Montagsporträt

Der Badener Fredi Beerli erinnert sich an seine Zeit im Vatikan – die Liebe liess ihn zurückkehren

Fredi Beerli erinnert sich kurz vor der Zentraltagung der ehemaligen Päpstlichen Schweizergardisten an seine eigene Zeit im Vatikan und an den Gedenkmarsch nach Rom, bei dem er 2006 als Marschleiter mitwirkte.

Zwischen Fredi Beerli heute und dem Foto von ihm auf seinem Wohnzimmertisch liegen rund 60 Jahre. Darauf trägt der damals 23-Jährige die für Schweizergardisten typische Renaissance-Uniform mit den markanten orange-blau-rot gestreiften Pumphosen. In der Hand hält er einen Helm mit roter Feder. Man schreibt das Jahr 1963. Beerli wird nach seinem zweijährigen Dienst von Papst Johannes XXIII. verabschiedet.

Es habe ihn nach der Lehre als Metallbauschlosser gereizt, zur Schweizergarde zu gehen, sagt er, während sein Blick auf der Schwarzweissaufnahme ruht. «Ich bin gläubig. Aber zur Schweizergarde wollte ich nicht, um ein besserer Katholik zu werden. Ich verspürte vor allem den Drang, mal aus meinem Heimatland herauszukommen und etwas Neues zu erleben.»

Besonders lebendig werden die Erinnerungen gerade jetzt, kurz vor der Zentraltagung der ehemaligen Päpstlichen Schweizergardisten, zu denen auch Beerli gehört. Sie findet vom 30. August bis 1. September in Baden statt. Rund 500 Ehemalige und ein Corps von Aktiven werden erwartet. Auf dem Programm stehen für das Publikum Ausstellungen, ein öffentliches Platzkonzert und ein Defilee. Ein Grund mehr für Beerli, die Erinnerungsfotos aus seiner Dienstzeit beim Papst wieder hervorzuholen.

Vorschriftsgemässer Kniefall vor dem Papst

Am liebsten erinnert der Senior sich an seine persönlichen Begegnungen mit Johannes XXIII., dem er damals diente. Zum Beispiel, als er im Corps von insgesamt 100 Gardisten (heute sind es 110) frisch dabei war: «Ich stand am Ausgang des Papstpalastes, wo immer ein Schweizergardist Posten beziehen muss. Da schritt Seine Heiligkeit mit Privatsekretär geradewegs auf mich zu. Ich habe den damals noch vorschriftsgemässen Kniefall gemacht.»

«Alzarti, alzarti» habe der Papst gesagt und angefangen zu reden wie ein Wasserfall. Beerlis Italienischkenntnisse waren damals noch schlecht. Deshalb antwortete er: «Scusi Santo Padre, io niente bene parlare italiano.» Der Papst habe gelacht, ihm viel Mut für seinen Dienst gewünscht und sich mit den Worten «tanti saluti a tua mamma a casa» verabschiedet.

Beerli, ein gebürtiger Bündner, der im Thurgau aufwuchs und seit 1966 auf der Badener Allmend wohnt, denkt gern an die Zeit in Rom zurück. «Obwohl ich im Wacht- und Ehrendienst stundenlang strammstehen musste», bekundet er, und sein Körper strafft sich im Gedanken daran. Er sah gekrönte Häupter wie Königin Elisabeth II. vorbeischreiten. In der Freizeit, die er zwischen den von strenger Disziplin geprägten Arbeitstagen hatte, lernte er Rom kennen. Sein Sold betrug 50 000 Lire, was etwa 350 Franken ausmachte. «Das war damals ein guter Lohn. Denn als Schweizergardist musste ich keinen Rappen Steuern und Wohnungsmiete zahlen.»

Die Liebe liess ihn zurückkehren

Warum Beerli nicht im päpstlichen Dienst bleiben und zum Vize-Korporal aufsteigen wollte, hatte einen Grund: die Liebe. Auf seine spätere Frau Lisbeth hatte er zwar schon ein Auge geworfen, als er noch Jungwachtleiter war. Doch bei ihrem Besuch in Rom funkte es dann so richtig. Deshalb wollte Beerli in die Schweiz zurück und eine Familie gründen. Das Paar zog es nach Baden, wo er nach Weiterbildungen bis zu seiner Pensionierung bei der Raiffeisenbank arbeitete.

Dieses Jahr feierten Lisbeth und Alfred Beerli ihren 55. Hochzeitstag. Tochter Anita und Sohn Beat haben ihnen fünf Grosskinder geschenkt, die mittlerweile zwischen 17 und 31 Jahre alt sind. Viel Zeit ist verstrichen seit dem Aktivdienst in der Schweizergarde. Sportlich ist der Wahl-Badener aber heute noch. An seinem Körper ist kein Gramm Fett. 2012 pedalte er mit 72 rund um die Schweiz. «Früher nahm ich noch an Waffen- und Marathonläufen teil», erzählt er und streicht sich über das etwas schütter gewordene Haar.

Eine weitere sportliche Leistung vollbrachte er 2006 anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Schweizergarde. «Vor 500 Jahren marschierten 150 Männer zu Fuss nach Rom. Der Plan unseres Organisationskomitees war, diese Strecke als Gedenkmarsch nochmals zurückzulegen.» 710 Kilometer wollte die Truppe in 25 Tagen schaffen. Beerli war Marschleiter. Er rekognoszierte im Vorfeld die ganze Strecke und führte Buch über jeden Meter. Am 7. April 2006 starteten 77 ehemalige Schweizergardisten mit einem Begleittross aus 21 Fahrzeugen für Verpflegung und Gepäck nach Rom. Beerli stand unter Vollstrom, weil er die gesamte Verantwortung trug.

71 Teilnehmer schafften die ganze Strecke. 28 Tage später zog die Marschgruppe in Rom ein. «Papst Benedikt XVI. begrüsste uns. Allerdings nicht persönlich. Er winkte – wie das seine Art war – distanziert vom Balkon herunter und hielt eine kurze Ansprache.» Bis heute besucht Fredi Beerli regelmässig die jährlichen Versammlungen der ehemaligen Schweizergardisten der Sektion Argovia. Und arbeitet ab und zu für einige Wochen beim Aufräum- und Abwaschdienst in der Kantine der Schweizergardisten im Vatikan mit, der seit vielen Jahren von Ehemaligen geleistet wird.

Austausch mit alten Kameraden in Baden

«Im Laufe der Jahre sind Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten. Auch wenn die Leute in meinem Alter langsam wegsterben», erzählt Beerli und wird nachdenklich. Trotz seines gesundheitsbewussten Lebenswandels musste er sich 2008 einer Operation an der Bauchspeicheldrüse unterziehen. 2013 kam Diabetes dazu. Seither spritzt er sich täglich Insulin. Grosse Wünsche hat er für seinen Lebensherbst keine mehr. Er war schon immer bescheiden, und so zählt für den heute 79-Jährigen nur noch: «Gesund bleiben, mein Umfeld pflegen und den Rest der Zeit geniessen, die mir auf Erden noch beschieden ist.»

Auf die Zentraltagung in Baden freut sich Beerli besonders, weil er hier in seiner Heimat viele Kameraden und Ehemalige treffen wird. Und er hofft, dass beim Gedankenaustausch mit ihnen wieder viele Erinnerungen lebendig werden an die eigene Aktivzeit in Rom.

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