Lucies Mörder
Daniel H.: Vom netten Burschen zur Bestie, die Lucie getötet hat

Er habe Lucie getötet, weil er zurück ins Gefängnis wolle. Das hatte Daniel H. im März 2009, nachdem er sich gestellt hatte, in den ersten Verhören als Motiv für den Mord an Lucie Trezzini angegeben.

Rosmarie Mehlin
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Daniel H. hatte zwei Gesichter – ein charmantes und ein böses.

Daniel H. hatte zwei Gesichter – ein charmantes und ein böses.

Tele Züri

Wenn diese Aussage der Wahrheit entspricht, hatte das Verhängnis knapp sechs Jahre zuvor seinen Anfang genommen, denn am frühen Morgen des 27. Mai 2003 war der damals noch nicht 20-Jährige verhaftet und in U-Haft gesetzt worden und später nahtlos in den Strafvollzug übergetreten.

AZ

In jener Mai-Nacht 2003 war aus dem beliebten Burschen Daniel H. in einem Wald auf dem Mutschellen eine Bestie geworden – genauso wie am 4. März 2009 in seiner Dachwohnung in Rieden bei Baden. Dort hatte Lucie keine Chance. Eva B. hatte sie sechs Jahre zuvor gehabt. Doch auch ihr Leben hatte an einem seidenen Faden gehangen.

Morgens um ein Uhr hatte Daniel H. seine ehemalige Arbeitskollegin Eva B. nach deren Arbeitsschluss bei ihrem Auto abgepasst. Er hatte sie gebeten, ihn zu einem Kollegen zu fahren und unter immer wieder neuen Vorwänden zum Schützenhaus Berikon dirigiert. Dort hatte Daniel H. sein Opfer eine Treppe hinuntergestossen, es an den Haaren gepackt und seinen Kopf mehrfach auf den Steinboden geschlagen und später mit dem Ärmel seiner Jacke gewürgt. Nur weil es Eva B. in letzter Sekunde gelungen war, die Hände zwischen Hals und Drosselwerkzeug zu legen, war sie mit dem Leben davongekommen.

Er war lieb, höflich, zurückhaltend

«Ich hatte von ihr überhaupt keinen Sex, nur eine Umarmung und Mitleid gewollt. Als ich das nicht bekam, bin ich zum Tier geworden. Ich war überhaupt nicht mehr mich selber», hatte Daniel H. an der Verhandlung vor Bezirksgericht Bremgarten am 4. Juni 2004 gesagt. Inzwischen war er fast 21-jährig. Er wirkte jünger, nett, sympathisch. Dieser Eindruck war im Verlauf der Verhandlung von mehreren Zeugen untermauert worden. Als «lieb, sehr höflich, angenehm», hatte ihn seine Ex-Freundin beschrieben, als «zurückhaltend, sehr liebenswürdig, hilfsbereit» sein ehemaliger Arbeitgeber. Daniel H. selber hatte ausgesagt, in ihm sei es plötzlich dunkel geworden: «Alles, was ich bis dahin verdrängt hatte, kam zum Vorschein, ist in mir wie ein Film abgelaufen.»

Er war in einem von ständigen Streitereien vergifteten familiären Umfeld aufgewachsen, als Zehnjähriger Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden, hatte mit 16 zu haschen angefangen, mit 19 eine Lehre im Gastgewerbe begonnen und diese zwei Jahre später Knall auf Fall geschmissen. «Ich war total ausgebrannt und völlig überfordert». Danach hatten Kokain, Alkohol und Schulden sein Dasein bestimmt.

Das Bezirksgericht Bremgarten hatte Daniel H. der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen und in eine Arbeitserziehungsanstalt eingewiesen. «Die Alternative dazu wäre eine langjährige Zuchthausstrafe. In der Arbeitserziehungsanstalt aber bekommt Daniel H. geordnete Strukturen für seinen künftigen Lebensweg», hatte Gerichtspräsident Peter Thurnherr den Entscheid begründet.

Auf Probezeit entlassen

Laut Gesetz kann ein junger Erwachsener höchstens vier Jahre oder längstens bis zu seinem 25. Lebensjahr in einer solchen Institution bleiben. Daniel H., geboren am 5. August 1983, war am 25. August 2008 aus dem Massnahmenzentrum Arxhof entlassen worden, bedingt mit einer dreijährigen Probezeit. Er war in die Dachwohnung in Rieden gezogen und ein halbes Jahr lang war alles gut gelaufen: Er hatte einen Job, regelmässig Kontakt zu seiner Bewährungshelferin, er trank zwar recht viel Alkohol, die Urinproben bezüglich Koks und Hasch hingegen waren negativ.

Mitte Februar 2009 hatte sich dann aber die Krise anzubahnen begonnen: Daniel H. verlor seinen Job und begann wieder Drogen zu konsumieren. Aus eigenem Antrieb hatte er sich bei einer Suchtklinik gemeldet und einen Termin für ein Gespräch am Nachmittag des 3. März bekommen. Nachdem er 45 Minuten zu spät eingetroffen war, war ein neuer Termin auf den 10. März abgemacht worden. Doch auch diesen Termin konnte er nicht wahrnehmen. Denn nach dem Mord an Lucie am 4. März stellte sich Daniel H. am 9. März der Polizei.