Der dritte Baum von links

Merken
Drucken
Teilen

Die Lägern, zum Beispiel. Oder das Schloss Stein. Oder die Limmat. Im Moment suchen meine Augen geradezu das Beständige, das seit langem Dagewesene, denn es beruhigt mich. Genauso, wie dieser eine Baum. Er ist mir auf einem meiner letzten Spaziergänge aufgefallen. Inmitten anderer Bäume. Und er liess mich nicht mehr los. Und langsam beginnt in meinem Kopf eine Geschichte zu wachsen:

Stellen sie sich einen Mann vor, der mit Theater nichts am Hut hat. Nichts anfangen kann. Einen, der Theater ablehnt und nie ins Theater gehen würde. Der als kleiner Junge im Schultheater den dritten Baum von links spielen musste und seither Mühe hat mit Theater. Es als albernes Verkleiden und Schauspielern abtut, als etwas, das nichts mit dem wahren Leben zu tun hat. Zumindest nicht mit seinem.

Und dieser Mann ist nun alt geworden. Und seine Frau ebenfalls. Und sie möchte gerne ins Theater. Aber sie kann nicht mehr. Sie kann nicht einmal mehr aufstehen. Nur noch im Bett liegen. Und auf den Tod warten. Und immer wieder sagt sie, dass sie so gerne noch einmal ins Theater gegangen wäre. Bis ihr Mann, in seiner Verzweiflung, dass er seine Frau verliert, schliesslich zum Schauspieler wird. Jeden Tag spielt er ihr ein neues Stück vor. Eines, das er sich in der Nacht ausgedacht hat. Und er verkleidet sich dazu. Setzt sich einen Hut auf. Malt sich einen Schnauz. Kaut auf einer Tabakpfeife herum. Steigt einmal sogar ins Lieblingskleid seiner Frau. Um sie zu unterhalten und abzulenken. Um sie zu begleiten. Und je schwächer seine Frau wird, desto einfacher werden die Stücke, die er spielt. Desto reduzierter, aber auch desto stärker werden die jeweiligen Rollen. Bis die Frau ganz zum Schluss nur noch einmal die Augen aufschlägt. Und ihr Mann dasteht. Als Baum. Als kräftiger, gesunder, edler, weiser Baum. Und so einen schönen Baum, sagt seine Frau, habe sie noch nie im Leben gesehen. Und dann stirbt sie.

Natürlich soll es keine todtraurige Geschichte werden. Im Gegenteil. Ich stelle mir viele heitere Momente vor. Ja. Es soll ein feiner Humor durch diese Geschichte wehen und die Blätter sollen tanzen und sich wie von alleine drehen...

Vielleicht schreibe ich sie tatsächlich einmal, diese Geschichte. Und ich stelle mir vor, wie ich beständig an ihr arbeite und wie sie langsam wächst und wächst und wie mich das beruhigen wird.

Wie die Lägern, zum Beispiel. Oder das Schloss Stein. Oder die Limmat.

Simon Libsig Die Kolumne des Poeten (42) erscheint immer am ersten Donnerstag im Monat. Vor Weihnachten veröffentlicht er sein neues Kinderbuch.