Am Montagabend wird, wenn nichts schiefgeht, der 27-jährige Simon Binder zusammen mit seinem gleichaltrigen Schulfreund Carlo Possenti zum Co-Parteipräsidenten der CVP der Stadt Baden gewählt. Binder? Baden? Richtig! Sein Grossvater ist der ehemalige National- und Ständerat Julius Binder, sein Vater der ehemalige Grossrat und heutige Honorarprofessor Andreas Binder. Doch damit nicht genug: Sein anderer Grossvater ist der ehemalige Nationalrat Anton Keller und seine Mutter die heutige Grossrätin Marianne Binder-Keller. Die «NZZ am Sonntag» hat kürzlich in einer kleinen Randglosse vermerkt: «Die Binders, Politdynastie, sind im aargauischen Baden, was die Kennedys im amerikanischen Washington.»

Julius Binder ist heute 89 Jahre alt. Der ehemalige Rechtsanwalt hat eine eindrückliche Karriere als CVP-Politiker hinter sich. Er war Vizeammann von Baden, Grossrat, Präsident des aargauischen Verfassungsrates, National- und Ständerat. 1982 wäre er um ein Haar Bundesrat geworden: Er unterlag, «dank» einer Innerschweizer Intrige, nur ganz knapp dem Luzerner Alphons Egli.

Julius Binder (89) mit Ehefrau.

Julius Binder (89) mit Ehefrau.

Anton Keller, der andere «Dynastie-Gründer», ist gut neun Jahre jünger. Der promovierte Philologe war während 37 Jahren Lehrer für Deutsch und Geschichte an der Kantonsschule Baden und beliebt für seinen aktuellen, politisch unterlegten Unterricht. Auch er hatte in der Partei und auf allen Staatsebenen zahlreiche Ämter und Mandate inne. Doch er entstammte der «anderen Seite» der CVP: Er hat sich in der christlich-sozialen Bewegung engagiert. Daneben war Keller sowohl militärisch aktiv (als Oberst im Generalstab) wie auch kulturell engagiert, etwa als Leiter des Theaters Kornhaus Baden oder als Mitglied des Aargauer Kuratoriums.

Auf der Binder-Seite hat der mittlere Sohn Andreas den CVP-Stab weitergetragen. Er hat zusammen mit seinem älteren Bruder und weiteren Partnern des Vaters Anwaltskanzlei übernommen. Und er war von 1997 bis 2009 eines der auffälligsten Mitglieder des Grossen Rates. Der «schnelle Brüter» und klare Denker setzte sich vor allem für grundsätzliche Fragen der Staatsführung und des Politbetriebes ein und betätigte sich erfolgreich als Mehrheitsbildner.

Doch nach 12 Jahren und einem einmaligen Versuch, Nationalrat zu werden, entschied sich Binder gegen eine weitere politische und für eine wissenschaftliche Karriere: Er wurde als Honorarprofessor für Schuld- und Gesellschaftsrecht an die Universität St. Gallen gewählt. In einem Interview zu seinem Abschied aus dem Grossen Rat sagte er: «Ich verbrate in diesem Rat einfach zu viel negative Energie.» Hinter der Kulisse ist Andi Binder aber immer noch für die CVP tätig.

Simon Binder (27)

Simon Binder (27)

Nein, seine Heirat mit Marianne Keller war keine CVP-Liaison, schon gar nicht eine arrangierte Ehe: Als sich die beiden 1979 im Trudelkeller in Baden kennen lernten, wussten sie gegenseitig nichts von ihren prominenten Politiker-Vätern. Marianne, aufgewachsen mit drei Brüdern in Untersiggenthal, drängte es schon früh auf die Bühne (der Öffentlichkeit). Neben ihrer Tätigkeit als Primarlehrerin moderierte sie als 22-Jährige für das Schweizer Fernsehen Kindersendungen. Später trat sie als Einfrau-Politikkabarett auf und moderierte für den Sender Tele M1.

2005 fragte sie die damalige Parteipräsidentin Doris Leuthard, ob sie Kommunikationschefin der CVP Schweiz werden wolle. Damit wurde Binder zur pointierten Verkäuferin der Partei und ihrer Positionen (die NZZ nannte sie «kenntnisreiche Chefköchin der CVP»). Sie galt in Bern als begnadete Netzwerkerin. 2013 wechselte sie auf die aktive Politbühne: Sie wurde auf Anhieb in den Aargauer Grossen Rat gewählt. Das Ende ihrer Karriere hat sie damit wohl nicht erreicht. Affaire à suivre.

Andreas Binder (57).

Andreas Binder (57).

Und jetzt also Simon, die dritte Generation. Der 27-jährige Jurist ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Wirtschaftsdachverband economiesuisse in der Kommunikation und der Kampagnenarbeit. Im letzten Herbst kandidierte er für den Einwohnerrat Baden. Gemeinsam mit Carlo Possenti fiel er mit einer frischen Kampagne auf. Aus dem Stand schaffte er es auf einen vorderen Ersatzplatz. «Er ist sozusagen ein Binder im Keller-Pelz oder umgekehrt», sagt seine Mutter von ihm. Er habe schon als Kind Zeitungen verschlungen und sei ein leidenschaftlicher Debattierer, der den Widerspruch liebe, aber trotz seiner Jugendlichkeit auch vermitteln könne.

Wie gut oderschlecht das Familienleben der Kennedys war, ist nicht im Detail bekannt. Das Familienleben der Binders und Kellers aber ist nach Aussage mehrerer Dynastie-Mitglieder gut und intensiv. Man trifft sich oft, man politisiert, leidet und feiert mit der CVP, redet aber auch über Unpolitisches. Das Familien-Credo: Büsst das politische Zentrum an Kraft ein, steuert das Land auf ein Regierungs- und Oppositions-System zu. Das gilt es unbedingt zu verhindern.

Von zwei «Clan»-Mitgliedern war bisher noch nicht die Rede: von den beiden (Gross-)Müttern. Rosemarie Keller ist eine bekannte Schriftstellerin. Politisiert wurde sie, als ihre Mutter, Wirtin der «Rosenlaube» in Baden, im Krieg Juden Unterschlupf gewährte. Ihr Engagement für Minderheiten und für die Rechte der Frauen fand in mehreren Büchern Widerhall. Und Cilly Binder, die Frau von Julius? Sie wäre, um beim Titel-Bild zu bleiben, quasi die Rose Kennedy: die «Clan-Mutter», die die Familie zusammenhält, eine «gschaffige», liebenswerte Frau mit grosser Organisations-Gabe.

Julius Binder (89) mit Ehefrau.

Julius Binder (89) mit Ehefrau.