Baden
Für die Badener ist dieser Velomech einfach «Herr Müller»

Im «Velo Müller» hat man das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. In der Werkstatt riecht es nach Gummireifen und Kettenöl. Seit 34 Jahren arbeitet Ruedi Speckert in der Badener Filiale – sein grösstes Problem: Er kann nicht Nein sagen.

Martin Rupf
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Ruedi Speckert: «Ich habe den Beruf nie bereut, auch wenn es manchmal schon sehr hartes Brot ist.»
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Seit 34 Jahren arbeitet Ruedi Speckert in der Badener Filiale am Cordula-Platz.
Der Velomech, der für die Badener einfach «Herr Müller» ist

Ruedi Speckert: «Ich habe den Beruf nie bereut, auch wenn es manchmal schon sehr hartes Brot ist.»

Chris Iseli

Ruedi Speckert sagt: «Viele Kinder bringen mir gerne ihre Velos zum Reparieren in die Werkstatt.» Diese Aussage erstaunt im ersten Moment. Denn betritt man als Kunde die «Velo Müller»-Werkstatt am Cordulaplatz mit einem defekten Velo, wirft der 51-jährige Velomechaniker manchmal erst einmal einen kritischen Blick auf das defekte Velo.

Doch meistens dauert es nicht lange, bis sich Speckert von seiner liebevollen und vor allem äusserst hilfsbereiten Seite zeigt. Schien eine Reparatur vor wenigen Minuten noch unmöglich, verspricht er wenig später, man könne das Velo gleich morgen wieder abholen – geflickt selbstverständlich.

«Man muss mich auch verstehen. Kaum kann ich mich endlich wieder einem Velo widmen, öffnet sich auch schon wieder die Türe und ein neuer Kunde will etwas von mir.» Das sei halt zuweilen sehr stressig und dann könne es auch sein, dass er das Mal zeige. «Mein grösstes Problem ist: Egal, wie viel Arbeit ich gerade habe, ich kann einfach nicht Nein sagen; ich will alle Kunden zufriedenstellen.»

Im «Velo Müller» hat man das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. In der Werkstatt riecht es nach Gummireifen und Kettenöl, aus dem alten Radio scheppert Musik und Ruedi Speckert – er steckt in einem Blaumann – hantiert an einem defekten Velo. «Ich habe den Beruf nie bereut, auch wenn es manchmal schon sehr hartes Brot ist.» Auf der anderen Seite sei es auch sehr befriedigend, in einer kleinen Werkstatt zu arbeiten und sein eigener Chef zu sein.

«Grüezi Herr Müller»: Oft wird Speckert mit diesem Namen angesprochen. «Viele Kunden meinen, ich sei Herr Müller, und sprechen mich mit diesem Namen an», sagt Speckert. Irgendwie verständlich, halten ihn viele für Herrn Müller, arbeitet Speckert nun doch schon seit 34 Jahren beim «Velo Müller» in Baden. «1980 habe ich hier meine Lehre absolviert.» Sein Lehrmeister war Heinz Müller, der das von seinem Vater Emil 1937 gegründete Velogeschäft damals in zweiter Generation betrieb.

Bis vor fünf Jahren führten die beiden das Geschäft zusammen, seit 2009 schmeisst Speckert den Laden meistens alleine. Halbtageweise hilft ihm der Velomechaniker Andreas aus Wettingen. «Ich bin froh um diese Unterstützung. Denn wenn ich allein in der Werkstatt bin, werde ich beim Reparieren immer wieder durch Telefonwünsche, Aufpumpwünsche oder Kleinverkäufe unterbrochen.»

Aufgewachsen in Tegerfelden, war für Speckert früh klar, dass er eine Velo- und damals auch Mofalehre machen wolle. «Doch weil Lehrstellen damals rar waren, musste ich nach der Schule ein Zwischenjahr einlegen, bis die Stelle in Baden frei war», erinnert sich Speckert. 200 Franken pro Monat habe sein Lohn im ersten Lehrjahr betragen. «Ich habe eine sehr gute Erinnerung an die Lehre und an meinen damaligen Chef Heinz Müller.» Auch dieser erinnert sich gerne an jene Zeit zurück: «Der Ruedi war ein guter und fleissiger Lehrling; wir hatten nie Lämpen miteinander.» Für Müller ist Speckert wie ein Sohn. «Wir haben schon immer ein sehr familiäres Verhältnis gepflegt; Ruedi ass früher oft bei uns zu Hause zu Mittag.»

Auch Müller attestiert seinem ehemaligen Lehrling einen besonderen Draht zu Kindern. «Ruedi verkauft viele Kindervelos.» Oft würden Schulkinder ihre kaputten Velos am Morgen auf dem Schulweg vorbeibringen, um diese am Nachmittag nach der Schule wieder nach Hause mitzunehmen. «Überhaupt ist es die Stammkundschaft und unsere zentrale Lage, dank der wir überhaupt wirtschaftlich überleben können», sagt Speckert. Denn der Druck von Gross- und Internethändlern sei schon sehr gross. «Schon die Grosseltern und Eltern unserer heutigen Kunden kamen zu uns – das verbindet.»

Auffällig sei, dass die Leute immer weniger Zeit haben. «Nicht selten kommen Kunden mit einem kaputten Velo am Morgen in der Hoffnung, dieses am Abend gleich wieder mitnehmen zu können.» Aufwand bringen auch die knappen räumlichen Verhältnisse. «Jeden Morgen muss ich die Velos rausstellen, damit man das Angebot sieht; am Abend muss dann alles wieder rein.» Dass er viel arbeite und dafür wenig Wertschätzung erhalte, findet Speckert nicht. «Im Gegenteil: Es ist immer wieder schön, wie mir Kunden mit Geschenken ihre Wertschätzung zeigen.»

Klar, der Beruf des Velomechanikers habe sich in den letzten 34 Jahren stark verändert, sagt Speckert. «Früher war das noch viel mehr Handwerk, heute werden viele Fertigteile einfach nur noch ausgewechselt.» Und ja: Seit einigen Jahren verkaufe er jetzt auch E-Bikes. «Aber eigentlich sind E-Bikes gar keine richtigen Velos», sagt Speckert und lacht. Den das Wort «Velo» leite sich ja vom Lateinischen «Velociped» ab und bedeute «schnelles mit den Füssen per Muskelkraft angetriebenes zweirädriges Fahrzeug».

Viel Luxus gönnt er sich nicht. Erst vorletzte Woche war er aber in den Skiferien. «Das ist für mich absolut wichtig, um abzuschalten.» Weil Werkstatt und Laden immer offen sein sollen, springt jeweils der heute 73-jährige Heinz Müller ein. Bald kommt der Frühling und für Speckert somit die strengste Zeit. «Kaum wird es wieder schön, wollen die Menschen wieder Velo fahren und bringen mir alle gleichzeitig ihre Velos in die Werkstatt.»

Das sei die mit Abstand anstrengendste Zeit im Jahr. Deshalb Ruedi Speckerts Wunsch zum Schluss: «Liebe Velofahrerinnen und Velofahrer aus Baden und der Region, bringt doch eure Velos bereits jetzt zu mir in die Werkstatt und wartet nicht alle bis zum Frühling.»

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