Ein bisschen verdutzt schauten die Jahrmarktbesucher schon, als der Demonstrationszug zum Tag der Arbeit den Schlossbergplatz kreuzte. «Solidarisieren, mitmarschieren» hiess es da, wobei die meisten Schaulustigen lieber weiterhin auf dem gleichzeitig stattfindenden Jahrmarkt bummeln. Der Demonstrationszug störte sich daran nicht, er zog weiter seine Runde am Bahnhof entlang zum Casino und auf der Strasse zum Festzelt auf dem Theaterplatz. Dem Tag der Arbeit entsprechend forderten die Demonstranten gerechtere Löhne oder, wie auf dem frontalen Banner formuliert «Mehr zum Leben». Die Slogans, welche die von roten Ballons und Fahnen durchzogene Menge skandierte, knüpften allerdings grösstenteils an eine andere gesellschaftspolitische Debatte an.

So wurden die Demonstranten immer dann besonders laut, wenn die derzeit gängigen Sprechchöre der Klimajugend skandiert wurden. Mit Cybel Dickson und Benjamin Flur hatten zwei Schüler der Klimabewegung auch Platz für ihre Ansprache auf der mit Regenbogen-Ballons geschmückten Bühne des Festzelts. Für ihre Forderungen erhielten sie grossen Applaus. Bereits zuvor hatte SP-Nationalrat und «Heimweh-Badener» Cédric Wermuth in seiner Ansprache den Klimawandel in den Vordergrund gestellt.

Auch die Präsidentin des Nationalrats Marina Carobbio (SP) schnitt das derzeit öffentlichkeitswirksamste Thema an. Die Präsidentin des Nationalrats – extra aus dem Tessin angereist und von Moderator Jürg Calfisch als «höchste Schweizerin» angekündigt – betonte: «Wir müssen auch kurzfristig unbeliebte Massnahmen durchsetzen, um langfristig unseren Wohlstand zu sichern.» Weiterhin setzte sie den Fokus ihrer Rede auf Frauenrechte, dem zweiten dominanten Thema bei den 1.-Mai-Kundgebungen. Carobbio beklagte, dass die Löhne der Frauen noch immer denen der Männer hinterhinken. «Frauen haben ein Recht auf anständige und gleiche Entlohnung», forderte sie.

Impressionen von der 1. Mai-Kundgebung 2019 in Baden

Impressionen von der 1. Mai-Kundgebung 2019 in Baden

Die 1.-Maifeier wurde in Baden auch als Werbeveranstaltung für den nationalen Frauenstreiktag genutzt. So verwiesen die Plakate und Banner nicht nur auf den 1. Mai, sondern auch auf den Frauenstreiktag am 14. Juni. Die Grossrätin und Nationalratskandidatin Lelia Hunziker (SP) machte in ihrer Ansprache ebenfalls auf den Streik aufmerksam. Die Geschäftsleiterin der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration beklagte, dass Frauen in der Öffentlichkeit unterrepräsentiert seien. In der Aargauer Zeitung habe sie vergangenes Wochenende 78 Männer und 30 Frauen gezählt – was zwei Herren im Festzelt als «gar nicht so schlecht» kommentierten.