Baden

Im März startet das grosse Plastikexperiment – aber: Wie viel Sinn macht das überhaupt?

Plastik bewegt: Vom ersten Infotag an stiess das Experiment auf viele offene Ohren.

Plastik bewegt: Vom ersten Infotag an stiess das Experiment auf viele offene Ohren.

Im März soll in Baden die Bevölkerung einen Monat lang auf Plastik verzichten – Experten wollen den Kunststoff aber nicht verteufeln.

Das Badener Plastikexperiment steuert mit grossen Schritten auf seine Umsetzung im März zu. Dann soll in Baden gegen den «Plastikwahnsinn» ein Zeichen gesetzt werden. Die Bevölkerung ist dazu aufgerufen, einen Monat lang auf Plastik zu verzichten – also keine Plastiksäcke mehr für den Einkauf zu nutzen und auch keine Waren mehr zu kaufen, die in Plastik verpackt sind.

Diese Woche wurde in der vor kurzem eingerichteten «Plastikzentrale» im Vaudoise-Haus an der Weiten Gasse mit Bluttests begonnen. Dort können sich Interessierte bis Ende März informieren und austauschen. Um die Auswirkungen des Experiments auf den menschlichen Körper zu testen, kann man sich auch vor und nach dem Experiment Blut nehmen lassen. Dieses wird in einem deutschen Labor getestet und soll festhalten, welchen Einfluss der einmonatige Plastikverzicht auf die Blutwerte hat.

Weniger Autofahren wäre effektiver

Gemäss Forschungen der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) gelangen in der Schweiz jedes Jahr rund 4400 Tonnen Makroplastik auf den Boden. Zusätzlich geraten rund 100 Tonnen Makroplastik in die Gewässer. Auch 600 Tonnen Mikroplastik enden im Boden und knapp 15 Tonnen in Gewässern. Grössten Anteil an der Makroplastik-Verschmutzung hat Littering, also das achtlose Wegwerfen von Abfall in der Natur.

Doch Plastikverpackungen tragen nur maximal ein Prozent zur Umweltbelastung bei: «Zwei Drittel machen Wohnen, Mobilität und Ernährung aus», sagt Thomas Kägi von der Basler Umweltberatungsfirma Carbotech. Die Verpackungen würden eine kleinere Rolle spielen, als es gemeinhin kolportiert werde. So hatte Kägis Mitarbeiter Fredy Dinkel vor kurzem in der SRF-Sendung «10vor10» erklärt, dass in einer Studie nachgewiesen worden sei, dass ein Jahr lang alle Kunststoffabfälle zu rezyklieren in etwa den gleichen Effekt hätte wie 25 Kilometer weniger Autofahren. «Weniger Fleisch essen, zwei Grad weniger heizen oder weniger Autofahren, das wäre umwelttechnisch viel effektiver», ergänzt Thomas Kägi.

Plastik fördert Haltbarkeit

Zudem macht die Verpackung meist nur 1 bis 5 Prozent des Umweltfussabdrucks des gesamten Produkts aus. Deshalb hält Kägi auch nicht viel davon, den Kunststoff zu verteufeln: «Die Schutzfunktion von Plastik ist nützlich und macht zum Beispiel Nahrungsmittel länger haltbar.» So helfe eine in Plastik eingepackte Gurke eher dabei, Foodwaste zu verringern, weil Grossverteiler sie so länger im Sortiment halten können.

Denn: Die Verschwendung von Lebensmitteln macht in der Schweiz 25 Prozent der Umweltbelastung der gesamten Ernährung aus, schreibt das Bundesamt für Umwelt auf seiner Website. Und: «Je später in der Produktions- und Vermarktungskette ein Lebensmittel verloren geht, desto mehr Umweltbelastung ist bereits entstanden, weil Ressourcen verbraucht und Emissionen für Transport, Verarbeitung, Lagerung, Verpackung und Zubereitung verursacht wurden.»

So stamme mehr als die Hälfte der Umweltbelastung der Nahrungsverschwendung, nämlich 52 Prozent, aus Haushalten und Gastronomie. Gemäss einer neuen ETH-Studie liessen sich in der Schweiz pro Jahr rund 500 Kilogramm CO2 pro Person vermeiden, wenn Essbares nicht weggeworfen würde. Fleisch, Kaffee und Kakao, Butter, Eier, mit dem Flugzeug importierte Produkte sowie Öle und Fette, Fisch und Käse würden die grösste Umweltbelastung pro Kilogramm verursachen, schreibt das Bundesamt für Umwelt weiter.

Gesundheitliche Schäden noch kaum erforscht

Laut einer WWF-Studie nimmt ein Mensch pro Woche bis zu fünf Gramm Mikroplastik zu sich – durch Nahrung, Trinkwasser oder durch die Luft. Die möglichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit von Plastik wurden aber bisher noch kaum erforscht. «Wissenschaftler warnen jedoch vor gravierenden Gesundheitsschäden», schreibt der Schweizer Konsumentenschutz auf seiner Website. Ist Plastik also giftig?

Das wurde Bernd Nowack, Umwelttechniker der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt, vom Schweizer Online-Wissensmagazin higgs.ch gefragt: «Jeder Stoff ist giftig. Wasser ist auch giftig, es kommt aber immer auf die Menge an», sagte er. Das sei das Wesen der Toxikologie: Sie gehe immer so weit, bis ein Effekt sichtbar sei.

«Irgendwann haben wir immer einen Effekt: Dann haben wir in diesem Fall aber wahrscheinlich eine Plastiksuppe vor uns», sagte er weiter. Die Konzentrationen, die in diversen Studien verwendet wurden, die ein gesundheitliches Risiko nachwiesen, lägen tausendfach über den Konzentrationen, die gegenwärtig in der Umwelt zu finden seien.

Dem stimmt auch Thomas Kägi von Carbotech zu: «Man muss das ins Verhältnis setzen. Ich halte Salami mit Nitritpökelsalz für viel schlimmer für die Gesundheit.» Kägi will das Plastikexperiment aber ganz und gar nicht schlechtreden. Im Gegenteil, er findet es eine gute Sache: «Es werden sich dadurch mehr Menschen bewusster mit ihrem Konsum auseinandersetzen. Nur schon das wird sehr viel bewirken».

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