Baden
«Fantoche, wir fahren nach Lodz» - das 13. Fantoche ist eröffnet

Gewohnt originell ist das Fantoche – Internationales Festival für Animationsfilme – am Dienstagabend im Badener Kurtheater eröffnet worden. Sogar Kulturminister Alain Berset (SP) gab sich die Ehre und war sich sichtlich beeindruckt ob des haarigen «Fantoche».

Martin Rupf
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Schauspielerin und Sängerin Fabienne Hadorn ,«Fantoche» sowie die polnischen Trickfilmfiguren Lolek undBolek führten durch die unterhaltsame Fantoche-Eröffnungsfeier. Sandra Ardizzone

Schauspielerin und Sängerin Fabienne Hadorn ,«Fantoche» sowie die polnischen Trickfilmfiguren Lolek undBolek führten durch die unterhaltsame Fantoche-Eröffnungsfeier. Sandra Ardizzone

Es kommt nicht alle Tage vor, dass sich ein angesehener Magistrat für eine originelle Show einbinden lässt, bei der er sich erst noch alles andere als staatsmännisch gibt. Doch erstens ist beim Fantoche alles ein wenig anders, schräger und ausgeflippter.

Und zweitens gab sich mit dem sympathischen SP-Bundesrat und Kulturminister Alain Berset der ideale Gast die Ehre. Am Schluss seiner Begrüssungsrede fragte der glatzköpfige Bundesrat den zottligen «Fantoche» etwas neidisch, ob der ihm sein Shampoo-Geheimnis verraten würde. Eine Antwort erhielt Berset zwar nicht, dafür eine haarige Ganzkörperumarmung.

Die Szene war symptomatisch für die ganze Eröffnungsfeier gestern Abend. Gewohnt originell und schräg führte die Schauspielerin und Sängerin Fabienne Hadorn durch die Show im Badener Kurtheater. Der Ort war nicht zufällig gewählt. Denn genau hier wurde das heute international anerkannte Festival für Animationsfilme vor 20 Jahren geboren. Weil das Festival anfangs nur alle zwei Jahre stattfand, wurde gestern aber «erst» das 13. Fantoche eröffnet.

Mit Animation Zensur umgangen

Im Fokus steht dieses Jahr Polen. Und so war denn auch die Show rund um dieses Land aufgebaut. So gaben sich etwa Lolek und Bolek die Ehre, zum Geburtstag wurde Wodka eingeschenkt und «Fantoche» alias «Van Todz» wurde in Lodz von seiner warmherzigen Gastmutter empfangen. Auch der polnische Botschafter, Jaroslaw Starzyk, richtete ein paar Worte an die grosse Fantoche-Fangemeinde: «Polen ist ein Land, das kulturell viel zu bieten hat.» Der Animationsfilm habe in seinem Land eine lange Tradition. Denn er ermöglicht Gesellschaftskritik, ohne der Zensur zum Opfer zu fallen.

Auch die Badener Kulturvorsteherin Daniela Berger (SP) richtete zum letzten Mal vor ihrem Rücktritt Ende Jahr ein paar Worte ans Publikum. Sie zeigte sich insbesondere froh und stolz, dass die Stadt Baden seinerzeit bereit gewesen sei, Geld für das Festival zu sprechen. «Damit haben wir gezeigt, dass wir für Offenheit stehen und immer wieder Neues ausprobieren.»

Und dann war die Reihe eben an Bundesrat Berset: «Wenn man als Bundesrat gewählt wird, ist man bereit für alles – doch es gibt immer wieder Überraschungen», sagte der sichtlich beeindruckte Magistrat. Und er gab – mit Blick auf «Fantoche» gleich noch ein brisantes Geheimnis preis: «Jetzt wo wir unter uns sind, kann ich es ja sagen: ich hatte früher dieselbe Frisur.»

Etwas ernster fügte er an: «Animationsfilme sind auch ohne Sprache universell verständlich; kulturelle Grenzen werden aufgehoben.» Was ihn besonders beeindrucke, sei die Tatsache, dass der Animationsfilm bis heute nie zum Sklaven der Technik geworden sei.

«Noch heute vermitteln Strichmännchen so manche Geschichten und Gefühle.» Gleichzeitig malte Berset eine rosige Zukunft. «Das Genre und somit auch das Fantoche gewinnt an Bedeutung. Bereits letztes Jahr fiel jeder siebte Kinoeintritt auf einen Animationsfilm.

393 Filme aus 43 Ländern

Ganz gewiss wird auch das Fantoche bis am Sonntagabend viele Eintritte verzeichnen. Insgesamt werden 393 Filme aus 43 Ländern gezeigt. Darunter auch 20 Langfilme, worunter sich 17 aktuelle Produktionen – lauter Premieren – für Erwachsene, Jugendliche und Kinder befinden.

Im Internationalen und Schweizer Wettbewerb flimmern 85 Kurzfilme über die Leinwand – 21 davon aus der Schweiz. Sie wurden aus über 1377 Filmen aus 73 Ländern ausgewählt. Mit den zwei polnischen Kuratoren Anja Šošic und Piotr Szczpanowicz konnten die Organisatoren zwei Kenner der Animationsfilmszene ihres Landes gewinnen.

Während Šošic schon im vergangenen Jahr Fantoche-Jury-Mitglied war und die hiesigen Anforderungen kennt, haben die Fantoche-Organisatoren mit Szczpanowicz einen filmischen Coup gelandet: Der 34-jährige polnische Animationsfilm-Regisseur hat beim Kurzfilm «Peter und der Wolf» mitgewirkt. Diese britisch-polnische Koproduktion gewann 2008 in der Kategorie «Bester animierter Kurzfilm» einen Oscar.

Doch nicht nur passives Filmkonsumieren steht heuer auf dem Programm: Wer auf der Suche nach einem Filmvergnügen der anderen Art ist, wird auf dem Bahnhofplatz Baden fündig: Hier erwartet die Besucher zum ersten Mal ein kostenloses Open-Air-Velokino. Auf 13 fix montierten Fahrrädern generieren die Besucher den Strom für den Betrieb des Filmprojektors selber. «Wir hoffen auf zahlreiche fitte ‹Wädli›», sagt Festivalleiterin Annette Schindler. Und in der Stadt kann man weiter mit Smartphone oder Tablet bewaffnet in einem Alternate-Reality-Game Giraffen in ihre digitale Heimat zurückführen.