Gemeinderats-Ersatzwahl

Diese beiden Wettinger wollen den Sitz von Yvonne Feri erben – so ticken die Kontrahenten

Für das Gespräch haben die beiden Gemeinderatskadidaten Kirsten Ernst (SP) und Franz-Beat Schwere (SVP) die idyllische Laube des Bierateliers auf der Klosterhalbinsel gewählt.

Für das Gespräch haben die beiden Gemeinderatskadidaten Kirsten Ernst (SP) und Franz-Beat Schwere (SVP) die idyllische Laube des Bierateliers auf der Klosterhalbinsel gewählt.

Sie wollen keinen «Wahlkampf mit harten Waffen» führen, sagen Kirsten Ernst (SP) und Franz-Beat Schwere (SVP). Und doch gehen ihre Pläne für Wettingen oft weit auseinander.

Kirsten Ernst (SP) und Franz-Beat Schwere (SVP) wollen den Gemeinderatssitz von Yvonne Feri (SP) erben. Das «Badener Tagblatt» hat die beiden Kandidaten für ein Doppelinterview in der Laube des Bierateliers zum alten Löwen auf der Klosterhalbinsel getroffen. Vor Beginn des Gesprächs stellen die Kontrahenten klar: «Wir liefern den Wettingern keinen Wahlkampf mit ‹harten Waffen›, dafür kennen wir uns zu gut.»

Frau Ernst, Herr Schwere, Sie sind beide Urwettinger. Welche Kindheitserinnerung haben Sie ans Tägi?

Kirsten Ernst: Ich war 1974 als Schülerin bei der Eröffnung dabei und watete anschliessend mit meinen Freundinnen in hochgekrempelten Jeans durch das Aussenbecken. Als Jugendliche haben wir natürlich viel Zeit im Schwümmbi verbracht.

Franz-Beat Schwere: Wir waren mit der Schule oft im Tägi zum Eishockeyspielen und Schwimmen. Damals gab es noch zahlreiche Schwimmwettkämpfe innerhalb der Schule.

Der Einwohnerrat hat die abgespeckte Tägi-Sanierung bewilligt. Nun soll das Volk dem 46,5-Millionen-Franken-Kredit zustimmen. Von der ursprünglichen Vision ist allerdings nicht mehr viel geblieben. Blutet da nicht das Herz?

Schwere: Natürlich wünscht man sich immer mehr, aber die Sportvereine haben in Wettingen und mit dem Tägi eine sehr gute Infrastruktur auch im Vergleich beispielsweise zu Baden. Mit dem Sparprogramm, das die Gemeinde fahren will, muss man schauen, was machbar ist, nicht welchen Luxus wir gerne hätten.

Ernst: Sicher ist der Sport in Wettingen eine Herzensangelegenheit, aber wir können keinen Luxusbau realisieren, der alle Wünsche und Bedürfnisse erfüllt und nur die Hälfte des verworfenen 84-Millionen-Franken-Megaprojekts kostet. Zudem soll Wettingen nicht nur Eis und Wasser bieten. Das Geld soll auch für die Erbauung der Dreifachturnhalle und andere Sportprojekte reichen.

Hat Wettingen hier die Chance verpasst, ein regionales Sportzentrum zu etablieren, indem man die umliegenden Gemeinden nicht mit ins Boot geholt hat?

Ernst: Tatsächlich hätte man visionärer sein und mehr aus dem Tägi machen können. Allerdings weiss ich nicht, ob und in welchem Rahmen der Gemeinderat mit den umliegenden Gemeinden Gespräche geführt hat.

Schwere: Die Idee, das Tägi regional aufzustellen, war immer in den Hinterköpfen. Doch den Gemeinden ist es in den vergangenen Jahren finanziell zu gut gegangen, als dass sie bei der eigenen Infrastruktur abgebaut und in ein regionales Tägi investiert hätten. Wir müssen auch realistisch sein: Wenn Wettingen sein Tägi hat, werden keine grossen Beiträge aus den umliegenden Gemeinden direkt zu uns fliessen.

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Apropos Region: Welche Rolle soll Wettingen in der Region künftig spielen?

Ernst: Wettingen soll regional als Leader auftreten und offen sein für Ideen sowie Entwicklungen anstossen für die Region. Dazu sollten wir die Gemeindeverträge vertiefen und uns auch Richtung Zürich ausrichten. Bei der Limmattalbahn müssen wir von Anfang an mitreden und mitgestalten.

Schwere: Verträge sind definitiv besser als Fusionen, da diese zu viele Mittel binden. Wettingen hat mit seiner Grösse und seinen politischen Persönlichkeiten die Stärke und das Potenzial, als Leader zu agieren. Wir müssen uns künftig nicht hinter Baden verstecken.

Ist der Wettinger zu stolz für eine Ehe mit Baden?

Ernst: Das denke ich nicht, aber der Gewinn müsste auf der Hand liegen, egal, wer mit wem fusioniert. Momentan fahren wir mit Gemeindeverträgen und Zusammenarbeiten besser. Auch dürfen wir die emotionale Seite nicht unterschätzen. Heimat ist enorm wichtig und bei einer Fusion hat man das Gefühl, man gibt ein Stück seiner Identität preis.

Schwere: Kommt hinzu, dass die kleineren Gemeinden fürchten, dass sie nach einer Fusion weniger zu sagen haben und nur noch zahlen dürfen. Deshalb müsste die finanzielle Not sehr gross sein, dass es zur Fusion kommt. Was Wettingen und Baden betrifft, so bilden wir schon ein grosses Zentrum und können mit Verträgen arbeiten, statt zu fusionieren.

Der Gemeinde stehen einige Investitionsbrocken bevor, und es gibt Stimmen, die sagen, der Wettinger Steuerfuss müsse in absehbarer Zeit erhöht werden. Wo sehen Sie den Steuerfuss in den kommenden Jahren?

Schwere: Er wird gleich bleiben. Denn ein Steuerprozent sind in Wettingen rund 500 000 Franken. Selbst wenn wir den Steuerfuss um drei Prozentpunkte erhöhen, könnten wir die Investitionen nicht stemmen. Wir müssen andere Lösungen finden. Bei der Tägi-Finanzierung können wir von sehr tiefen Zinsen bei der Anleihe profitieren. Bei den Investitionen müssen wir Prioritäten setzen, statt pro forma die Steuern anzuheben.

Ernst: Allerdings sind die Budgetdiskussionen bereits geprägt von Investitionsverschiebungen bei der Infrastruktur. Die Erfahrung zeigt: Verschiebt man Strassensanierungen, wird es am Ende teurer. Wir sollten unverkrampfter über eine Steuerfusserhöhung sprechen können, statt diese zu tabuisieren. Sonst laufen wir Gefahr, dass Errungenschaften wie die Tagesstrukturen oder die Bibliotheksöffnungszeiten zusammengestrichen werden. So verlieren wir unsere Standortattraktivität.

Schwere: Wir haben sehr viel gemacht für Familien. Mehr Eigenverantwortung täte uns gut. Stattdessen leben wir die Haltung, «die Gemeinde soll das doch übernehmen». Gerade den Hütedienst kann man auch mit befreundeten Nachtbarn organisieren. Als ich klein war, haben in meiner Strasse drei Hausfrauen den Hütedienst geteilt. Ich vermisse solche Lösungen und die Bemühung, im privaten Umfeld Unterstützung zu suchen.

Ernst: Man muss aber auch sehen, dass leider rund die Hälfte der Eltern geschieden ist, und jener Elternteil, der die Kinder hat, muss vielleicht zwingend arbeiten gehen. Die Leute wollen arbeiten und sicher sein, dass ihre Kinder am Mittagstisch und nach der Schule gut aufgehoben sind. Für diese Leistung zahlen sie – abgesehen davon, dass sie Steuern zahlen.

Eigenverantwortung klingt gut, aber funktioniert das wirklich in unserer teilweise doch sehr anonymen Gesellschaft?

Ernst: Nein, solange wir so isoliert leben sicher nicht. Das zeigt sich bei den älteren Menschen. Sie wohnen alleine und sobald das nicht mehr möglich ist, müssen sie ins Pflegeheim. Dabei wäre das gar nicht nötig, wenn es mehr generationendurchmischtes Wohnen gäbe und in einer Wohnsiedlung zum Beispiel eine Spitex miteinquartiert wäre. Die Gemeinde sollte solche Wohnformen unterstützen.

Schwere: Das sollte aber nicht Aufgabe der Gemeinde sein. Damit werden unnötig Ressourcen gebunden. Das ist Sache von privaten Investoren.

Ernst: Ich sage gar nicht, dass die Gemeinde das managen soll. Aber Wettingen kann beispielsweise das Land im Baurecht einem Investor oder einer Genossenschaft zur Verfügung stellen, die solche Wohnformen fördern. Innerhalb der Siedlung könnte man jemanden engagieren, der einen Mittagstisch, Hütedienst oder Fahrservice koordiniert und seinen Lohn über den Mietzins abrechnen.

Schwere: Ich zweifle, ob solche Wohnformen wirklich funktionieren. Die Leute schieben ihre Anliegen zu schnell auf die Gemeinde ab und erwarten für alles Unterstützung.

Ernst: Aber genau diese unterstützenden Angebote machen eine Gemeinde als Wohnort attraktiv und ziehen letztlich gute Steuerzahler an.

Auch das produzierende Gewerbe wäre ein guter Steuerzahler, doch die Betriebe ziehen nach und nach weg. Wie kann Wettingen die Gewerbler halten?

Ernst: Die Betriebe bekommen leider zu oft einen Knebel zwischen die Beine geworfen in Form von Auflagen und Richtlinien. Ich kenne einige, die in Wettingen bleiben wollten und doch wegziehen mussten, weil es nicht mehr ging. Eine Patentlösung gibt es allerdings nicht.

Schwere: Das haben wir vor Jahren verpasst. Man hätte Landreserven bereitstellen sollen, stattdessen haben wir Wohnbauten um das Gewerbe herum gebaut und nun wollen die Leute keinen Lärm vom Sägewerk oder einer Schlosserei. Für Wettingen, das vor allem natürliche Steuerzahler hat, ist das im Vergleich zu Baden mit seinen grossen Unternehmen eine schwierige Situation.

Wettingen kann das Wohnen als Strategie nutzen und sagen: «Wir sind eine attraktive Wohngemeinde. Arbeiten kann man ausserhalb».

Schwere: Nein, wir brauchen KMU und ihre Arbeitsplätze. Sie unterstützen auch die Sportvereine und die Kultur. Abgesehen davon soll Wettingen kein Schlafdorf werden.

Ernst: Da stimme ich zu und die Frage stellt sich dann, wo würden wir die Grenze ziehen? Muss der Bäcker dann auch gehen?

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Das produzierende Gewerbe ist das eine, aber wie kann Wettingen seinen Geschäften an der Landstrasse helfen?

Schwere: Die Landstrasse ist eine Kantonsstrasse mit viel Verkehr und es ist schwierig, dort etwas Attraktives mit einem guten Ladenmix zu machen. Wer nicht zwischen Rabenkreisel und Zentrumsplatz liegt, hat es sehr schwer. Die Leute wollen mit dem Auto direkt vors Geschäft fahren. Sie gehen einfach ins Tägi-Einkaufscenter oder zum Lädelen nach Baden. Als Kantons- und Durchfahrtsstrasse kann man die Landstrasse kosmetisch etwas verschönern, aber die grosse Flaniermeile wird sie nie.

Ernst: Mit der Sondernutzungsplanung an der Landstrasse wird es mehr Freiraum zum Verweilen geben. Aber ich gebe Franz-Beat recht, mit der Landstrasse als Kantons- und Durchfahrtstrasse müssen wir uns abfinden.

Schwere: Eine Alternative wäre die Idee, zweimal im Jahr an einem Samstag den Abschnitt zwischen den beiden Kreiseln zu schliessen und mit kleinen Beizen und Verkaufsständen zu beleben. Wenn es den Leuten gefällt, sogar vierteljährlich.

Ernst: Wir sollten den Fokus aber nicht nur auf die Landstrasse setzen. Wir müssen dort investieren, wo die Menschen arbeiten, leben und die Kinder zur Schule gehen – in den Quartieren. Lieber viele schöne Quartiere und eine etwas unattraktivere Landstrasse.

Sie sagen beide, Wettingen soll für potenzielle Einwohner noch attraktiver werden. Wie stark soll die Wettinger Bevölkerung noch wachsen?

Schwere: Wachstum setzt Infrastruktur voraus. Der Gemeinderat rechnet mit 100 bis 150 zusätzlichen Personen pro Jahr. Das reicht, wir brauchen nicht 25 000 Einwohner in den nächsten Jahren.

Ernst: Wir können das Wachstum aber nicht steuern. Wenn Investoren attraktiven Wohnraum schaffen, dann ziehen die Leute nach Wettingen, ob wir wollen oder nicht. Deshalb sollten wir wachsam sein und früh genug merken, wo es einen Wachstumsschub geben könnte.

Warum sollten die Wettinger Sie wählen, Herr Schwere, und nicht Kirsten Ernst?

Schwere: Ich gebe Ihnen gerne meinen Flyer. Dort steht «motiviert, qualifiziert, engagiert». Ich bin stark vernetzt in der Gemeinde dank meiner Arbeit als Stiftungsrat im Kinderheim Klösterli, als Präsident der Turn- und Sportvereinigung Wettingen, aber auch dank meinem Engagement als ehemaliger Einwohnerrat und Mitglied der Finanzkommission von 2000 bis 2007. Ich bin jemand, der konstruktive Diskussionen anstrebt und die beste Lösung bevorzugt, statt auf der eigenen beharrt.

Warum würden die Wettinger mit Ihnen, Frau Ernst, die bessere Karte ziehen als mit Franz-Beat Schwere?

Ernst: Selbstverständlich bin auch ich motiviert, engagiert und qualifiziert (lacht). Ich bin seit sieben Jahren als Einwohnerrätin und als Mitglied der Schulpflege tätig und habe in der Legislative und Exekutive wertvolle Erfahrungen gesammelt. Ich habe eine medizinische Ausbildung und kann mich ins Gesundheitsressort, das von Yvonne Feri betreut wird, problemlos einarbeiten. Zudem habe ich viele Sozialprojekte wie den Krippenpool begleitet.

Welche Ressorts dem künftigen Gemeinderat zufallen, ist allerdings noch völlig offen.

Schwere: Genau. Wichtig ist, dass man sich in jedes Dossier schnell einarbeiten kann. Matchentscheidend sind die ersten 100 Tage. Zudem ist mir eine gute Führung wichtig – nicht nur, dass die Finanzen im Lot bleiben. Da kann ich auf meine Erfahrungen als Geschäftsleitungsmitglied zurückgreifen.

Ernst: Dito. Auch ich führe mein eigenes Unternehmen. Und als Einwohnerrätin konnte ich in den letzten sieben Jahren einige Geschäfte mitgestalten und bin auf dem aktuellen Stand.

Schwere: Dafür gehe ich neutral an die Sache und bringe frischen Wind ins Gremium.

Falls Markus Dieth in den Regierungsrat gewählt wird, ergibt sich eine weitere Chance auf einen Gemeinderatssitz. Werden Sie nochmals zur Wahl antreten, falls es mit der Feri-Nachfolge nicht klappt?

Schwere: Da muss ich den Joker ziehen. Wir haben das in der Parteibasis noch nicht diskutiert und ich konzentriere mich auf die aktuelle Wahl.

Ernst: Ich gewinne natürlich bei der ersten Wahl (lacht). Nein, ernsthaft, diesen Entscheid wird die Parteibasis treffen.

Der erste Wahlgang für die Ersatzwahl eines Mitglieds des Gemeinderats Wettingen findet am 25. September statt.

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