Bezirksgericht Baden

Geldnot nur billige Ausrede: Räuber verprassen Geld im Puff

Das gestohlene Geld gaben die Räuber im Puff aus. (Symbolbild)

Das gestohlene Geld gaben die Räuber im Puff aus. (Symbolbild)

Das Duo, das im Herbst 2013 den Migrolino-Shop in Wettingen überfallen und ausgeraubt hat, stand vor dem Badener Bezirksgericht. Das Urteil: Einer der beiden Räuber muss hinter Gitter.

Er kaut Kaugummi, trägt einen schicken Anzug. Clirim (Name geändert) steht auf. Gefasst lauscht er der Urteilsverkündung: zwei Jahre bedingte Haftstrafe mit vier Jahren Probezeit. «Sie müssen sich bewusst sein: Das ist eine massive Vorstrafe», sagt Gerichtspräsident Guido Näf. Ein Teil der fünf Badener Bezirksrichter wollte Clirim ins Gefängnis schicken. Nun könne er aber zeigen, ob er das richterliche Vertrauen rechtfertige.

Der inzwischen 21-jährige Schweizer übernahm beim Raubüberfall auf den Migrolino-Shop am Bahnhof Wettingen am 9. August 2013 die Rolle des Aufpassers. Er stand vor dem Shop, als sein Kollege Loran (Name geändert) kurz nach 22 Uhr die Verkäuferin überwältigte. Loran stiess sie gewaltsam zu Boden, als sie den Shop durch eine Hintertür verlassen wollte. Er bedrohte sie mit einem Messer, woraufhin das Opfer den Tresor öffnete. Der serbische Staatsbürger aus dem Kosovo, heute 20 Jahre alt, füllte seine Tasche mit Bargeld, Losen und Gutscheinen im Wert von über 13'000 Franken. Danach flüchteten die beiden in Richtung Baden. Dort teilten die Burschen die Beute auf: 60 Prozent für Loran, 40 Prozent für Clirim.

Überfall auf Migrolino in Wettingen

Die TeleM1-Berichterstattung zum Überfall auf den Migrolino-Shop in Wettingen

Die Täter waren Gelegenheitskiffer

Gegenüber den Ermittlern gaben die Täter Geldnot als Motiv an. Doch die Beute verprassten sie im Ausgang, für Elektronik-Artikel und im Puff. Die Elektronik-Artikel schenkte Loran seinen Verwandten im Kosovo. Neben der Quittung eines Elektronik-Händlers fand die Polizei bei Loran auch diverse Hanfsamen. Beide Täter kifften hin und wieder.

In der Gerichtsverhandlung kamen die Richter zum Schluss, dass Clirim das «Hirn» des Räuberduos gewesen sei. So war er mit der Situation am Bahnhof Wettingen bestens vertraut und plante die Tat bis ins Detail. Noch am Nachmittag vor dem Raub sprach er mit dem späteren Opfer. Dabei erkundigte er sich, wann die Verkäuferin den Laden schliesse und ob sie das alleine tun werde.

Von Lorans Messer mit der zehn Zentimeter langen Klinge und dem ebenso langen Griff will er aber nichts gewusst haben. Ein kluger Schachzug seines Anwalts? Das Gericht jedenfalls kauft ihm seine angebliche Unwissenheit nicht ab. «Wir können uns nicht vorstellen, dass man ein 20 Zentimeter langes Messer unsichtbar mitführen kann», so der Gerichtspräsident.

Gemäss Urteil müssen die beiden Räuber je 1500 Franken Verfahrenskosten und der Verkäuferin eine Genugtuung von insgesamt 3000 Franken zahlen. Die Verkäuferin ist seit dem Überfall traumatisiert. Angstzustände machen ihr zu schaffen.

Das gleich zu Beginn der Gerichtsverhandlung gezeigte Überwachungsvideo des Bahnhof-Shops lässt erahnen, welchen Schrecken das Opfer davontrug.

Dieses Video wurde den beiden Tätern zum Verhängnis. Loran ist darauf mit Kapuzenpulli und Dächlikappe zu sehen. Vor Gericht belasteten ihn auch die Aussage des Opfers und Videoaufnahmen aus einem Bus. Der öffentliche Verkehr als Fluchtfahrzeug war keine günstige Wahl, zumal Loran darin den gleichen grauen Kapuzenpullover trug wie während der Tat. Das Messer aber warf er in die Limmat.

Der Räuber darf im Land bleiben

Loran muss jetzt neun Monate hinter Gitter. Zweieinhalb Jahre teilbedingt lautet das Verdikt der Richter. Seine Probezeit läuft ebenfalls vier Jahre. Er wird nicht ausgewiesen, weil seine Strafe weniger als drei Jahre beträgt. Dem Antrag der Staatsanwaltschaft – drei Jahre teilbedingte Strafe – folgten die Richter nicht.

Lorans Anwalt wies darauf hin, dass sein Mandant letztes Jahr noch in einer Fantasiewelt gelebt habe und der Pubertät noch nicht entwachsen sei: «Der Angeklagte ist auf der Suche nach dem Nervenkitzel stümperhaft vorgegangen.» Zudem habe sein Mandant beim Überfall keine Menschenleben gefährdet.

Bei der Begründung für Clirims bedingte Strafe wiesen die Richter auf seine Strafempfindlichkeit hin. Müsste er hinter Gitter, würde er seinen Job verlieren: Er hat seit einigen Monaten eine feste Stelle und seit Jahren die gleiche Freundin. «Sie hält ihm trotz allem die Treue», so Gerichtspräsident Näf.

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