Baden

Die Freiheit im Geiste: Die FDP Baden feiert 2020 ihr 100-jähriges Jubiläum

Ort der Gründung: Der Festsaal des «Centralhofs» am Theaterplatz.

Ort der Gründung: Der Festsaal des «Centralhofs» am Theaterplatz.

Die freisinnige Stadtpartei wurde in einer Zeit des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwungs nach Krieg und Krise gegründet. Ein Blick zurück.

Vor hundert Jahren, kurz nach einer noch viel grösseren Krise als wir sie heute erleben, wurde sie im Hotel Centralhof am Theaterplatz gegründet: die FDP Baden. In der Stadt muss damals, 1920, grosse Aufbruchstimmung geherrscht haben. Der Erste Weltkrieg, der Europa ins Verderben gestürzt hatte, war nun seit zwei Jahren vorbei. Grenzbesetzung, Landesstreik und Spanische Grippe waren überstanden.

Der Glaube an eine bessere Zukunft herrschte im Aargau und in Baden, das damals rund 9000 Einwohner zählte. Es war die Zeit von Stadtammann Josef Jäger. Er war ein Tausendsassa: Bezirkslehrer, Journalist – als Verleger der «Schweizer Freien Presse» auch Konkurrent von Parteifreund Otto Wanner mit seinem Badener Tagblatt. Jäger war Verfassungsrat, Grossrat, Nationalrat.

Er prägte als radikaler Freisinniger das politische Leben der Stadt. Seit 1902 war er Stadtrat, seit 1910 Stadtammann. Bei der Gründung der Stadtpartei hielt er sich aber im Hintergrund. Er überliess als 67-Jähriger den Neuanfang den Jüngeren.

Porträt von Bezirkslehrer, Nationalrat, Stadtammann und Verleger Josef Jäger mit Reitkleidung und Peitsche, aufgenommen 1890.

Porträt von Bezirkslehrer, Nationalrat, Stadtammann und Verleger Josef Jäger mit Reitkleidung und Peitsche, aufgenommen 1890.

Die Industriestadt Baden boomte damals: Während es seit dem Krieg mit dem Kurort dramatisch bergab ging, ging es gleichzeitig mit der Elektrizitätswirtschaft steil bergauf. Die 1891 gegründete Brown, Boveri & Cie. wuchs in atemberaubendem Tempo zum Weltkonzern. Die Metallwarenfabriken Merker und Oederlin expandierten. Die NOK versorgten bald die halbe Schweiz mit Strom, Motor-Columbus baute Kraftwerke und Stromleitungen.

Wirtschaftliche Euphorie, politischer Aufbruch

Die Arbeiterschaft wuchs in und um Baden ebenfalls atemberaubend schnell. Die Wohnquartiere im Kappelerhof, im Meierhof, am Kreuzliberg und nicht zuletzt die neue Hochbrücke über die Limmat entstanden in diesen Boomjahren.

Mitten in dieser wirtschaftlichen Euphorie gab es auch einen politischen Aufbruch: Im katholisch dominierten Baden beschlossen vornehmlich reformierte und einige jüdische Gewerbler, ihre Stellung in der Stadt zu stärken und eine gemeinsame, freisinnige Stadtpartei zu gründen. Die Einheit des Freisinns war keine Selbstverständlichkeit. Er war zwar seit der Gründung des Bundesstaats 1848 staatstragende Partei und stellte lange alle sieben Bundesräte. Erst 1891 kam ein erster Katholisch-Konservativer in die Landesregierung.

Die Stadt Baden anno 1920: Blick auf die Limmatpromenade, den Bahnhofplatz mit der alten Hauptpost, die reformierte Kirche und die Villa Egloffstein der Familie Merker (rechts).

Die Stadt Baden anno 1920: Blick auf die Limmatpromenade, den Bahnhofplatz mit der alten Hauptpost, die reformierte Kirche und die Villa Egloffstein der Familie Merker (rechts).

Aber innerhalb des Freisinns gab es stets unterschiedliche Richtungen. Auf nationaler Ebene waren das vor allem die antiklerikalen und tendenziell linkeren Radikalen sowie die eher konservativen Liberalen. Der grösste Teil der «freisinnigen Familie» sammelte sich erst 1894 in der Freisinnig-Demokratischen Partei der Schweiz.

Ein Anstoss für die Gründung der Badener FDP kam von links: Nach dem Landesstreik von 1918 und der militärischen Besetzung der Stadt strebten die Sozialdemokraten in Baden nach Höherem. Die Industrie brachte nicht nur neuen liberalen Geist mit sich, sondern auch gewerkschaftliche Anliegen. Nachdem es in Baden schon früh eine Sektion des Grütlivereins (ein Vorläufer der Sozial­demokratie) gab, wurde 1912 die SP Baden gegründet. Folgen des Landesstreiks waren zudem das revidierte Fabrikgesetz und 1919 die ersten nationalen Proporzwahlen, die der SP doppelt so viele Sitze wie bis anhin brachten.

Neues Wahlrecht als Weckruf

Im Aargau galt das Proporzwahlrecht erstmals bei den Grossratswahlen im Herbst 1920. Das war ein Weckruf für den Badener Freisinn. Tage vor der Parteigründung druckte das BT Inserate, die zur Versammlung im «Centralhof» aufriefen. Die Zeitung, die in der Buchdruckerei Wanner an der Bruggerstrasse erschien, war offizielles «Freisinniges Organ».

In einem Aufruf im BT hiess es: «Der kommende Proporz verlangt gebieterisch den Zusammenschluss. Wir dürfen nicht mehr zaudern, wir müssen endlich zur Tat schreiten!» Es waren vor allem Handwerker und das Gewerbe angesprochen. Den Anstoss zur Gründung gab die «Jungmannschaft Baden», ein loser Verband von Trägern des freisinnigen Gedankens. Man müsse sich in städtischen Fragen stärker engagieren, waren sie überzeugt. Der unheilvolle Krieg habe den Freisinn nur noch mehr gespalten – dabei müsse «das Wohl der Bevölkerung und die Freiheit im Geiste gepflegt werden».  

Das Hotel und Restaurant Centralhof am Theaterplatz im Jahr 1921. Die spätere «Trattoria» wurde 2013 abgebrochen.

Das Hotel und Restaurant Centralhof am Theaterplatz im Jahr 1921. Die spätere «Trattoria» wurde 2013 abgebrochen.

Der Ort der Gründung, das Hotel Centralhof von Rosa und Julius Guggenheim, war damals Zentrum des jüdischen Lebens in Baden – neben der Synagoge, die 1913 eingeweiht worden war. Aus dem «Centralhof» wurde später das Hotel Merkur. Zuletzt lockte hier noch die «Trattoria» mit Pizza und Pasta, bevor das Haus am Theaterplatz 2013 einem Neubau weichen musste.

Ein Vertreter der Badener Industrie in Aarau

Am Tag nach der Gründung am 22. Oktober 1920 stand im BT, der Abend sei von ungeahntem Erfolg gekrönt gewesen. An der konstituierenden Sitzung im Festsaal des «Centralhofs» wurde mit Ingenieur Fritz Gubler auch ein Vertreter der Badener Industrie für den Grossen Rat nominiert. Die Dauer des Wahlkampfs: Eine Woche. Gubler wurde am 31. Oktober mit einem Glanzresultat gewählt.

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