Chardonnay und Pinot Noir, zwei polierte Steinway-Flügel, Menschen in dunkler, edler Garderobe – es versprach ein gediegener, ernster Abend zu werden. Zwei Stunden später: Das Eis ist gebrochen. Zurufe aus dem Publikum, die Zuhörer sind begeistert, verblüfft.

Mit dem Piano-Duo «Anderson & Roe» startete die Konzertreihe «Piano District» des Ennetbadener Pianisten Oliver Schnyder und Thomas Pfiffner am Freitagabend in die zweite Saison. Sobald Greg Anderson und Elisabeth Joy Roe aus den Vereinigten Staaten die Bühne in der ehemaligen Druckerei des Badener Tagblatts betraten, verpuffte ein Stück dieses Ernstes, der manchmal so schwer auf der klassischen Musik lastet. Wie von Geisterhand war sie weggewischt, diese Ehrfurcht, mit der das Publikum normalerweise zu den Künstlern hochschaut. Brahms, Strawinsky, Mozart, Rachmaninoff und Piazolla – das Piano-Duo gab zu jedem Stück eine kurze Einführung: kurzweilig, zugänglich, berührend. Ihr Ziel sei es, der klassischen Musik in der Gesellschaft eine Relevanz zu verleihen, sagte Greg Anderson.

Mal Musiker, mal Tänzer

Sind es die ängstlichen Schritte eines Mädchens in der Blumenwiese? Zuerst spielen nur Roes zehn Finger, dann kommt Anderson dazu. Die Hände greifen ineinander. Dissonanzen jagen die Finger der beiden Pianisten auf und ab, auf ein und derselben Tastatur – ein wirrer Tanz vierer Hände, der nie schön sein wollte. Sie scheinen sich inzwischen verkeilt zu haben, als würden die Finger demnächst übereinander stolpern. Und plötzlich dieses unbezwingbare Hämmern. Mit der geballten Faust schlägt er auf die Tastatur: Ein menschliches Aufbäumen gegenüber der Ohnmacht?

«Die Anbetung der Erde» aus «Le sacre du printemps» von Igor Strawinsky hinterliess Gänsehaut beim Publikum und erhitzte die beiden Spielenden gewaltig. Verblüffen konnten sie das Publikum vollends mit Astor Piazollas Stück «Libertango», welches die beiden eigenhändig arrangiert hatten – während Elisabeth Joy Roe sich zu Beginn auf die Saiten im Inneren des Flügels lehnte, tanzten Greg Andersons Finger über den vermeintlichen Tanzboden, die Klaviertastatur.

Es gibt nicht die Musik und den Tanz, nicht den Musiker und den Tänzer – die beiden Rollen verschwammen ineinander. Das Klavier, Anderson und Roe ergaben eine vereinte Performance – ein einziges Kunstwerk. Von der andächtigen Stimmung zu Beginn des Abends war wenig übrig geblieben: Die beiden beraubten die klassische Musik des Korsetts eingezäunter Emotionen und schufen damit eine Atmosphäre, in der wahrer Ausdruck möglich ist.