Vollends dunkel ist der Saal in der Stanzerei, nur wenige Lampen an der Decke werfen ihr Licht gezielt auf die drei Dinge, auf die es bei diesem lyrischen Abend darauf ankommt: Musikerin Christina Reburg am Flügel, Tenor Ron Epstein und Schauspieler Walter Küng. Das Publikum sitzt ganz nahe, lauscht still und konzentriert dem Gesang und den rezitierten Texten: «Leise flehen meine Lieder durch die Nacht zu dir. Liebchen, höre mich! Bebend harr’ ich dir entgegen! Komm, beglücke mich!»

Vor den Nazis geflüchtet, in der Schweiz gestorben

So anzüglich amüsant wie bei diesem Ständchen von Franz Schubert ging es nicht den ganzen Abend zu und her. Humor hat neben Ernsthaftigkeit aber stets ein bitternötiges Dasein. Gewidmet war der Abend dem österreichischen, jüdischen Tenor Joseph Schmidt, der in den 30er-Jahren zu den bekanntesten Sängern im deutschsprachigen Raum gehörte und mit seinen Schallplatten und Radiosendungen die Zuhörer weltweit entzückte. 1933 musste er vor den Nazis fliehen. Er kam 1942 in die Schweiz und starb im Internierungslager Girenbad in Hinwil ZH wegen mangelnder medizinischer Hilfe.

In der Stanzerei war so Musik aus dem jüdischen Leben und der Welt der Oper zu hören. Klassiker wie «Ein Lied geht um die Welt» oder «Liebe kleine Frau, ich muss dir was gestehen» sowie auch Lieder auf Jiddisch wurden vom Mitglied des Zürcher Synagogenchors Ron Epstein packend und präzise besungen. Ein ernstes lautete etwa frei übersetzt: «Der Jude wird zum gejagten, sein Leben ist eine finstere Nacht, alles ist ihm versagt. Wohin soll ich gehen, wenn jede Türe verschlossen ist? Die Welt ist gross, nur für mich ist sie eng und klein.»

Künstlerische Experiemente

Nur zirka 30 Zuhörer kamen an diesem Abend in die Stanzerei. Kein Problem: «Wir bieten ein Nischenprogramm an», erklärt Barbara Zulauf, Mitorganisatorin der Veranstaltungsreihe «Endlich Mittwoch!». Da gibt es etwa Literaturabende, eine «Solostunde», bei der ein Musiker eine Stunde lang mit seinem Instrument spielt, dann klassische Musikabende «in ungewöhnlichen Instrumentierungen» oder Experimentierabende, bei denen die Künstler volle Narrenfreiheit erhalten. Bei «Umelieder» wird «ein unkonventioneller klanglicher Spaziergang entlang des Schweizer Liedguts» durchgeführt, bei «Greyhound», angeführt vom Oberrohrdorfer Theatermacher Werner Bodinek, treten ältere, hochkarätige und leider auf den grossen Bühnen oft viel zu früh ausgemusterte Schauspieler auf. Bei «Baslerhaslerkuhn» führen Patti Basler, Etrit Hasler und Philippe Kuhn ein humorvolles, brisantes Gespräch mit Gästen aus Kunst und Politik – heute Abend etwa mit Nationalrätin Ruth Humbel und Rapper Knackeboul. «Es ist die einzige satirische Show im Kanton», versichert Barbara Zulauf. Am beliebtsten schliesslich ist die Reihe «Songcircle», in der Adrian Stern und Hendrix Ackle mit anderen Musikerin aus der Schweizer Songschreiberszene spielen. Der nächste Abend Anfang Mai ist bereits ausverkauft.

Positive Saisonbilanz

Überhaupt ist die Bilanz dieser bereits siebten Saison durchweg positiv. «Die Besucherzahlen sind im Schnitt höher als letztes Jahr», sagt Barbara Zulauf. «Vor allem haben wir inzwischen ein Stammpublikum aufgebaut.» Die Veranstaltungsreihe wird demnach im gleichen Rahmen weiter gehen. Zielgruppe ist meistens ü40. «Viele kommen auch alleine und fühlen sich auch so wohl bei uns», sagt sie. «Und die Künstler schätzen die Nähe zum Publikum. Die Konzentration ist dann höher.»

«Endlich Mittwoch!» brisant-satirisches Gespräch mit Ruth Humbel und Knackeboul, heute Mittwochabend, 10. April, 20.15 Uhr, Stanzerei Baden.