Interview

«Die Schule kann für Frustration und Überforderung sorgen»

Gipsy, der Pudel von Monika Peter, ist nur einer von vielen Gründen, warum Jugendliche gerne bei ihr lernen.

Gipsy, der Pudel von Monika Peter, ist nur einer von vielen Gründen, warum Jugendliche gerne bei ihr lernen.

Die Ennetbadenerin Monika Peter ist Lehrerin und will mit ihrem Teens-Club den Spass am Lernen wieder wecken.

Monika Peter empfängt den redaktionellen Besuch in ihren Räumlichkeiten in Ennetbaden mit dem kleinen, dreibeinigen Pudel Gipsy in ihren Armen. Im hellen Raum stehen Bücherregale, Sessel und Arbeitstische mit Computern. Einen Stock tiefer befindet sich ein Gewölbekeller für konzentriertes Arbeiten. Die Ennetbadenerin hat mit dem Teens-Club «Lotus Jugend» (siehe Box) im letzten August den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.

Ein Teilzeitpensum beschert ihr als Lehrerin und Schulsozialarbeiterin an der Heilpädagogischen Schule (HSP) in Wettingen aber ein Einkommen, das sie in den Anfängen noch unterstützt. Innert kurzer Zeit konnte sie viele andere Personen für ihre Idee begeistern.

Frau Peter, Ihre Lotus Jugend ist schnell auf Interesse gestossen. Warum?

Monika Peter: Ein Teens-Club zum Thema Lernen ist etwas, das in der Region noch fehlt. Seit 20 Jahren bin ich Oberstufenlehrerin und Schulsozialarbeiterin und habe schon länger einen Raum vermisst, in dem Schüler nicht einfach lernen, sondern lernen zu lernen. Eine frühere Kantonsschullehrerin ist im Vorstand unseres extra dafür gegründeten Vereins. Sie sagt, ein solches Angebot hätte sie sich für ihren Sohn gewünscht. Das Familienleben wäre entspannter gewesen, wenn er mit den erledigten Hausaufgaben hätte nach Hause kommen können.

Haben denn die heutigen Schüler das Lernen verlernt?

So allgemein würde ich das nicht formulieren. Aber Schule bedeutet für viele Stress und kann für Frustration und Überforderung sorgen. Deshalb ist es mir wichtig, dass es einen Ort gibt, wo Jugendliche lernen, mit ­Herausforderungen umzugehen. Wer weiss, wie er das Lernen angehen muss, dem macht es mehr Spass. Das wirkt sich auch präventiv für das spätere Berufsleben aus; Stichwort Burn-out, Depressionen, Stressmanagement, das sind grosse Themen.

Wie wollen Sie das angehen?

Der Hauptjob der Schüler ist das Lernen, doch durch all die anderen Aktivitäten werden sie in ihrem «Job» behindert und können diesen nicht wie gewünscht ausüben. Ob das Prüfungsangst, Probleme in der Familie, Stress mit Kollegen ist oder die Frage: Mit wem verbringe ich meine Freizeit? Je nach Themenstellung schaue ich zuerst gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern, was sie brauchen, um sich ideal zu organisieren. Wir finden Antworten auf: Wie reagiere ich in Stresssituationen? Wie lerne ich optimal? Wie kann ich sinnvolle Pausen einbauen, ohne Handy oder Games? Die Hirnforschung hat gezeigt, dass Gelerntes weniger gut abgespeichert wird, wenn man sich danach gleich an einen Bildschirm setzt. Deshalb sollten sich Menschen während oder nach dem Lernen bewegen, schlafen oder Musik machen.

Die Jugendlichen werden sich wohl eher gleich an einen Bildschirm setzen?

Viele eher ja. Dann höre ich von ihnen, sie hätten sich, nachdem sie vier Stunden gelernt hatten, gar nichts merken können. Kein Wunder, haben sie doch nebenbei vielleicht noch gechattet oder waren in ihren virtuellen Parallelwelten unterwegs, wo sie ihre verschiedenen Identitäten pflegen, denen sie allen gerecht werden wollen. Die Jugendlichen von heute sind zwar flexibler, haben aber auch ein Überangebot an Möglichkeiten. Das kann zu Verzettelung und Überforderung führen. Sich zu konzentrieren und an etwas dranbleiben zu können, kann trainiert werden. Es ist unsere Aufgabe als Erwachsene, sie darin zu begleiten und zu unterstützen. Es stärkt das Selbstbewusstsein und macht im Rückblick Freude, wenn man es geschafft hat, Hindernisse zu überwinden und Herausforderungen zu meistern.

Man liest hin und wieder, den Kindern würden heutzutage viel schneller Hürden aus dem Weg geräumt, viele hätten verlernt, etwas auszuhalten. Empfinden Sie das auch so? Hat sich das verändert?

In den letzten Jahren hat sich viel verändert, vorwiegend wegen des gesellschaftlichen Wandels mit den technologischen Fortschritten. Meine Erfahrung als Lehrerin und Schulsozialarbeiterin an verschiedenen Schulen ist, dass Jugendliche inzwischen schneller aufgeben und etwas anderes in Angriff nehmen oder sogar ihr Lernen delegieren. Mir wurde in der Schule schon mehrere Male gesagt, dass ich etwas gar nicht erst zu erklären brauche, sie würden die Lösung einfach mit dem Nachhilfelehrer besprechen. Dieser nimmt ihnen das sozusagen ab. Kaum ist da eine Schwierigkeit, höre ich des Öftern: «Ach das ist viel zu schwer, das kann ich nicht!»

Dem wollen Sie mit der Lotus Jugend entgegensteuern. Wie kann ich mir das konkret vorstellen?

Ich gebe den Jugendlichen Starthilfe, löse für sie aber nicht ihre Aufgaben, sondern suche mit ihnen gemeinsam nach Strategien, damit sie konzentrierter und ausdauernder ihre Aufgaben bewältigen können. Aktuell kommt zum Beispiel eine Schülerin zu mir, die nach der Lehre noch eine Weiterbildung machen will. Gemeinsam finden wir heraus, welche Hilfsmittel sie benötigt, ob technische, mentale oder menschliche, und versuchen herauszufinden, welches die beste Lernmethode für sie ist. Es ist mir dabei wichtig, zu betonen, dass die Lotus Jugend überhaupt nicht für «Lernschwache», sondern für alle gedacht ist. In diesem Raum hilft man sich gegenseitig. Zu wissen, dass hier auch Gleichaltrige an ihren Aufgaben und Projekten arbeiten, ist zusätzlich motivierend.

Und Sie sehen sich auch nicht als Konkurrenz zur Hausaufgabenhilfe?

Nein. Mit zunehmendem Alter haben die Schüler weniger externe Angebote und wie man lernt, ist nicht allen bekannt. Nachdem einem in der Primarschule vieles leicht gefallen ist, müssen sich die Schüler in der Oberstufe neu organisieren und herausfinden, wie sie jetzt am besten lernen. Da ist es wichtig, Strategien zu haben. Bin ich eher ein visueller Mensch, brauche ich Zusammenfassungen, einen ruhigen Ort oder Bewegung zwischendurch? Hier kann ich die Schüler unterstützen. Mit verschiedenen Werkzeugen können wir auch herausfinden, wie die innere Repräsentation eines Fachs ist und die mentale Einstellung dazu verändern. Damit das Fach beginnt, Freude zu bereiten. Die neugewonnenen Erkenntnisse können dann in der Schule umgesetzt werden. Es ist sehr spannend, diese Entwicklung auch in der Praxis zu beobachten.

Sie haben diverse Angebote, darunter ein monatliches. Das hat aber seinen Preis.

Im ersten Moment klingen 120 Franken pro Monat vielleicht nach viel Geld, aber viele bezahlen für ein Fitnessabo etwa dasselbe. Deshalb habe ich mich danach ausgerichtet. Das Angebot ist sozusagen ein mentales Fitnessabo. Schliesslich haben gute Sportler ebenfalls Coaches. Ausserdem können sich die Jugendlichen hier zwischendurch bewegen, auch während des Lernens, ich habe Lernvelos und Biofeedbackspiele. Das ist eine wissenschaftlich anerkannte Therapie- und Trainingsmethode, bei der Jugendliche lernen, ihren Stresspegel zu regulieren und sie sich so einfacher an den guten Zustand während des Lernens erinnern zu können. Ich habe aber auch punktuelle und individuelle Angebote, deren Preise variieren. Ich bin mir sicher, diese Investition lohnt sich zu 100 Prozent.

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