Baden

Das Kriegsbeil ausgegraben: Geschwister streiten vor Gericht ums Erbe der Mutter

Die Angeklagten wurden freigesprochen. Jetzt stellt sich die Frage stellt sich nunmehr, ob das Kriegsbeil noch in Griffnähe ist.(Symbolbild)

Die Angeklagten wurden freigesprochen. Jetzt stellt sich die Frage stellt sich nunmehr, ob das Kriegsbeil noch in Griffnähe ist.(Symbolbild)

In Baden standen ein unbescholtenes Ehepaar und ihr Sohn wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs vor dem Richter. Das geht zurück auf einen Erbstreit zwischen zwei Geschwistern, die sich spinnenfeind sind.

Der 73-jährige Paul (alle Namen geändert) und die zwei Jahre jüngere Vera, 71, sind zwar Geschwister. Doch das hindert sie nicht daran, sich spinnefeind zu sein. Der Grund dafür ist – man ist versucht zu sagen, was denn sonst – das Erben. Nach dem Tod der Mutter im 2011 wurde das Kriegsbeil ausgegraben. Um den Scharmützeln ein Ende zu bereiten, leitete Paul ein Erbteilungsverfahren in die Wege. Dieses endete im März 2017 mit einem Vergleich.

In der dazugehörenden Vereinbarung waren die Zuteilungen der wertvollen Objekte der mütterlichen Hinterlassenschaft festgehalten, doch bei weitem nicht das gesamte Hab und Gut im Haus der Verstorbenen. Diese Liegenschaft wurde vom Gericht Vera zum Alleineigentum zugesprochen. Die Wochen bis zur Hausübergabe an Vera nutzte Paul – bis dahin noch im Besitz eines Haustürschlüssels –, um eine Reihe der vertraglich nicht zugeteilten Objekte mitzunehmen.

Dies liess Vera das verbuddelt geglaubte Kriegsbeil wieder ausgraben – nunmehr in Form einer Strafanzeige, und zwar nicht nur gegen ihren Bruder: Auch Schwägerin Marlene, 71, und Neffe André, 45, wurden im Januar 2018 für dreieinhalb Stunden in Haft genommen.

Goldvreneli und Kupferkessel

Aus den Einvernahmen bei Polizei und Staatsanwaltschaft resultierten zu guter Letzt Beschlagnahmungen im Haus von Paul sowie drei Anklagen wegen Diebstahls und mehrfachen Hausfriedensbruchs. Und so mussten sich Ehepaar und Sohn vor Einzelrichter Peter Rüegg verantworten. Wobei Vera es vorzog, der Verhandlung fernzubleiben und sich durch ihre Anwältin vertreten zu lassen.

Vor den Schranken versicherte der 73-Jährige vehement, nur ihm zustehenden Objekte aus dem Haus der Verstorbenen mitgenommen zu haben: «Es ging nicht anders, denn meine Schwester hat jegliches Gespräch strikt verweigert, jede Annäherung total boykottiert.»

Verhalten «von Eifersucht und Neid» geprägt

Die Liste der polizeilich beschlagnahmten Gegenstände ist lang und reicht von Blechdosen mit Kleingeld, Goldvrenelis, zwei Teppichen, Öllampen, CD-Tower mit Hörbüchern bis zum Wäschekessel aus Kupfer. In ihrem ausführlichen Plädoyer sprach Veras Anwältin von einem Gesamtwert von knapp 29000 Franken. Sie betonte, Paul, Marlene und André hätten den Beschluss, die Objekte aus dem Haus zu holen, gemeinsam gefasst und die Tat gemeinsam ausgeführt. Alle drei, so die Zivilvertreterin, «sollen dafür angemessen bestraft werden».

Die Staatsanwältin forderte für Paul eine bedingte Geldstrafe von 14'400 Franken sowie 2500 Franken Busse; seine Frau sei mit 7200 Franken bedingt und 1400 Franken Busse zu bestrafen. Der Sohn, zusätzlich beschuldigt, 35 Gramm Marihuana und 14,5 Gramm Haschisch besessen zu haben und diesbezüglich einschlägig vorbestraft, sei zu 2700 Franken unbedingt und 300 Franken Busse zu verurteilen. Er habe, so der 45-Jährige vor Gericht bezüglich der Hauptanklagepunkte, «definitiv nichts genommen, nur meinem Vater beim Transport geholfen».

Auch Marlene betonte, nur ihren Mann unterstützt zu haben. Allerdings räumte sie ein, «der Ozelot-Pelzmantel wäre schon ein schönes Erinnerungsstück an die Schwiegermutter gewesen, aber der war Vera zugesprochen.» Das Verhalten von Vera ihr gegenüber sei geprägt gewesen «von Eifersucht und Neid».

«Zum Streiten gehören immer zwei»

Tja, die liebe Verwandtschaft… Vera indes hat ihr Ziel nicht erreicht: Zum einen werden die beschlagnahmten Gegenstände nicht an sie ausgehändigt, sondern Paul zurückgegeben – so der Nebenpunkt im Urteil von Richter Peter Rüegg. Zum andern sprach Rüegg bezüglich Hausfriedensbruch und Diebstahl alle drei von Schuld und Strafe frei.

«Zum Streiten gehören immer zwei.» Mit dieser lakonischen Feststellung begann Rüegg seine Urteilsbegründung: Da Paul ganz offiziell noch im Besitz des Schlüssels zum Haus der Verstorbenen war, sei der Vorwurf des Hausfriedensbruchs hinfällig.

Ist das Kriegsbeil noch in Griffnähe?

«Der Tatbestand Diebstahl setzt laut Gesetz ‹eine Absicht zur unrechtmässigen Bereicherung› voraus, und eine solche ist von der Staatsanwältin nicht belegt.» Auch habe Paul durchaus davon ausgehen können, Anspruch auf einen Teil des restlichen Mobiliars und Hausrates zu haben. André muss wegen der Betäubungsmittel 300 Franken Busse bezahlen. Veras happige Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen werden auf den Zivilweg verwiesen.

Was die Herausgabe sämtlicher beschlagnahmter Gegenstände betrifft, gab der Richter Paul noch zu bedenken, dass seine Schwester Vera durchaus erneut Anspruch darauf erheben könne... Die Frage stellt sich nunmehr, ob das Kriegsbeil noch in Griffnähe ist.

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