Sie ging damals der Liebe wegen. Brigitte Villa, aufgewachsen in Obersiggenthal, lernte ihren kolumbianischen Ehemann auf Reisen kennen. Sie zog zu ihm nach Kolumbien, in die Millionenstadt Medellin. Heute, acht Jahre später, haben die beiden zwei gemeinsame Kinder, Lily und Luis, drei und fünf Jahre alt. «Nach eineinhalb Jahren in der Grossstadt gingen wir auf die Suche nach Land», erzählt die 40-Jährige bei einem Kaffee. Aktuell verbringt sie ein paar Wochen im Aargau. «Wir landeten damals in Marinka, in der Sierra Nevada», fügt sie an. «Das ist mitten im Regenwald.» Das nächste Dorf, Minca, ist zu Fuss 40 Minuten entfernt.

In Marinka führt Brigitte Villa seit einigen Jahren ein Zwei-Zimmer-Bed-and-Breakfast, das rege besucht wird. Erst im Sommer vor einem Jahr, als sie und ihr Mann begannen, sich mit der bald anstehenden Einschulung ihres Sohnes zu beschäftigen, realisierte sie, in welchem Zustand die Schulen in der näheren Umgebung sind. In Kolumbien schicken die wohlhabenden Menschen ihre Kinder in teure Privatschulen, die sich in der Stadt befinden, erzählt Villa. Dafür engagieren sie einen Fahrer: «Alle anderen bleiben zurück und haben kaum Möglichkeit, ihren Kindern eine gute Bildung zu bieten.» Der Staat interessiere sich nicht für die öffentlichen Schulen: «So bleiben die Armen immer arm. Und die Reichen werden niemals etwas mit den Armen zu tun haben.» Für sie und ihren Mann Omar war klar, dass sie ihre Kinder nicht in eine Privatschule schicken wollten, selbst, wenn sie es sich leisten könnten: «Wir wollen ein solches System nicht unterstützen.»

Die nächste Schule im Regenwald befindet sich in Minca. Die vierzig Minuten zu Fuss seien nicht das Problem, erklärt Brigitte Villa, sondern ein Flussbett, das sich zwischen ihrem Daheim und der Schule befindet: «Wenn es im Regenwald regnet, dann richtig», sagt sie. Der Hinweg sei weniger gefährlich: «Aber es kann sein, dass die Kinder am Abend nicht mehr nach Hause kommen, weil sich das Flussbett in der Zwischenzeit mit Wasser gefüllt hat.» Dies sei besonders für Vorschulkinder eine Zumutung.

Die Alternative: Eine Bergschule, die sich zu Fuss etwa in einer Stunde vom Zuhause der Villas aus erreichen lässt. Kinder zwischen 4 und 13 Jahren werden dort gemeinsam unterrichtet. Doch die Bergschule war in einem ausserordentlich schlechten Zustand. Das einzige WC war ein dreckiges Loch im Boden, das Dach liess bei Regenwetter so viel Wasser durch, dass die Kinder in Pfützen standen. Ausserdem assen die Schüler auf denselben abgenutzten Tischchen zu Mittag, auf denen sie lernten. Es hatte kaum Bücher oder Spielsachen, geschweige denn einen Haken, um die nassen Kleider zu trocknen. «Der Staat zahlt den Lohn der Lehrerin und stellt einen Gastank und die Lebensmittel, um zu kochen. Das ist alles», sagt Brigitte Villa. Die Lehrerin nimmt jeden Tag eineinhalb Stunden pro Weg auf sich, um die Schule zu erreichen. «Die Hälfte ihres Lohnes geht jeden Monat für den Transport mit dem Motorradtaxi drauf.»

Brigitte Villa und ihr kolumbianischer Ehemann bauen im kolumbianischen Dschungel eine Schule um. Langsam nimmt das Projekt Formen an.

  

Spenden aus der Schweiz

Aus diesen Umständen heraus entschieden Brigitte Villa und ihr Mann Omar, aus der verwahrlosten Schule ein Projekt zu machen. Nicht nur für ihre eigenen Kinder, sondern für alle im Einzugsgebiet. Im September 2018 begannen sie, mittels Crowdfunding Geld zu sammeln, «innert weniger Wochen kamen 10'000 Franken zusammen, der grösste Teil von Bekannten und Unbekannten aus der Schweiz». Kurze Zeit später begannen sie den Um- und Ausbau, der noch immer im Gang ist. Daraus wurde ein richtiges Happening: Nachbarn, Eltern und Kinder, alle packen mit an. Den Fortschritt dokumentiert die Aargauerin unter dem Namen «Schule Kolumbien Marinka» auf Facebook. Aus fünfzig Quadratmetern wurden 225. «Aktuell wird das Dach montiert», sagt Brigitte Villa. Ein Bauer habe sein leerstehendes Haus zur Verfügung gestellt, damit die Kinder in der Zwischenzeit trotzdem zur Schule können.

Die Spendengelder seien aufgebraucht, das Projekt aber trotz Fertigstellung des Rohbaus noch nicht ganz fertig: «Wir möchten einen Essraum mit einem Esstisch und Stühlen gestalten, ein funktionierendes WC und Lavabos einbauen, eine Bibliothek einrichten, richtige Pulte kaufen, eine Rutschbahn auf den Spielplatz stellen, eine Weltkarte an die Wand malen, damit die Kinder wissen, wo sie überhaupt sind.» Weiter soll ein Schlafzimmer für die Lehrerin eingerichtet werden, damit sie bleibt: «Sie überlegt sich, zu kündigen. Der Arbeitsweg ist einfach zu lang für sie», sagt Brigitte Villa.

Die Schule bleibt

Das gespendete Geld verwalten Brigitte Villa und ihr Mann vollumfänglich: «In Kolumbien sind die Arbeiter nicht teuer, das Material aber schon.» Jeder Rappen fliesse direkt in die Beschaffung des Baumaterials. Jeder Zementsack und jeder Backstein werde von ihnen persönlich gekauft und abgeholt. Dass fremde Menschen bereit seien, für Menschen auf der anderen Seite der Welt Geld zu spenden, können die Kolumbianer fast nicht nachvollziehen, erzählt Villa. Um das Projekt wie gewünscht fertigzustellen und einen Sparbatzen für laufende Kosten zur Seite zu legen, benötigen sie noch ungefähr 10'000 Franken.

Es sei gut möglich, dass sie mit ihrer Familie eines Tages wieder in die Schweiz zurückkehrt, sagt Brigitte Villa: «Eventuell dann, wenn Lily und Luis in die Oberstufe kommen, sodass sie den Schulabschluss in der Schweiz machen können.» Der Umbau der Schule in Kolumbien sei ein Herzensprojekt, das sie unabhängig von ihren Zukunftsplänen realisiert: «Auch wenn wir eines Tages nicht mehr in Kolumbien leben sollten. Sie bleibt für die anderen Kinder», sagt sie.