Schlieren

Diese Frau lebte als erste Stewardess Europas zwischen Himmel und Erde

Die Schlieremer Stadtarchivarin Pascale Marder hat ein Buch über Nelly Diener, die erste Stewardess der Swissair, geschrieben. Die junge Frau kam tragischerweise bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Am Montag stellt Marder ihr Buch vor.

«Die neueste Sensation im schweizerischen Luftverkehr», titelte die «Aero Revue» im Sommer 1934. Gemeint war damit kein Flugzeug der Swissair, sondern eine «blonde, langbewimperte junge Dame», die auf dem Flug für das leibliche und seelische Wohl der Passagiere gesorgt hatte. Nelly Diener war die erste Stewardess der Swissair, und damit auch die erste Europas.

Pascale Marder aus Baden hat das Leben Nelly Dieners in einem Buch aufgearbeitet, das vor zwei Jahren erschienen ist. Die 42-jährige Autorin lebt mit ihrer Familie und neun «etwas stechfreudigen» Bienenvölkern in Turgi. Nach einer kaufmännischen Ausbildung holte sie die Matura nach und studierte Englisch und Geschichte an der Universität Zürich. Seit einem Jahr arbeitet sie als Archivarin für das Stadtarchiv Schlieren. Am Montag stellt sie ihr Buch in der Schlieremer Bibliothek vor.

Pascale Marder aus Baden arbeitet im Stadtarchiv in Schlieren und auch als Autorin.

Pascale Marder aus Baden arbeitet im Stadtarchiv in Schlieren und auch als Autorin.

Nelly Dieners Leben schien vorprogrammiert, sagt Marder. Die Metzgerstochter wuchs in einfachen Verhältnissen im aargauischen Muri auf. Ihr blieb nur der Himmel, um zu träumen. Auf eigene Faust suchte sie sich Arbeit in Neuchâtel und Liverpool. Nachweislich wohnte sie später in Dietikon, bevor sie in die Stadt Zürich zog. In dieser Zeit meldete sie sich auf eine Stellenausschreibung des aufstrebenden Flugunternehmens Swissair, das erstmals eine «Stewardess» suchte. Sie bekam den Zuschlag.

Die Brote für die Passagiere schmierte sie selber

Als Diener im Mai 1934 ihre Arbeit aufnahm, kochte sie den Kaffee, den sie Fluggästen servierte, vor dem Flug selber. Täglich von Montag bis Samstag hob sie mit der 15-plätzigen Curtiss Condor vom Flugplatz Dübendorf ab. Drei Stunden und vierzig Minuten später landete die Maschine in Berlin. Während dieser Zeit servierte Diener selbstgeschmierte Brote, sang, jodelte, jasste mit den Passagieren oder las ihnen eine Geschichte vor. Falls ihnen übel wurde, hatte sie die gefüllten Papiertüten zu entsorgen – durchs Pilotenfenster. Gleichentags flog die Maschine wieder zurück nach Zürich.

Auf einem Foto posiert Diener strahlend vor dem Flieger, die Hände in die Hüften gestemmt. «Mit diesem Bild wollte man vermitteln, dass dieses junge Fräulein keine Angst vor dem Fliegen hat, und dass ihr dann auch keine Angst zu haben braucht», sagt Marder. Mut bewies Diener, wenn im Cockpit des aus Holz gezimmerten Flugzeugs der Schweizer Flugpionier Walter Mittelholzer sass.

Auf sein Konto gingen die meisten glimpflichen Bruchlandungen der Swissair. Diener erlebte etwa mit, wie er beim Rückflug von Berlin auf einem Acker notlanden musste, weil er vergessen hatte, den Benzinstand zu überprüfen. Der Bordfunker wurde damals losgeschickt, um an einer Tankstelle Benzin zu besorgen.

Sie war kein schüchternes Mauerblümchen

Marder war wie Diener ebenfalls bei der nationalen Fluggesellschaft angestellt. Bis zum Grounding im Jahr 2001 hatte sie vier Jahre lang als Werkstudentin in der Swissair-Marketingabteilung gearbeitet. «Wenn man für die Swissair arbeitete, hat man sich diesem Job mit Haut und Haar verschrieben.» Und sie weiss: Nelly Diener war allen ein Begriff. Dies war wohl der Impuls, um über Dieners Leben zu schreiben. Während ihrem Mutterschaftsurlaub vor fünf Jahren begann Marder mit der Recherche.

Erzählt ist ihr Buch vorwiegend in Dialogform. So werden historische Personen nicht nur lebendig, sondern auch die Euphorie wird greifbar, die die Erfolge der Schweizer Aviatik auslösten. «Nelly Diener war ein Kind ihrer Zeit», sagt Marder. Sie gefiel sich als mondäne Frau, die auf 2500 Metern Höhe mit Bundesräten und Schauspielerinnen konversierte und Turbulenzen weglächelte. «Wäre sie ein schüchternes Mauerblümchen gewesen, wäre sie in dieser Rolle nicht so aufgegangen.» Bezeichnend war, dass Diener stets Autogrammkarten mit sich führte.

Für ihren 100'000. Flugkilometer wurde Diener ein Wochenendaufenthalt in Berlin versprochen. Doch dazu kam es nie: Diener war noch kein Jahr im Dienst, als sie nach nur 79 Flügen nahe Tuttlingen abstürzte. Alle zwölf Personen an Bord verloren ihr Leben. Der «Engel der Lüfte», wie man Diener auch nannte, wurde 22 Jahre alt.

Marders erstes Buch soll aber keineswegs ihr letztes gewesen sein. Mit einem Lächeln sagt sie: «Bei meiner Arbeit im Stadtarchiv stolpere ich immer wieder über Dokumente, mit denen sich noch haufenweise Geschichten erzählen lassen.»

Autor

Fabienne Eisenring

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