Die Gemeinde Wettingen bietet drei Deutschkurse für fremdsprachige Mütter an. Die Frauen sollen durch den Kurs eine Beziehung zum schweizerischen und schulischen Umfeld aufbauen. BDP-Einwohnerrat Michael Merkli wollte in einem Vorstoss vom Gemeinderat wissen: Dürfen auch Väter den Deutschkurs für fremdsprachige Mütter besuchen, oder dürfen sie nicht? Und: «Wenn ja, wie viele Väter besuchen den Kurs?»

Den Vorstoss hat er geschrieben, weil laut Rechenschaftsbericht der Gemeinde kaum Beiträge bezahlt wurden. Die Antwort: «Es wurde versucht, die Väter zur Teilnahme an den Kursen zu motivieren, was jedoch nicht gelang.»

Recherchen des «Badener Tagblatts» zeigen, dass die Antwort so nicht stimmt. Tatsächlich haben sich im vergangenen Sommer zwei Väter gemeldet, die den Kurs hätten besuchen wollen. Doch die Lehrpersonen des Deutschkurses wiesen sie ab. Die Mütter würden sehr offen und persönlich miteinander sprechen in den Kursen. Wenn Männer teilnehmen, würden sich die Frauen möglicherweise verschliessen oder nicht mehr erscheinen, befürchteten sie. Auch wendeten die Lehrpersonen ein, dass einige Ehemänner ihren Frauen verbieten könnten, den Kurs zu besuchen, wenn sie erfahren, dass andere Männer teilnehmen.

Die Befürchtungen mögen begründet sein oder nicht; wie aber kann es sein, dass die gemeinderätliche Antwort das Gegenteil der Fakten behauptet? Schulpflegerin und EVP-Einwohnerrätin Hanna Läng ist auch für den Deutschkurs für fremdsprachige Mütter zuständig. Sie ist von der Antwort überrascht: «Wir haben die Fragen von Herrn Merkli in einer Sitzung Ende 2014 mit der zuständigen Gemeinderätin Antoinette Eckert besprochen.»

Damals habe sie klar gesagt, das zwei Väter ihr Interesse bekundeten, dass man sie aber habe abweisen müssen. In der Sitzung wurde ein Protokoll geführt. «Ich habe allerdings weder das Protokoll noch den Antwort-Entwurf des Gemeinderates gesehen, obwohl ich zweimal um Einsicht gebeten hatte. Sonst hätte ich die Antwort korrigiert.»

Gemeindeschreiber Urs Blickenstorfer erklärt auf Anfrage: «Laut meinen Informationen hat es von der Sitzung kein Protokoll gegeben.» Dass Frau Läng den Antwortentwurf nicht mehr einsehen konnte, sei keine böse Absicht gewesen, sondern ein Versehen.

Letztlich scheint auch der Gemeinderat gegen ein Kurs-Angebot für Väter nicht abgeneigt zu sein, zumal er in seiner Antwort noch schreibt: «Sofern Interesse vorhanden wäre, könnte ohne weiteres ein Abendkurs für Väter angeboten werden.» Gemeinderätin und Verantwortliche für Einbürgerungen, Antoinette Eckert, war auf mehrmaliges Anfragen bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Auch Väter erziehen Kinder

Ärgerlich findet die falsche Antwort auch Michael Merkli. Er wird aufgrund der BT-Recherchen an der heutigen Einwohnerratssitzung einen weiteren Vorstoss einreichen. Darin fordert er den Gemeinderat auf, das bestehende Angebot mit Kursen für fremdsprachige Väter zu ergänzen. Er weist zudem darauf hin, dass bereits die Bezeichnung «Deutsch für fremdsprachige Mütter» die Väter abhalte, anzufragen, ob sie auch teilnehmen können. In seinem Vorstoss schreibt er weiter: «Gerade die Ausbildung der Kinder ist vielen Männern ein zentraler Punkt in der Erziehung.»

Der Mütter-Deutschkurs ist auf den Schulalltag der Kinder zugeschnitten. Die Frauen lernen unter anderem, den Stundenplan zu lesen sowie ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen und besuchen schulische Einrichtungen. «Wenn wir schon von Gleichberechtigung sprechen, so sollten auch Väter diese Möglichkeit haben, um ihre Kinder zu unterstützen», sagt Merkli.

Schulpflegerin Hanna Läng ist froh um Merklis Forderung. «Ich werde die Motion voll unterstützen», sagt sie und erklärt: «Viele Leute denken, Väter aus anderen Kulturen gehen arbeiten, lernen dort Deutsch und die Frauen hüten daheim die Kinder.» Doch das sei eine falsche Vorstellung. «Es gibt mehr Männer, die zu Hause sind und die Kinder betreuen, als viele denken. Diesen Männern würde ein solches Angebot die Integration in unsere Lebens- und Schulkultur erleichtern.» Zudem seien Väter gerade für Jungs eine wichtige Bezugsperson.

«Umso besser, wenn sie die Schulaufgaben gemeinsam machen können.» Inzwischen habe auch ein dritter Vater nach einem spezifischen Deutschkurs gefragt, sagt Läng. Für Michael Merkli ist klar, «im Sinne einer Gleichberechtigung der Geschlechter und zum Wohl der Kinder müssen Kurse für Väter angeboten werden.» Wie die Mütter sollen auch die Väter 150 Franken für ihre Kursteilnahme bezahlen.

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