Baden
Ihr erstes Atelier hatte sie in Grossmutters Stube: Seit 25 schneidert Susanne Trottmann im Merker-Areal

Nach ihrer Schneiderinnen-Lehre hielt sich Susanne Trottmann einige Zeit mit drei Jobs über Wasser. Vor zehn Jahren wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Mit der Coronapandemie tat sie sich anfänglich schwer.

Ursula Burgherr
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Nach ihrer Lehre hatte Susanne Trottmann eine Zeit lang drei Jobs. Seit 25 Jahren hat sie ihr Schneiderei-Atelier.

Nach ihrer Lehre hatte Susanne Trottmann eine Zeit lang drei Jobs. Seit 25 Jahren hat sie ihr Schneiderei-Atelier.

Alex Spichale

Die Bernina-Nähmaschine schnurrt fleissig. Schneiderin Susanne Trottmann ist dabei, die Ärmel eines Jacketts zu kürzen. Am Ständer hängen Kleider, die kommende Woche noch zu ändern sind. «Änderungen machen mittlerweile mein Hauptgeschäft aus», sagt die 54-Jährige.

Sie findet, dass die Coronapandemie das Konsumverhalten vieler Kundinnen und Kunden verändert hat. «Sie legen mehr Wert auf Qualität beim Kleiderkauf. Ihre Lieblingsteile lassen sie sich nachnähen, oder bestellen ein Kleidungsstück nach Mass.» Herrenanzüge aus hochwertigen Stoffen gibt es bei ihr ab 1350 Franken, ein Kostüm kommt auf rund 1000 Franken zu stehen. Seit 25 Jahren betreibt Trottmann ihr Schneiderei-Atelier im Merker-Areal in Baden und bezeichnet es als grössten Glücksfall in ihrem Leben.

Susanne Trottmann tat sich anfänglich schwer mit der Corona-Situation. «Am liebsten hätte ich mich in meiner Wohnung verkrochen», sagt die alleinstehende Frau. Aber nach langem Zögern und unter Berücksichtigung aller nötigen Vorsichtsmassnahmen wagte sie es dann doch nach Baden in ihr Atelier zu gehen. Die Angst hat sich mittlerweile etwas gelegt. Aber seit dem zweiten Lockdown gibt es nur wenig neue Aufträge. «Ich werde auch diese Durststrecke durchstehen», meint sie pragmatisch.

Das erste Atelier befand sich in der Stube der Grossmutter

Die gebürtige Aargauerin fand erst in der Berufswahlschule zu ihrer Passion. Sie schloss eine Schneiderinnenlehre ab. Es folgten Weiterbildungen in Schnittzeichnen, Modezeichnen und Modegestaltung. Die Suche nach einer Anstellung nach der Lehre gestaltete sich allerdings als schwierig. Trottmann: «Ich hatte eine Zeit lang drei Jobs gleichzeitig, um mein Einkommen zu generieren. Morgens steckte ich Geranien in einer Gärtnerei, mittags betätigte ich mich als Verkäuferin in einem Herrenbekleidungsgeschäft. Am Abend erledigte ich die Schneiderarbeiten, die ich von Boutiquen erhielt.»

Im Alter von 22 Jahren fand Susanne Trottmann eine 60-Prozent-Stelle bei der Chanel-Boutique in Zürich, wo sie für die Schickeria anspruchsvolle Anpassungen an teuren Prêt-à-Porter-Modellen ausführte. «Ein Chanel-Kostüm kam auf mindestens 5000 Franken zu stehen», erinnerte sie sich. Weil sie vom Lohn nicht leben konnte, eröffnete sie ihr eigenes Atelier – zuerst in der Stube ihrer Grossmutter, dann im Merker-Areal Baden.

Susanne Trottmann ist für begehrten Künstlerpreis nominiert

Vor zehn Jahren fällte Trottmann den Entscheid, sich ganz in die Selbstständigkeit zu wagen und ausschliesslich in ihrem Schneiderei-Atelier in Baden tätig zu sein. Weil sie ein Nachtmensch ist, liess sie spezielle Tageslicht-Röhren installieren. An den Wänden hängen abstrakte Acrylbilder, die sie selbst gepinselt hat. Malen ist ihr Hobby. Das nötige Fachwissen hat sie sich in der F+F Schule für experimentelle Gestaltung erworben. Zurzeit ist sie für den begehrten Künstlerpreis Palm Art Award 2021 nominiert.

Ihre alte Nähmaschine, die nach über einer Million Stichen den Geist aufgab, hat sie mittlerweile durch eine neue ersetzt. «Endlich kann ich mir die Zeit so einteilen, wie ich es will», meint sie glücklich. «Jedes Jahr drei Wochen Ferien oder ein teures Auto liegen zwar nicht drin. Aber die Freiheit, die ich jetzt habe, ist mir viel wichtiger.» Mit ihrem eigenen Geschäft hat sie sich ihren ganz persönlichen Traum erfüllt.

Vom 20. bis 24. September 2021 veranstaltet Susanne Trottmann wieder ihre Nähferien in einer kleinen Gruppe am Brienzersee.