Montagsporträt

Ein Pfarrer, der eigentlich keiner sein will

«Warum gibt es Ungerechtigkeit auf der Welt?» Die Frage beschäftigt Thomas Gröbly seit dem Teenageralter.

«Warum gibt es Ungerechtigkeit auf der Welt?» Die Frage beschäftigt Thomas Gröbly seit dem Teenageralter.

Einst war Thomas Gröbly Bauer, heute begleitet er Hinterbliebene beim letzten Abschied.

Thomas Gröbly rückt seinen Stuhl vom Tisch ab und verschränkt die Arme. Sein Blick wandert an die Decke – suchend. Er schweigt. Die Frage, «was ist Gott?», bringt den reformierten Pfarrer an diesem verregneten Nachmittag ungewöhnlich lange zum Nachdenken. Dann: «Ich kann nicht sagen, wer oder was Gott ist. Ich kann nur sagen, was er nicht ist».

Eigentlich mag Gröbly Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. In solchen Gesprächen wird sein Blick wach, seine Stimme klar und stark. Doch wenn Hinterbliebene zu ihm kommen, damit er die Trauerfeier organisiert und die Grabrede schreibt, ist er es, der die Fragen stellt: «Wenn sie noch leben würde, was würde ihre Mutter Ihnen wünschen; was haben Sie von ihr gelernt, und was hätte Ihre Mutter mit einer Million Franken gemacht?»

Der 57-jährige Badener Theologe und Ethiker schreibt Grabreden, nicht weil er muss. «Für mich ist es ein Privileg, Menschen im Moment des endgültigen Abschieds zu begleiten», sagt er.

Als reformierter Pfarrer traut Gröbly auch verliebte Paare, doch das reizt ihn weniger. «Es gibt keinen Moment, in dem wir dem Leben so nah stehen, wie wenn jemand stirbt», sagt er. «Der Porsche, Geld oder der nächste Kinobesuch ist plötzlich unbedeutend und vergessen und nur das Leben zählt.»

Auf dem Tisch vor Thomas Gröbly steht kein Kaffee, kein Glas Wasser, wenn er spricht, gestikuliert er nicht. Nur ab und an lässt er eine Hand auf den Tisch fallen, sodass sie dumpf aufprallt. Seine ganze Kraft verbirgt sich in seiner Stimme.

Und am Ende jeder Episode scheint sie zu sagen, «dieser Lebensabschnitt war gut so und jetzt erzähl ich den nächsten». Thomas Gröbly ist kein todernster Mensch, aber er strahlt Ruhe aus.

Trauernde dürfen auch lachen

Kurz bevor ein Mensch zu Grabe getragen wird, liest Gröbly seine geschriebene Rede laut und geht den Ablauf der Trauerfeier nochmals durch. «Schön ist es, wenn ich die Menschen zum Lachen bringen kann», sagt er.

Denn der Tod sei eine absurde Situation, eine unplanbare und unverfügbare Tatsache. «Und die Verstorbenen wollen ja nicht, dass wir traurig sind, sondern dass wir glücklich weiterleben können.»

«Welchen Humor hatte ihre Mutter; gibt es lustige Episoden aus ihrem Leben; wann haben Sie zusammen lachen können?», fragt er die Hinterbliebenen im Vorbereitungsgespräch.

Einfach sind diese Treffen nie. Doch das liegt selten an der Trauer der Menschen. «Die meisten Angehörigen trauern zu diesem Zeitpunkt noch nicht, weil sie den Tod noch nicht vollständig fassen können.»

Aber oft seien die Bedürfnisse der Hinterbliebenen sehr verschieden. «Einige sind zerstritten, teilen nicht denselben Glauben oder glauben an nichts. «Ich muss herausfinden, wer was braucht.»

Wenn jemand Selbstmord begangen hat, dann wird Gröbly besonders nachdenklich. «Ich habe während der Finanzkrise einen Fall von Suizid erlebt und mich lange gefragt, weshalb jemand das tut.»

Auch, dass jemand den eigenen Tod mit einer Sterbeorganisation managt, kann er zwar nachvollziehen, es irritiert ihn aber. «Warum hat man heute selbst für das Sterben keine Geduld mehr; warum kann man den Tod nicht annehmen, dann wenn er kommt; warum plant man auch ihn?»

Doch Gröbly ist kein missionierender Pfarrer, wollte nie einer sein. Deshalb geht es in den Gesprächen mit Hinterbliebenen nie um Bewertungen. «In diesen Momenten würdige ich als Seelsorger möglichst ehrlich das Leben mit allen seinen Widersprüchen, ohne zu urteilen.»

Denn jedes Leben sei ein undurchschaubares Geheimnis, das zu respektieren sei, sagt er. Im Moment des Abschieds spielt es für Gröbly keine Rolle, ob jemand an Gott glaubt oder was Gott für diesen Menschen ist.

Vielleicht hat ihm die Pfarrerrolle deshalb nie zugesagt, auch wenn heute noch viele in ihm einen Pfarrer sehen. «Schon während dem Theologiestudium in Zürich wusste ich, dass ich nie Pfarrer werden würde.»

Vom Bauer zum Studenten

Gröblys Entscheid Theologie zu studieren rührt nicht von der Frage nach Gott. Bereits lange vorher – als Teenager - wollte Gröbly wissen, wie man ein ethisch gutes Leben führt und weshalb es so viel Ungerechtigkeit in der Welt gibt.

Es war Rachel Carsons Buch «Der stumme Frühling», das den Lebensweg des damals 15-Jährigen bis heute prägen sollte. Das Buch sei rasch zur Bibel der damals entstandenen Ökologie-Bewegung avanciert, heisst es im Klappentext. Und: Es markiert den Beginn der globalen Umweltbewegung, schreibt «Das Magazin» zum 50-Jahre-Jubiläum desselben.

«Das Buch hat meinen jugendlichen Glauben an eine gute Welt erschüttert», erzählt Gröbly. «Als ich es zu Ende gelesen hatte, war für mich klar, dass ich nicht einfach irgendeine Karriere machen kann.» So lässt sich der damals 16-Jährige zum Landwirt ausbilden. Tagelang spaltete er Holz mit dem Schlegelhammer, mistete den Kuhstall aus, hievte 50-Kilo-Säcke Dünger von einem Karren auf den anderen. Trotz der harten Arbeit bleibt Gröbly schmächtig. «Abends war ich völlig kaputt.»

Doch was ihn wirklich schockte, war, dass die Landwirte keine Pflanzen kannten, ausser die aus der Werbung für Spritzmittel. Bio-Landwirtschaft wurde damals in der Schule belächelt. Doch Gröbly zieht nach der Lehre los und wandert von Bio-Bauernhof zu Bio-Bauernhof.

Bis er Anfang Achtzigerjahre im Luzerner Hinterland auf dem Hof Twerenegg aushilft. «Die Besitzer waren AKW-Gegner und plötzlich hiess es, wir seien eine Kommune.» Und so machte der Staat auch von Thomas Gröbly eine Fiche. Doch das kümmerte ihn wenig.

Wendepunkt: Brasilien

Gröblys Fragen bleiben unbeantwortet. Obwohl er nie ein guter Schüler war und in der Volksschule mal sitzen blieb, bricht er das Leben als Biobauer ab und holt die Matura nach; macht einen Kompostberater-Kurs beim WWF und zieht für ein halbes Jahr nach Brasilien, wo er sein Wissen weiter gibt.

Hier kommt er in Kontakt mit der Befreiungstheologie. Als «Stimme der Armen» will sie ebendiese von Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung befreien. Für den jungen Mann ist diese Erfahrung ein Wendepunkt und schliesslich der Auslöser für sein Theologiestudium.

Ein Jahr vor Beginn seines Studentenlebens, 1986, kommt er mit seiner zukünftigen Frau zusammen. Beide wohnen in dem Abbruchhaus in Baden, wo heute der «Melonenschnitz» steht. Hier kann er für 250 Franken im Monat wohnen und im Vorgarten seinen eigenen Roggen ziehen.

Im zweiten Studienjahr kommt seine Tochter zur Welt, geheiratet hat er erst 1995. Von den Zürcher Theologen sei er ein bisschen enttäuscht gewesen, seien sie doch sehr konservativ gewesen.

Obwohl oder gerade weil die Welt nicht besser geworden ist, hat Gröbly nie resigniert und versucht, die Welt ein bisschen zu verbessern. Derzeit schreibt er zusammen mit 17 Autoren ein Buch über Ernährungsdemokratie und sucht nach Möglichkeiten für eine gerechtere, ökologischere Welt.

Inzwischen hat der Regen draussen vor dem Fenster nachgelassen, langsam wird es dunkel. Gröbly bricht das Gespräch ungern ab, so viele Fragen sind noch unbeantwortet, doch er muss weiter.

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