodie durchbricht den Geräuschpegel. Mitten im Getümmel steht der 20-köpfige Chor der Kanti Baden auf dem Podest und singt a cappella Mozarts «Kleine Nachtmusik». Passanten bleiben verwirrt stehen. Doch dann huscht da und dort ein Lächeln über das Gesicht. Die Menschen halten inne und lassen sich für Momente von der Musik verzaubern.

Vor 250 Jahren beehrte der 10-jährige Wolfgang Amadeus Mozart höchstpersönlich das Zürcher Publikum, als er anlässlich seiner Europa-Tournee drei Konzerte im Musiksaal beim Fraumünster gab. Seine Reise durch die Schweiz inspirierte Ökonom Walter H. Rambousek und Roger Lämmli vom Opernhaus Zürich zum Kulturvermittlungsprojekt «Meetingpoint Mozart», das viele Veranstaltungen inklusive Platzkonzerte an Bahnhöfen auf der Reiseroute Mozarts umfasst. Eines fand Ende September in Baden statt. Die Limmatstadt ist Geburtsort von Anna Maria Sulzer, Grossmutter des Komponisten.

Jugend für Klassik begeistern

«Jugendliche ab 14 Jahren sind nur noch schwer für klassische Musik zu begeistern. Es braucht neue Vermittlungsangebote und Mozart ist mit seiner spannenden Lebensgeschichte eine gute Identifikationsfigur für den Nachwuchs», sagt «Meetingpoint Mozart»-Vereinspräsident Rambousek zur Initiative. Insgesamt waren 15 Gymnasien aus acht Kantonen dabei mit 2000 Schülerinnen und Schüler. Das eintägige Konzert mit speziell konstruierter Bühne im HB Zürich ist der bisher grösste Event, zu dem nebst dem Gymnasium Unterstrass Zürich und der Kantonsschule Rychenberg Winterthur die Kanti Baden einen wesentlichen Beitrag liefert. Von Fernsehkameras und Fotografen umringt, interpretiert Salome Etter auf ihrer Klarinette den 2. Satz des Konzertes in A-Dur.

Die 18-jährige Badenerin Leyla Siegen singt im Chor mit, der drei Notturni zum Besten gibt. «Es war extrem lässig», berichtet sie nach dem Auftritt, «die vielen Zuhörer spornten uns an und wir hatten so viel Power wie noch nie.» Dann meint sie traurig: «Meine jüngere Schwester wird so eine Möglichkeit wohl nicht mehr haben, bei all den Kürzungen, die im Gange sind. Ich finde es falsch, beim Musikunterricht zu sparen, der uns so viel gibt. Wenn ich Klavier spiele oder singe, kann ich abschalten und bin total konzentriert.»

Bahnhofskonzerte gibt es in Frankreich öfters. In der Schweiz verbindet man ein klassisches Konzert schon eher mit erhabener Stille und ergrauten Häuptern im Publikum. Die Bahnhofskonzerte von «Meetingpoint Mozart» brechen Klischees auf und bauen Hemmschwellen ab. «Dieses lebendige Ambiente hätte Mozart gefallen. Er war ‹en geile Siech›», sind sich viele Beteiligte einig. Wie geht es weiter? «Geplant sind Chorkonzerte bis Ende Jahr. Im Januar 2017 gibt es ein Abschlussfest in Zürich. Danach machen wir eine Analyse und schauen, ob und wie wir fortfahren könnten», sagt Rambousek.

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