Freienwil

Frisch gewählter Gemeinderat: «Freienwil ist ein sehr spezielles Dorf»

Gaudenz Schärer hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, sich in Freienwil zu engagieren.

Gaudenz Schärer hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, sich in Freienwil zu engagieren.

Gaudenz Schärer ist weit gereist. Inzwischen ist er im 1100-Seelen-Dorf gelandet und seit Sonntag neuer Gemeinderat.

Im letzten Moment stellte sich in Freienwil doch noch ein Kandidat für den freien Sitz im Gemeinderat zur Wahl: Der 48-jährige Gaudenz Schärer. Da er seinen Entscheid «zwar kurzfristig, aber sehr bewusst» fällte, also erst nach der Meldefrist vom 27. September, konnte seine Kandidatur nicht offiziell durch die Gemeinde vermeldet werden. Doch Schärer nahm das Heft selbst in die Hand und stellte sich auf einem Flyer vor, den er unter die Leute brachte.

Der Einsatz hat sich gelohnt: Mit 159 Stimmen – bei einem absoluten Mehr von 129 – wurde der parteilose Schärer als Nachfolger von Beat Bachmann gewählt, der aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurückgetreten ist.

Schärer lebt mit seiner Frau und den zwei schulpflichtigen Töchtern seit 2017 in Freienwil. Nur ein Jahr zuvor waren die Schärers aus Ghana zurückgekehrt, wo er im von der Schweiz unterstützten Zentrum für Friedensförderung in der Hauptstadt Accra tätig war. «Es ist mir ein Anliegen, mich dort zu engagieren, wo mit wenig Ressourcen viel erreicht werden kann», sagt er. Zwei Jahre lang lebte die Familie mitten in Accra und kehrte von dort zuerst noch nach Nussbaumen zurück, wo er 2008 mit seiner Frau hingezogen war.

«Nachdem ich mich in Afrika und nach 20 Jahren im Personalbereich für meine Mitarbeitenden und auch für Unternehmen eingesetzt habe, möchte ich mich auch für meinen Wohnort engagieren.» Wie er und seine Familie im 1100-Seelen-Dorf aufgenommen worden seien, das freue ihn noch heute: «Freienwil ist ein sehr spezielles Dorf. Ich bin noch nirgends freundlicher empfangen worden als hier», sagt Schärer, der nach seiner Rückkehr bei einem Immobilien-Start-up einstieg, wo er mittlerweile zur erweiterten Geschäftsleitung gehört. Spontan habe jemand einen Apéro vor ihrem Haus organisiert, an dem die Familie gleich die Nachbarschaft kennen lernen konnte.

Bewegte Vergangenheit des Freienwiler Gemeinderats

Aufgewachsen ist Schärer in Friedlisberg im Bezirk Bremgarten. Von diesem kleinen Dörfchen aus ging es in die weite Welt, unter anderem in die USA, von Berufes wegen nach Tadschikistan, Äthiopien, Eritrea oder eben Ghana, um am Ende nun im beschaulichen Freienwil eine neue Herausforderung anzunehmen: Das Amt des Gemeinderats.

Dass es sich dabei um kein einfaches handelt, das ist ihm bewusst. Er hatte zwar schon länger mit dem Gedanken gespielt, sich im Dorf zu engagieren, doch so richtig konkret wurde es nun erst, als sich niemand für das Amt zur Verfügung stellte: «Ich merkte, dass wohl nun doch mein Zeitpunkt gekommen ist», sagt er lachend.

Nicht nur, dass sich niemand meldete, auch dass im Freienwiler Gemeinderat aktuell keine Frau zu finden ist, bedauert er. Die letzte Frau hatte Anfang 2018 nach nur zehn Tagen der neuen Amtsperiode das Handtuch geworfen – zum selben Zeitpunkt wie Gemeinderat Daniel Aeschbach. Beide begründeten ihren Schritt mit Differenzen innerhalb des Gremiums. Auf diese beiden folgten die heutigen Mitglieder Lucius Mathys und Urs Rey. Damals hatten sich auch zwei Frauen um die freien Sitze beworben, doch das Volk entschied sich für die Männer.

Schärer ist gespannt auf die Zusammenarbeit im Gemeinderat. Nächsten Montag findet für ihn die erste Sitzung statt. «Ich bin mir bewusst, dass man sich als Gemeinderat exponiert und nicht nur Freunde schafft.» Aber er habe sich über die Jahre eine hohe Stresstoleranz angeeignet. Nichtsdestotrotz bleibe er ein Mensch mit Gefühlen: «Kritik an der Sache halte ich für absolut wichtig, ausschliesslich auf die Person gerichtete Kritik werde ich jedoch nicht tolerieren.»

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