Ruhestand

«Ich war ganz bestimmt kein Kuschelrichter»: Der Badener Gerichtspräsident erinnert sich an grausige Fälle seiner langen Karriere

Bruno Meyer: «Recht und Gerechtigkeit sind leider oft nicht dasselbe.»

Bruno Meyer: «Recht und Gerechtigkeit sind leider oft nicht dasselbe.»

Nach über drei Jahrzehnten ist Bruno Meyer als Gerichtspräsident in den Ruhestand gegangen – er würde wieder genau den gleichen Beruf wählen.

Als Bruno Meyer am 1. Januar 1989 seinen ersten Arbeitstag als Gerichtspräsident am Badener Bezirksgericht hatte, stand in Berlin noch die Mauer und George Bush Senior hatte von Ronald Reagan wenige Monate zuvor das Amt des US-Präsident übernommen. Mit 32 Jahren war Meyer damals der jüngste Gerichtspräsident in der Geschichte des Kantons

Zum Interview treffen wir Meyer am 29. Oktober – zwei Tage vor seinem letzten Arbeitstag. «Eigentlich wäre ich wegen des Dienstaltersgeschenks schon im Ruhestand. Doch es gab noch sehr viel zu tun. Alleine seit Mitte September habe ich knapp 90 materielle Entscheide gefällt.»

Sie sind fast 33 Jahren Gerichtspräsident am Bezirksgericht Baden und das für die SP. Sind Sie ein Kuschelrichter, wie es im Volksmund so schön heisst?

Bruno Meyer: Jeder, der mich kennt und erlebt hat, weiss, dass ich ganz bestimmt nicht dem Bild eines Kuschelrichters entspreche (lacht).

Weshalb nicht?

Weil ich mich unter anderem im Rahmen der Revision des Strafgesetzes öffentlich für härtere Strafen unter anderem im Bereich der Sexualdelikte stark gemacht habe. Denn es kann nicht sein, dass das Strafmass für eine Vergewaltigung weniger hoch ausfällt als zum Beispiel für einen Betrug. Das Bezirksgericht und damit auch ich waren bekannt dafür, dass wir immer wieder sehr harte Urteile gefällt haben, wenn wir dies für angemessen hielten.

Und trotzdem sind Sie vor über 30 Jahren für die SP angetreten, um Gerichtspräsident zu werden.

Ja, ich bin von Natur aus sozial eingestellt und habe mich schon im Studium oft für die Anliegen der Schwächeren eingesetzt. Zudem habe ich in meiner Kindheit und als Jugendlicher viel Ungerechtigkeit erlebt und als Folge daraus einen grossen Gerechtigkeitssinn entwickelt. Ich sehe die Hauptaufgabe eines Richters denn auch nicht darin, zu verurteilen, sondern gemeinsam Lösungen zu finden und den Rechtsfrieden wieder herzustellen.

Ist Ihnen das immer gelungen?

Für mich stand immer der Mensch im Mittelpunkt. Als Richter muss man Menschen gern haben. Aber klar, in meinen vielen Jahren als Gerichtspräsident hat es immer wieder Menschen gegeben, die sich partout nicht helfen lassen wollten. Das konnte vor allem bei Scheidungen und Eheschutzverfahren belastend sein, weil die Leidtragenden oft die Kinder waren.

Konnten Sie da auch einmal die Fassung verlieren?

Oh ja. Und ich habe sicher auch mal etwas gesagt, was ich im Nachhinein bereut habe (lacht). Aber auch wir Richter sind nur Menschen.

Nochmals zur Parteizugehörigkeit. Ihr Nachfolger Christian Bolleter ist für die EVP angetreten und hat sich gegen den SP-Kandidaten durchgesetzt. Ist die Parteizugehörigkeit nicht ein alter Zopf?

Es scheint fast so. Heute sind in Baden von acht Gerichtspräsidenten drei parteilos. Für mich war immer klar: Das Richteramt ist kein politisches Amt. Darum gilt auch: Wenn man anhand von Urteilen erraten müsste, welcher Partei ein Richter angehört, ist das nahezu unmöglich.

Apropos Urteile. Ist es vorgekommen, dass Sie Urteile «contre cœur» fällen mussten? Also zu harte oder zu milde Urteile, weil Sie per Gesetz nicht anders konnten?

Ja, das kam schon mal vor. So musste ich sogenannte Raser teils zu happigen Strafen verknurren, obwohl nicht wirklich eine Gefahr bestand und es sich um einen einmaligen Aussetzer einer sonst integren Person handelte. Recht und Gerechtigkeit sind leider tatsächlich oft nicht dasselbe.

Wie sehr hat es Sie jeweils genervt, wenn Sie vom Obergericht zurückgepfiffen wurden?

Natürlich hat man den Ehrgeiz, ein richtiges Urteil zu fällen. Aber Rechtsprechung hat immer auch sehr viel mit Ermessen zu tun. Sprich, man hat einen grossen Spielraum. Grundsätzlich finde ich es gut, dass unsere Entscheide überprüft werden können – das ist wie der Videobeweis im Fussball.

Sie sagen, man müsse als Richter Menschen gern haben. Können Sie uns das an einem Beispiel veranschaulichen?

Es gab da einmal den sogenannten Maisfeldmord, als Überreste einer Leiche in einem Feld zwischen Neuenhof und Killwangen gefunden wurden; eine grauenhafte Tat. Einer der Mittäter war Russe. In der Hauptverhandlung habe ich herausgefunden, dass wir beide gerne Schach spielen, weshalb wir kurz darüber fachsimpelten.

Das Gericht hat ihn zu einer Gefängnisstrafe von zwölf Jahren verurteilt, was er akzeptierte, weil er sich gerecht und – trotz allem – mit dem nötigen Respekt als Mensch behandelt fühlte. Oder ein ander Mal sprach mich in einem Geschäft plötzlich eine Frau an: «Sie haben mich und meinen Man vor ein paar Jahren geschieden und gesagt, ich solle zielorientiert in die Zukunft gehen. Jetzt bin ich hier die Chefin.»

Seit sieben Jahren führen Sie die familienrechtliche Abteilung. Da haben Sie gewiss viele besonders emotionale Fälle erlebt?

Der Richterberuf ist überhaupt eine hoch emotionale Sache. Dies gilt in besonderem Masse für die erste Instanz, in welcher der direkte Umgang und Kontakt mit den rechtssuchenden Leuten absolut zentral ist. Das ist auch mit ein Grund, weshalb ich über 32 Jahre am Bezirksgericht geblieben bin. Hier ist man sehr nahe an den Menschen.

Konnten Sie von besonders emotionalen Fällen immer abschalten?

Es gab schon Nächte, in denen ich nicht gut geschlafen habe.

Erinnern Sie sich an konkrete Fälle?

Ja klar, es sind vor allem die Fotos der Fälle, die sich in mein Hirn eingebrannt haben. So etwa ein Fall in Ennetbaden, wo die Haare eines Mädchens in einen Liftschacht gezogen wurden und das Mädchen in der Folge regelrecht zerquetscht wurde. Das passierte zu einer Zeit, als meine älteste Tochter in etwa gleich alt war wie das Opfer – so was geht schon sehr nahe.

Oder bei einem Grossbrand, als ein Bauernhaus komplett herunterbrannte und man dann die Überreste der Mutter, die schützend auf ihrem toten Kind lag, und unter dem Kind den halbverkohlten Teddybär vorfand. Oder der Unfall im Baregg-Tunnel 2004 als eine Automobilistin zwischen zwei LKW eingeklemmt wurde und verstarb – das sind schreckliche Bilder, die man nie vergisst.

Wie haben Sie es geschafft, dass Sie diese Fälle und Bilder nicht aufgefressen haben?

Indem ich nie alleine war. Wir waren am Gericht und in der alten 2. Abteilung immer ein super Team, das sich auch ausgetauscht hat. Wohl auch deshalb haben wir nie ein Care-Team oder eine Supervision gebraucht.

Haben Sie auch zu Hause beim Znacht über die Fälle gesprochen?

Das kam schon vor – natürlich immer unter der Wahrung der Anonymität der Verfahrensbeteiligten.

Apropos Familie: Hatten Sie nie Angst, dass Ihnen oder Ihrer Familie etwas passieren könnte?

Nein eigentlich nicht. Ich wurde zwar einmal am Abend auf dem Nachhauseweg überfallen, weiss aber nicht, ob dies mit meiner Richtertätigkeit zusammenhing. Mich, respektive unsere Familie findet man auch im Telefonbuch. Einmal kam es vor, dass einer mit einer Pistole bei uns zu Hause aufkreuzte.

Das war schon unangenehm und wir mussten in der Folge ein paar Wochen lang besondere Vorkehrungen treffen. Und klar, es gab in meiner ganzen Laufbahn viele verbale Bedrohungen und Beschimpfungen. Ich habe gerade vor wenigen Tagen den Ordner mit der Anschrift «unangenehme Kunden» entsorgt (lacht). Da kommt mir noch eine lustige Geschichte in den Sinn...

...erzählen Sie.

Einmal hat ein aufgebrachter Mann meine Frau zu Hause aufgesucht und sich über mich ausgelassen. Nachdem meine Frau mir davon erzählt hatte, rief ich ihn an und fragte ihn, was ihm eigentlich einfalle, einfach meine Frau zu belästigen. Dies umso mehr, als sein Fall damals bereits beim Obergericht war. Der Mann entschuldigte sich und gab zur Antwort, er habe den Oberrichter bereits aufgesucht, doch der habe ihn mit dem Hochdruckreiniger davongejagt.

Sie haben übermorgen Ihren letzten Arbeitstag. Realisieren Sie schon, dass sich Ihr langes Berufsleben hier am Badener Bezirksgericht dem Ende zuneigt?

Nicht wirklich, ich stecke noch tief in den Akten. Aber klar, das wird eine grosse Zäsur. Mein Beruf ist lebensprägend. Der Aufwand war schon enorm, zeitweise kam auch die Familie zu kurz. Als meine Töchter anfingen, mich zu siezen, wusste ich, jetzt ist es nicht mehr gut (lacht).

Würden Sie mit der Erfahrung von heute wieder den gleichen Beruf wählen?

Ja, da muss ich keine Sekunde mit der Antwort zögern.

Bald werden Sie wieder viel mehr Freizeit haben. Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, wie Sie diese füllen wollen?

Als Erstes freue ich mich auf das grosse Abschlussfest in der Löwenscheune in Wettingen, für das ich über 100 Gäste eingeladen habe. Was danach kommt, darüber habe ich mir ehrlich gesagt gar noch nicht gross Gedanken gemacht.

Keine Hobbys, die in den letzten Jahren zu kurz kamen?

Doch, natürlich. So spiele ich mit dem Gedanken, meine Gitarre wieder auszupacken. Als Jugendlicher wollte ich nämlich Rockmusiker werden, doch hierfür mangelte es leider am nötigen Talent (lacht). Weiter freue ich mich auf gemeinsame Reisen mit meiner Frau, der ich sehr viel zu verdanken habe. Und generell darauf, wieder mehr Zeit mit der Familie zu verbringen – das ist überhaupt das Wichtigste im Leben.

Und dann möchte ich wieder mehr Sport treiben nicht zuletzt auch meiner Gesundheit zuliebe. Sie werden es vielleicht nicht glauben. Ich war als junger Erwachsener sehr sportlich. Doch in den letzten Jahren kam das aus vielen Gründen zu kurz. Immerhin kann ich sagen, die Justiz in Baden hat in den letzten Jahren deutlich an Gewicht zugelegt (sagt Meyer lachend mit Hinweis auf sein Körpergewicht, Anm. d. R.). Auch wenn ich meine Arbeit und mein Team sicher vermissen werde, freue ich mich auf mehr Zeit und Musse im Ruhestand.

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