Alois Bühler

Das tägliche Brot und das Salz des Lebens – Badener veröffentlicht Bildband

Alois Bühler zeichnen Eigenschaften aus, die gewöhnlich als Gegensätze gelten: Unternehmergeist und Kunstwillen. Nun veröffentlichte er einen Bildband über sein vierzigjähriges Schaffen.

Es ist in mancher Hinsicht aufschlussreich, sich mit Unternehmern über ihr musisches Fach zu unterhalten. Etwa über das Fotografieren. Es gibt, zumindest im Aargau, dafür einige Beispiele. Einer von ihnen ist Alois Bühler aus Baden-Dättwil, heute 70-jährig. Bühler veröffentlicht aktuell einen aufwendigen Band mit eigenen Fotos aus den letzten vierzig Jahren. Für ihn ist die Fotografie (und die Musik) zeitlich ein Neben-, aufs Leben bezogen aber ein Wesens-Fach. Heisst: Die Unternehmung sorgte fürs Brot, aber nicht ausschliesslich für das Salz des Lebens.

Sein Berufsmetier – Hochbau – lernte Alois Bühler von der Pike auf und stellte es trotz gelegentlich äusseren Schlagwetters auf solide Basis, zusammen mit einem Kompagnon. Als Architekturzeichner mit unzulänglichem Lohn, vor allem hinsichtlich einer Familie, schaltete der junge Bühler ein Inserat für eine Lehrstelle als Maurer. Er bekam acht Angebote und bezog fortan mehr Lohn als Lehrling denn als Zeichner. Es folgten die Stufen zum Polier, Bauführer, Chef-Bauführer, ein Umzug in den Thurgau und zurück nach Baden. Im Segelhof-Quartier baute Bühler ein Reihenhaus, um nicht mehr wegzuziehen. Auch jetzt nicht, im Alter. Für die Haustreppen aus rutschfestem Glas, sagt er, gäbe es – bei allfälliger Gebrechlichkeit – inzwischen preisgünstige Lifte.

Entlegene Orte in Indien oder Nepal kennt er präzise

Alois Bühler sitzt zwischen Abdrucken seiner Schwarz-weiss-Bilder – und zwischen Elefanten. Ohne Zweifel sein Lieblingstier. Von Künstlern erwarb er Elefanten als Gartenskulpturen; weitere sammelte er selber im Lauf vieler Reisen. Vierzig Jahre lang, sagt Bühler, habe er nie länger reisen können als zwei Wochen pro Jahr. Die aber nutzte er ausgiebig. Die entlegenen Orte, wo er jeweils war, und sei es Nepal oder Indien, kennt er bis heute präzise, auch die Berge und Grate, welche das Ehepaar Bühler, Mitglieder des SAC, hierzulande erklommen hatte.

Die Familie musste oft stehen bleiben und sich in Geduld üben, bis Bühler sein passendes Bild im Kasten hatte. Die beiden Töchter sahen den Strand meist von ferne. Oder man handelte Familienkompromisse aus wie in Kreta: Landschaft/Ruinen/Strand. Umgekehrt begleitete Bühler dann seine Tochter ans «Wave-Gotik-Treffen» in Leipzig, wo alle junge Weiblichkeit, halb-gespenstisch, in schwarzen Fummeln wandelte; Bühler fotografierte natürlich auch da. Eine Auswahl seiner Bilder hängt gerahmt an der Wand. Einen Querschnitt aus vier Jahrzehnten bietet Bühlers neues Buch jetzt: «Chrut und Rüebli». Der weitaus grösste Teil (rund 20000 Fotos) befindet sich im Keller, im Archiv, wie auch Bühlers Labor.

Eine verwirrende Kreuzung in Baden.

Eine verwirrende Kreuzung in Baden.

Das Labor ist Bühlers eigentliches Schaffensaggregat. Das Bild im Kamerasucher sei nur Ausgangspunkt, sagt er, die Entwicklung des Bildes danach der bedeutsame Prozess. Nicht zuletzt für die Entwicklung als Fotograf selber: «Man wird immer heikler, kritischer, anspruchsvoller.» Dafür hatte Bühler auch teures Gerät angeschafft, als er – beeinflusst von Peter Gasser, dem grossen Fotografen (auch er ursprünglich Maurer) – das sogenannte Zonensystem anwandte. Der Grund ist darum denkbar einfach, weswegen Bühler nie auf Farb- oder Digital-Fotografie umsatteln wollte: die Passion fürs Labor.

Doch wie hat’s angefangen? Nicht bei musischen Adern, die sich durch Familie und Ahnen zogen wie so oft; Bühlers Eltern führten eine in der Region damals klassische Existenz: Vater bei der BBC, die Mutter hütete die Kinder. Nein, der Impuls kam auf Achse, mit Freunden im VW-Bully durch die Türkei oder Griechenland. «Wir standen beinahe Schlange», erzählt Bühler, «um einmal durch die Spiegelkamera zu blicken, die einer von uns dabei hatte.» Die anderen mussten sich noch mit Kodak Instamatic begnügen – «die mit dem Blitzwürfel oben auf» – oder, wenn es hochkam, mit einer Polaroid.

Ein Migros-Klubschule-Kurs wurde dann zum entscheidenden Auslöser. Anerkennung von aussen beflügelte. Unter anderem ein gewonnener Foto-­Wettbewerb, ausgeschrieben vom «Badener Tagblatt» und vom italienischen Konsulat in Wettingen. Eine Einzelausstellung im «Melonenschnitz». Ein erfolgreiches Buchprojekt mit dem jüngst verstorbenen Architekten, Maler und Zeichner Attila Herendi.

Mehr Anerkennung für sein fotografisches Werk erwartet

Wie immer Alois Bühler die Resonanz auf seine Fotos empfunden haben mag – äusserlich gefasst und ausgeglichen, bleibt anzunehmen –, so hat er doch stets ganz genau darauf geachtet, was andere fotografisch leisteten und veröffentlichten. Ganz besonders prüfte er sicherlich, ob sich zwischen den sogenannten Profis und den Autodidakten, von denen es viele gibt beim Fotografieren, signifikante Unterschiede fanden. Froh, als Profi nicht vorrangig das fotografieren zu müssen, was andere in Auftrag gaben, froh also um die Freiheit der «Nebentätigkeit», durchaus im Wissen, dass ihm für die radikale Entscheidung zum Fotografen der Mut fehlte, fand es Bühler doch zuweilen enttäuschend oder gar ärgerlich, wenn Stars der Szene Mässiges ablieferten (um hier – von uns aus – nicht gleich «Pfusch!» zu rufen wie beim Badenfahrt-Fotoband eines namhaften Fotografen 2007). Explizit verliert Alois Bühler kein Wort darüber, natürlich nicht, aber es ist zu spüren: Er hätte wohl in den vielen Jahren gelegentlich auch etwas mehr Anerkennung für sein fotografisches Werk erwartet.

Szene von Aufbauarbeiten an einer Badenfahrt.

Szene von Aufbauarbeiten an einer Badenfahrt.

Die gab es anderseits – wenn auch indirekt – in bemerkenswerter Form: Zu den Werkschauen und Vernissagen, die Bühler während eines Vierteljahrhunderts jeweils am zweiten Samstag im Januar privat durchführte, meldeten sich stets Helfer auch aus dem Quartier; 26 waren es bei der Vernissage zu «Chrut und Rüebli». Gleichzeitig waren diese Happenings gewissermassen Kunstförderung, lud Bühler doch jedes Mal Leute ein aus diversen Kunstsparten, um ihr Schaffen zu zeigen. Und – sozusagen als Tauschhandel unter Kreativen – ein geschenktes Werk mit einem anderen zu verdanken. «Jedes Mal», sagt Bühler, «hätte ich beim Aufwand auch gut und gern in die Karibik reisen können.» Nicht einmal fuhr Bühler in die Karibik. Die Januar-Vernissagen waren Wegmarken, Leuchttürme. Braucht es noch einen Beleg für den Stellenwert des Fotografierens in seinem Leben? Feststeht: Autodidakten lehren uns des Öftern, nachdrücklicher als manche erklärten Künstler selber: Kunst ist nicht nur das Salz, sondern bildet à la longue auch das Brot des Lebens.

Alois Bühler: «Chrut und Rüebli» – Ausgewählte Bilder 1976–2018.191 Seiten. Baden 2020. 68 Franken. Zu beziehen unter: www.aloisbuehler.ch

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