Baden

Joggerin von Jägern überrascht: «Schüsse flogen mir um die Ohren»

Melanie Ventaglio (45) zeigt den Waldzugang am Ende der Ziegelhaustrasse, wo nicht vor der Jagd gewarnt wurde.

Melanie Ventaglio (45) zeigt den Waldzugang am Ende der Ziegelhaustrasse, wo nicht vor der Jagd gewarnt wurde.

Schüsse im Badener Wald schreckten Melanie Ventaglio beim Joggen auf. Nun macht sich die Frau Sorgen um Mütter und Kinder, weil Jagd-Warntafeln fehlen und man deshalb nicht vor Jägern gewarnt werde.

«Schüsse flogen mir am Samstagvormittag beim Joggen im Badener Wald um die Ohren», sagt Melanie Ventaglio. Kurz darauf habe sie die Jäger entdeckt, die für die Schüsse verantwortlich waren. Natürlich galten die Schüsse nicht der 45-Jährigen. Jedes Jahr an den ersten drei Samstagen im November gehen die Jäger im Jagdrevier «Baden Süd» zwischen Baden, Dättwil und Neuenhof jagen.

Doch davon wusste Ventaglio nichts. Denn am Eingang zum Wald, wo gleichenorts die Ziegelhaustrasse endet und ihre Joggingstrecke beginnt, warnte keine Gefahrentafel mit der Aufschrift «Jagd». Deshalb habe sie sich wegen der Schüsse erschrocken und sei einen Moment sehr verunsichert gewesen.

«Erst als ich die Jäger entdeckte, war mir klar, dass Jagd ist.» Immerhin hätten die Jäger Leuchtwesten getragen. «Ich ging auf einen der Jäger zu und fragte ihn, weshalb es an der Einmündung zum Wald keine Warntafeln gibt.» Man habe alle Waldeingänge markiert, so die Antwort des Jägers.

Sie sei gewiss keine Jagdgegnerin, «schliesslich müssen die Jäger die kantonalen Auflagen befolgen.» Doch die Einmündung der Ziegelhaustrasse in den Wald sei kein Trampelpfad. «Von hier aus gehen Leute aus dem Quartier mit ihren Hunden und Mütter mit ihren Kindern in den Wald», sagt die zweifache Mutter.

Offenbar würden die Jäger den Wald nur schlecht kennen, wenn der Weg nicht beschildert werde. Ventaglio kann nicht verstehen, weshalb die Waldbesucher nicht vorgewarnt werden. Sie ist überzeugt: «Die Leute würden sich sicherer fühlen und die Mütter an Jagdtagen auf den Wald verzichten.»

Jagdaufseher und Jagdleiter des Südwald-Gebiets, Amanz Zehnder, ist seit gut sieben Jahren für die Jagd im Revier «Baden Süd» verantwortlich. Auf Anfrage bestätigt er, dass die Jagdgemeinschaft nicht an allen Waldeingängen und insbesondere nicht an kleinen Wegen Warntafeln für Waldbenutzer aufstellt.

«Insgesamt stellen wir sieben Tafeln auf an den Hauptzugängen zum Wald», sagt Zehnder. Es sei nicht möglich, jeden einzelnen Trampelpfad am Waldeingang zu markieren. «Aber in den 25 Jahren, in denen ich hier als Jäger tätig bin, ist noch nie etwas passiert.»

Waldbesucher missachten Tafeln

Erwin Osterwalder, Fachbereichsleiter Jagd beim Kanton bestätigt auf Anfrage: «Es gibt keine Regel oder ein Gesetz, das den Jagdgesellschaften vorschreibt, welche Wege markiert werden müssen.» Das liege in der Verantwortung der jeweiligen Jagdgemeinschaft. «Ich kann den Schrecken, den die Joggerin hatte, nachvollziehen», sagt Osterwalder. Waldbesucher müssten sich aber nicht um ihre Sicherheit sorgen.

«Vor einer Bewegungsjagd legt der Jagdleiter genau fest, wer, wo, wann schiessen darf.» Die Sicherheit stehe dabei an oberster Stelle. Zudem würden die Jäger im Gebiet des Südwaldes, aufgrund der Aargauer Jagdverordnung nicht weiter als 30 Meter schiessen dürfen. «Kommt hinzu, dass der Jäger vor jedem Schuss abklärt, ob ein Tier überhaupt geschossen werden darf.»

Zehnder weist auch darauf hin, dass die Jäger nicht über die Wege im Wald hinweg schiessen würden. «Ich kann deshalb die Angst der Frau nicht ganz nachvollziehen».

In Zehnders Stimme schwingt auch einwenig Resignation mit. «Die Waldbesucher beachten die Gefahrentafel sowieso nicht. Es hat immer Jogger, Biker und Spaziergänger im Wald.» Man könne es schliesslich nicht verbieten. Jagen müssen er und seine Jäger trotzdem, «sonst kommt irgendwann ein Mahnbrief aus Aarau, weil wir unser Kontingent nicht erfüllt haben.»

Osterwalder sagt zum Thema «Waldbesuch während der Jagd»: «Jeder darf den Wald trotzdem benutzen. Es ist aber sicher gut, wenn man während einer Jagd die offiziellen Wege nicht verlässt.» Dass seit Jahrzehnten nichts passiert ist, zeige, dass dieses System gut funktioniere.

Trotzdem wäre Joggerin Melanie Ventaglio froh, wenn im kommenden Jahr am Ende der Ziegelhaustrasse eine Gefahrentafel stünde. «Sonst kann es schnell passieren, dass Kinder abseits des Weges spielen. Für dieses Jahr sei die Jagd zwar abgeschlossen. «Falls der Waldeingang am Ende der Ziegelhaustrasse aber tatsächlich so rege benutzt wird, können wir prüfen, ob wir im kommenden Jahr eine Warntafel aufstellen», sagt Zehnder.

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